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Werkbetrachtung

Dom über einer Stadt

von Karl Friedrich Schinkel



1814 wurde das Gemälde Dom über einer Stadt von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) auf der Akademieausstellung der Romantiker in Berlin gezeigt. Anschließend landete es im Stadtschloss, bis es seinen festen Platz in der Berliner Nationalgalerie fand. Diese schickte das Bild 1931 zu einer Ausstellung über Romantik in den Münchner Glaspalast. Das bekannte 1854 erbaute Ausstellungsgebäude in der Münchner Innenstadt ging am 6. Juni 1931 in Flammen auf. 3.000 zum Teil hochwertige Kunstwerke fielen dem Feuer zum Opfer, darunter alle 110 Exponate für die Sonderausstellung „Werke deutscher Romantiker von Caspar David Friedrich bis Moritz von Schwind“. Allein neun Werke von Friedrich sind verbrannt und eben auch besagtes Gemälde von Schinkel. Letzterer hatte für sich selbst eine zweite Fassung gemalt, die allerdings am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört wurde. Das Bild wurde hingegen immer wieder kopiert. So soll zum Beispiel Karl Eduard Biermann (1803-1892) für den seinerzeit mit Schinkel befreundeten Dekorationsmaler und Bühnenbildner Carl Wilhlem Gropius ein Duplikat gemalt haben. Diese Version hängt heute in der neuen Pinakothek in München. Die Kopie ist so gut, dass sie kurzfristig für das Original angesehen wurde.



Kope nach: Karl Friedrich Schinkel, Dom über einer Stadt, um 1830 bzw. 1813 (verlorenes Original) | (C) Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Neue Pinakothek München


Schinkel inszeniert einen wuchtig-theatralischen Sonnenuntergang mit Dom-Architektur. Er hatte beim Malen schon den Bau vor Augen. Durch den Einsatz von Licht und einen tiefen Blickpunkt mutiert sein Dom zu einem gewaltigen Bauwerk auf einem Sockel: Schinkel hat ein Denkmal geschaffen. Ein relativ großes Bild, gemalt wie eine Miniatur.

Es sind mehrere, beziehungsweise unterschiedliche Szenen in dem Bild. Im Vordergrund passiert eine im 18. Jahrhundert typische Genre-Szene am Fluss: Um eine hohe, achteckige Säule mit dicken Ringen, die der Befestigung von Booten dienen, tummeln sich unterschiedliche Menschen. Sie wirken fröhlich und sorglos, obwohl sich das Jahr 1813 alles andere als sorgenfrei präsentierte. Einige gehen einer Beschäftigung nach, andere sitzen entspannt auf der Kaimauer und unterhalten sich. Ein gut gekleidetes Paar scheint in das Boot steigen zu wollen, um vielleicht zum Dom überzusetzen, wo schon andere Personen warten. Die Frau mit dem in der Restauration typischen Kragen und Kopfbedeckung hält sich an der Schulter ihres Mannes fest, der mit seinen Favoris ebenfalls nicht aus der Gotik kommt. Sie nähern sich zögernd der Holzrampe, folgen den verführerischen und tänzerischen Bewegungen der barfüßigen, jungen Bootsführer in Kniebundhosen. Weiter links trägt ein Mann gerade ein schweres Bündel eine Treppe hoch. Bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind Kragen, Hauben und Knöpfe an der Kleidung oder Verzierungen an den Booten. Der Künstler selbst gibt dieser Szene eine Nebenrolle, denn sie ist erst beim zweiten Hinsehen wahrzunehmen, wird von der Mächtigkeit und vom Schatten der Domarchitektur verdrängt.

Am gegenüberliegenden Ufer, im Schatten, direkt unterhalb der großen, mittleren Freitreppe liegen auch Boote vertäut, in denen zum Teil noch Passagiere sitzen. Weitere Personengruppen, vielleicht Pilger oder Gläubige, sind neben dem Freitreppen-Areal zu sehen, unter einem beeindruckenden und ebenfalls belebten Aquädukt mit Brückenhäuschen, das die Domanlage mit einem Ortsteil aus Sandstein verbindet. Hier leuchtet noch die Nachmittagssonne. Diese Gebäude sehen italienisch aus –ein Mitbringsel aus Schinkels Italien-Aufenthalten. Ein Tempel im Hintergrund erinnert an die Antike. Unterhalb dieser Ansammlung von Häusern, direkt am Wasser, steht ein von Vegetation umgebener Tempel. Eine Hommage an den von ihm 1801 gebauten Pomonatentempel bei Potsdam. Während das rote, erhöhte Backsteingebäude im Gotik-Stil links im Hintergrund unter lilafarbenen Wolken an die Friedrichswerdersche Kirche denken lässt.

