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Ausstellung

Große

Novembergruppe-

Retrospektive



Ausstellungsplakat: Hannah Höch, Der Zaun, 1928 | © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Gestaltung: Bureau Mario Lombardo

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„Unserer jahrelangen Kampfansage ist endlich der Kampf gefolgt. Die politische Umwälzung hat für uns entschieden. Maler, Bildhauer, Architekten des neuen Geistes, die Revolution fordert unsere Sammlung!“ So beginnt der Aufruf, sich der am 3. Dezember 1918 noch während der Novemberrevolution in Berlin gegründeten Novembergruppe anzuschließen. In den ersten Monaten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik folgten diesem Aufruf 170 deutsche und internationale Künstler an. Es sollte kein wirtschaftlicher Schutzverband, kein bloßer Ausstellungsverein sein, sondern eine „Vereinigung der radikalen bildenden Künstler“.

Der Wahlspruch hieß: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ Man wollte mit Kunst den Aufbau einer neuen Gesellschaft und die Formung eines neuen Menschen befördern und hatte die „engste Vermischung von Kunst und Volk“ zum Ziel. Die Vereinigung, deren Name auf eine Idee des Maler Max Pechstein zurückgeht, war dabei offen für alle aktuellen Stilrichtungen wie Kubismus, Futurismus, Expressionismus, Dadaismus, Abstraktion und Neue Sachlichkeit. Unter den Mitgliedern waren Maler und Bildhauer sowie Architekten des „Neuen Bauens“. Aber auch Filmemacher, Schriftsteller und Komponisten gehörten zu Novembergruppe.

Gab es bisher nur vereinzelte kleinere Ausstellungen zur Arbeit der Novembergruppe, deren Vereinsarchiv nach der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten 1933 leider verloren ging, so stellt die zum 100. Jubiläum gestaltete Ausstellung Freiheit - Die Kunst der Novembergruppe 1918-1935 in der Berlinischen Galerie die wohl bisher umfangreichste Schau zum vielseitigen Schaffen der Künstlervereinigung dar und rekonstruiert so die Chronik der Novembergruppe. 119 Werke von 69 KünstlerInnen, darunter 48 Gemälde, 14 Skulpturen, 12 Architekturmodelle und -zeichnungen hat die Berlinische Galerie aus eigenen Beständen und Leihgaben anderer Museen wie z.B. der Berliner Nationalgalerie, der Akademie der Künste sowie dem Bauhaus-Archiv Berlin, dem Sprengel Museum Hannover, oder auch dem Museum of Modern Art (MoMA) New York zusammengetragen.

* * *

Im Prolog zur Ausstellung zeigen Fotografien u.a. von Willy Römer, dessen Aufnahmen von Berlin in der Revolution 1918/19 gerade auch eine Ausstellung im Museum für Fotografie / Helmut-Newton-Stiftung Berlin gewidmet ist, Ereignisse aus den Tagen der Novemberrevolution und den ersten Jahren der Weimarer Republik in Berlin wie einen Aufmarsch einer Volksmarinedivision, Kundgebungen und Demonstrationen sowie ein Foto des Kapp-Putsches 1920, der auch in einem Gemälde von Else Hertzer in expressionistischem Stil festgehalten ist. Um die Berliner zur Besonnenheit und zum Gang an die Wahlurnen zu bewegen, gab der sogenannte „Werbedienst der deutschen sozialistischen Republik“ 1918/19 Propagandaplakate bei den Künstlern der Novembergruppe in Auftrag. Die Künstlervereinigung in Diensten des jungen Staats. Max Pechsteins Aufruf zur Ruhe und Ordnung mit der Überschrift „Erwürgt nicht die junge Freiheit“ zeigt ein nacktes Kleinkind eine rote Fahne umklammernd. Plakate von Heinz Fuchs richten sich gegen Streiks und rufen zur Arbeit auf.



Otto Möller, Straßenlärm, 1920 | © Christoph Möller, Diessen/Ammersee, Repro: Kai-Annett Becker


Ansonsten begrüßten die Künstler mehrheitlich die neue Freiheit und schauten zuversichtlich in die Zukunft, enthielten sich aber weitestgehend politischer Äußerungen und Parteiempfehlungen. So beschäftigen sich die Bilder und Skulpturen des ersten Auftritts der Novembergruppe bei der Großen Berliner Kunstaustellung im Glaspalast am Lehrter Bahnhof vor allem mit kosmischen und religiösen Themen. Beispielhaft dafür stehen Karl Völkers Gemälde Geburt oder das biblische Garten-Eden-Motiv in Georg Tapperts Komposition I. Eine Lithografie Paul Klees zeigt Zerstörung und Hoffnung. Von Otto Müller ist das kantig verschachtelte Gemälde Straßenlärm zu sehen. Expressionismus und Kubismus beherrschen die meisten der hier ausgestellten Werke.

