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Werkbetrachtung

L´Absinthe von Edgar Degas



Sein Vater war ein gebürtiger Neapolitaner und leitete die Pariser Niederlassung der Familienbank. Seine Mutter eine Kreolin aus New Orleans. Der französische Maler und Bildhauer Edgar Degas (1834-1917) unterbricht knapp 20-jährig sein Jurastudium und nimmt Malunterricht bei einem Schüler von Ingres. Aber schon während des kurzen Studiums verbringt Degas mehr Zeit im Louvre als im Hörsaal. Wie alle, die es sich leisten können, geht auch Degas auf eine längere Bildungsreise nach Neapel, Rom und Florenz und macht Fortschritte in der Malerei. 1859 kommt er als Maler nach Paris zurück und widmet sich u.a. der Historienmalerei. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg geht Degas nach New Orleans. Seine Familie ist dort im Baumwollhandel involviert. 1874 schließt er sich in Paris den Impressionisten an, sieht sich aber weiterhin als figurativ-realistischer Maler.

Das Gemälde L’Absinthe entsteht 1875/76.



L´Absinthe von Edgar Degas | Bildquelle: Wikipedia


Ein Mann und eine Frau sitzen nebeneinander im Café de la Nouvelle Athènes, am Place Pigalle – damals ein Lieblingsort der Impressionisten. Degas platziert die beiden Protagonisten am rechten Rand des Bildes. Die Frau sieht unglaublich traurig aus und starrt lethargisch ins Nichts. Vor ihr steht ein volles Glas mit bereits gestrecktem, hellgrünem Absinth. Ihre Hände, die auf ihrem Schoß liegen, hat Degas nur angedeutet. Die Frau ist jung und sieht gepflegt aus, trägt einen Hut und Schuhe mit Schleifen. Ihr Rock ist braun wie die Lehne der Bank, auf der sie sitzt. Hinter der Bank sieht man die Schatten der beiden Figuren. Wahrscheinlich geht gerade die Türe auf, denn ein Teil der Rückwand ist beleuchtet. Der rechte Arm des Mannes ruht angewinkelt auf dem Tisch. Er nuckelt gelangweilt an seiner Pfeife und blickt gleichgültig in den Raum, den wir auch nicht sehen. Der Mann wirkt vernachlässigt, und sein Vollbart ist schlampig. Unter seinem Hut stehlen sich überall seine schwarzen Haare hervor. Sein dunkles Bier steht sehr weit rechts von ihm und könnte auch der Frau gehören. Die leere Wasserkaraffe auf einem runden Metallteller steht dafür auf dem Tisch daneben. Weiter links im Bild kommt einer Zeitung ins Bild. Die Perspektive stimmt nicht, denn das Journal fällt auf den dritten Tisch auf den, der dem Betrachter am nächsten steht. Die Zeitung hat eine Brückenfunktion und leitet weiter zu einem Zeitungshalter vor einen Aschenbecher. So hat jeder der drei abgeschnittenen Marmortische seine Daseinsberechtigung. Außer der Frau ist alles abgeschnitten. Die Pfeife, der Arm des Mannes, die drei Marmortische, die Zeitungen. Das ganze Bild ist verstümmelt, ein Ausschnitt. Die Szene geht auf jeder Seite weiter. Wir sehen das nicht, wissen aber, dass es so ist. Die Hauptfarben in dem Bild sind in dem schmutzig-grünlichen Absinth-Perlmutt-Ton gemalt. Ob die beiden Einsamen zusammengehören oder einfach nur zufällig nebeneinandersitzen, kann man nicht sagen. Sie kommunizieren jedenfalls nicht untereinander und scheinen die einzigen Gäste im Café zu sein. Sehr betrunken sehen sie nicht aus. Der gewöhnungsbedürftige Blickwinkel und die harten, befremdenden Diagonalen, vor allem der Tischreihen sowie die gewollte Asymmetrie, unterstreichen die Isolation der beiden Figuren. Sogar der Fußboden fällt nach vorne ab und vermittelt Unsicherheit. Degas beschreibt mit diesem Werk eine schonungslose No-future-Stimmung. Er hat alles - außer den gut ausgearbeiteten Gesichtsausdrücken - nur angedeutet.


Diese radikale Diagonale verwendet er auch in anderen Werken (s.a. Die Büglerinnen, 1882 und Tanzunterricht, 1874). Mit seinem ausgeprägten Raumgefühl musste er sich einfach auch der Plastik widmen (Tänzerinnen-Figuren).

*

Ähnlich wie bei Toulouse-Lautrec ist auch Degas Welt das Varieté. Er malt die Pariser Bohème: Tänzerinnen, Wäscherinnen, Frauen am liebsten. Der Künstler mag ähnliche Szenen wie in L'Absinthe in diesem Café beobachtet haben. Aber dieses Gemälde ist inszeniert. Die Protagonisten sind bekannt. Die Frau ist Ellen Andrée, bekannte Schauspielerin und Künstlermodell. Der Mann der Maler und Graveur Marcellin Desboutin. In den Skizzen in seinem Notizbuch heißt das Bild „Helene und Desboutin in einem Café“. Ellen Andrée äußert sich später unglücklich darüber. „Die Welt steht Kopf und wir sehen aus wie zwei Idioten“ soll sie gesagt haben. Degas war ein Beobachter, der Skizzen fertigte und im Atelier malte. Mit Landschaften und dem freien Himmel hatte er es nicht so. Seine Werke standen unter Einfluss der Fotografie und der gerade vorherrschenden Japan-Mode. Auch wenn er dem Bild L‘Absinthe impressionistische Lichteffekte verpasste, bestätigt es Degas als Realisten. Das Werk wurde zuerst in Paris ausgestellt, fand aber keine besondere Bedeutung. Im selben Jahr 1877 schockierte es hingegen die Engländer. Für sie war diese schonungslose Darstellung des Alkoholismus entwürdigend. Auch die darin zur Schau gestellte städtische Vereinsamung ging ihnen gegen den Strich.
Christa Blenk - 23. Oktober 2026
ID 16110
Der Spanier Picasso wird das Absinth-Thema ein paar Jahre später in seiner "blauen Periode" aufnehmen (Die Absinth-Trinkerin). Auch der Maler der modernen Vereinsamung, Edward Hopper, befasste sich des Öfteren mit der Isolation. In dem Bild Nighthawks (dt.: Nachtschwärmer) malt er 1942 eine ähnliche Szene.

Der Comte Isaac de Camondo kaufte das Gemälde und übergab es 1911 dem Louvre. 1986 wurde der Bahnhof Orsay zu einem Museum umgewandelt und Degas Werkt zog ins Musée d’Orsay zu den anderen Impressionisten. Das Bild misst 92 x 68 cm und entstand 1875/76.

1915 wurde übrigens der Absinth, eine hochprozentige Mischung aus Wermut, Anis und Fenchel, in Frankreich per Dekret verboten, vor allem wegen seiner halluzinogenen Eigenschaften. Seit ein paar Jahren ist es aber wieder aufgehoben.

Abgesehen davon, war Degas ein begeisterter Kunstsammler von hochgradigen Werken. Sein Nachlass bestand aus über 1.000 Gemälden und an die 4.000 Zeichnungen.


Weitere Infos siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/L%27Absinthe


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