Der Dom selbst gleicht einer Festung und scheint endlos in die Höhe gehen zu wollen, will den Himmel erreichen, was das Erstrebenswerte in der Gotik-Architektur war. Von der Erde in den Himmel. Mehr beeindrucken konnte eine Bauweise die Gläubigen seinerzeit nicht. Die niedrigstehende Sonne durchbricht die filigranen gotischen Türme, verdammt Osttürme, Baumanlage sowie Chor oberhalb der beeindruckenden Freitreppenanlage und den Baumreihen zu einem Silhouetten-Dasein, während die hinteren, westlicheren Türme noch perfekt zur Geltung kommen.

Die Größenverhältnisse sind so von Schinkel beabsichtigt, die Proportionen auch. Diese gotische Fantasiekathedrale ist von Orleans, Mailand und vom Straßburger Münster beeinflusst. Der Dom scheint aus den Bäumen herauszuwachsen. Schinkel verstand die Baukunst als eine „rein aus der Natur heraus, die Natur weiterzubilden“.

Das Wolkengebilde um die vier feingliedrigen Dom-Türme ist delikat, zart und zurückhaltend. Der Himmel oben im Bild blau. Während sich über den Ortsteilen links und rechts des Doms dicke, stürmische Wolken zusammenbrauen. Links der Freitreppe steht ein weiteres Denkmalhäuschen. Das schwarze Wasser vor dem Dom ist ruhig, wie ein Spiegel. Keine noch so kleine Welle vermittelt Gefahr. Schinkel geht hier mit Wasser ganz anders um als sein Romantiker-Kollege Caspar David Friedrich.


*

Karl Friedrich Schinkel hat das Bild im Chaos-Jahr 1813 gemalt. Als 1814 die gegen Napoleon verbündeten Truppen in Paris einzogen, erhielt der Künstler von seinem König Friedrich Wilhelm III einen Auftrag: einen Dom solle er bauen als Dankdenkmal für Preußen. Es sollte eigentlich dieser gemalte Entwurf umgesetzt werden, aber die Kassen waren leer und es blieb beim Leinwand-Entwurf. Dafür durfte Schinkel auf einem Berliner Hügel in 66 Meter Erhöhung eine gotische Kirchturmspitze mit einem Eisernen Kreuz errichten. So kam Kreuzberg zu seinem Namen.

Das Original entstand 1813. Die ausgezeichnete Münchner Fassung (Kopie nach Schinkel ein paar Jahre später) misst 94 x 126 cm und hängt in der Neuen Pinakothek.

Christa Blenk - 16. April 2026
ID 15804
Karl Friedrich Schinkel malte mehrere und unterschiedliche Varianten seiner theatralischen Architekturfantasien. Sie waren sein Versuch, "die liebliche sehnsuchtsvolle Wehmut auszudrücken, welche das Herz beim Klange des Gottesdienstes, aus der Kirche herschallend erfüllt".

Wilhelm von Humboldt verschaffte Schinkel 1810 eine Stelle bei der Berliner Oberbaudeputation. Ein paar Jahre später wurde er Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Schinkel, der Architekt, Stadtplaner und Denkmalpfleger, hielt sich in den ersten Jahren seiner Malerkarriere mit Bildern für den Weihnachtsmarkt über Wasser. Seine großformatigen Dioramen, die er für Wilhelm Ernst Gropius fertigte, leuchtete er dramatisch aus und erweckte sie mit Gesang Mechanik und Figuren zum Leben. Das Publikum liebte solche Inszenierung und verlangte Exotik. So fertigte Schinkel ein Panorama von Palermo von 27 Metern Länge.


Pinakothek-Link zu Schinkels Bild Dom über einer Stadt


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