Der Einfluss des aufkommenden Dadaismus nimmt aber immer mehr zu. Nachdem die Gründer Pechstein und Tappert einigen Künstlern zu unpolitisch wurden und man ihnen vorwarf, nach Professorenposten zu streben, veröffentlichten 1921 die Künstler aus dem linken Flügel der Novembergruppe um Otto Dix, George Grosz, Raoul Hausmann, John Heartfield, Hannah Höch, Rudolf Schlichter und Georg Scholz sogar einen Aufruf in der Zeitschrift Gegner gegen Spießertum und die Verbürgerlichung der Künstlervereinigung. Weiterhin wandte man sich gegen Zensur, da die Auswahljury veristische Bordellszenen von Rudolf Schlichter und Otto Dix von der Großen Kunstausstellung 1921 ausgeschlossen hatte. Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt die dafür von Dix eingereichte Radierung Suleika, das tätowierte Wunder. Ähnliche Probleme hatten die kritischen Bilder des kommunistischen Malers Georg Scholz, von dem hier Grafiken und das wenig schmeichelhafte Portrait kaisertreuer Industriebauern zu sehen ist, oder George Grosz, dessen legendäres Gemälde Stützen der Gesellschaft reaktionäre Kräfte der Weimarer Republik vorführt.

Spannungen zwischen den einzelnen Kunststilen gab es immer wieder. Auch Vertreter des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit vertrugen sich nicht gerade besonders gut. Die Gilde der Architekten wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Hans Sharoun, Max Taut, Hans Pölzig, Hans und Wassili Luckhardt, deren zukunftsweisenden Entwürfen der 20er Jahre ein ganzer Raum gewidmet ist, verließen 1927 die Novembergruppe und gründeten die Vereinigung Der Ring. Auch die Bauhauslehrer Max Schlemmer und Lyonel Feininger sowie der Bildhauer Rudolf Belling, dessen berühmte Bronzeskulptur Dreiklang hier ausgestellt ist, traten aus der Novembergruppe aus.

Im Großen und Ganzen brachte es die Novembergruppe bis zum Ende ihres Bestehens aber auf immerhin knapp 40 nationale und internationale Ausstellungen mit Werken von rund 480 Kunstschaffenden u.a. auch von internationalen Künstlergrößen wie Marc Chagall, dem russischen Konstruktivisten El Lissitzky mit seinem experimentellen Proun-Räumen (Grafiken dazu zeigt die Ausstellung), dem russischen Avantgardisten Iwan Puni mit seinem bekannten Gemälde Synthetischer Musiker, dem holländischen De-Stijl-Künstler Theo van Doesburg oder seinem Malerkollegen Piet Mondrian, dessen abstraktes Farbflächen-Tableau I ausgestellt ist. Eine weitere Sonderstellung gehört expressionistischen Experimentalfilmern wie Ludwig Hirschfeld-Mack mit seinen Farblichtspielen, oder Walter Ruttmann mit seinen abstrakten Opus-Lichtspiel-Kurzfilmen. Einige Hörfunkmittschnitte dokumentieren Werke junger Dichter und Komponisten der Novembergruppe.



Conrad Felixmüller, Der Agitator, 1946, Neufassung des zerstörten Gemäldes von 1920
© bpk / Nationalgalerie, SMB / Klaus Göken, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018


Von einem aktiven Vereinsleben zeugen nicht zuletzt eine Auswahl von künstlerisch gestalteten Ausstellungskatalogen, Zeitschriften und Einladungskarten zu den zahlreichen Silvesterbällen und Karnevalsveranstaltungen der Novembergruppe. Wenig glanzvoll dagegen ist das Ende der Künstlervereinigung. Nachdem viele Vertreter der Gruppe bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten als entartet verfemt wurden, muss der letzte Vorsitzende César Klein 1935 die Gebühr für die Löschung aus dem Vereinsregister bezahlen. Doch bis in die beginnenden 30er Jahre hinein reagieren die Künstler der Novembergruppe immer wieder auf gesellschaftliche Veränderungen. Hanna Höch, eine der wenigen Frauen der Novembergruppe, dokumentiert mit ihrer Collage Die Journalisten den Diskurs um die Künstlervereinigung in den Printmedien, Conrad Felixmüller malt seinen expressionistischen Agitator, César Klein warnt noch1933 mit seinem Gemälde Kreuz vor Barbaren. Jüdische Künstler erhalten Berufsverbot, gehen in den Untergrund, oder werden wie Ines Wetzel (ein Selbstbildnis von ihr hängt in der Ausstellung) im KZ umgebracht.

Stefan Bock - 22. November 2018
ID 11058
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinischegalerie.de/


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