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Werkbetrachtung

Selbstporträt (1914) von Leo Putz



Im 12. Jahrhundert war Meran Mittelpunkt der Grafschaft Tirol. 1805 musste Österreich diese Grafschaft an Bayern abtreten. Ab 1810 gehörte Meran zum Königreich Italien und ging 1814 in den Befreiungskriegen wieder an das Kaisertum Österreich zurück. Ab 1855 zog es Adelige und gehobenes Bürgertum in den neu geschaffenen Kurort Meran. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Ort erneut italienisch. Im Jahre 1869 hatte Meran 4.229 Einwohner, die in 267 Häusern wohnten. In einem davon wurde Leo Putz (1869-1940) geboren. Sein Vater, Franz Putz, war ab 1870 Bürgermeister von Meran. Der Lokalpolitiker hatte eher wenig Verständnis für seinen kunstliebenden Sohn, weshalb Leo Putz schon als Jugendlicher seine Heimat verließ. Sein Selbstporträt entstand 1914, in einer Zeit, in der der Künstler sich im bayerischen Chiemgau voll der Plein-Air-Malerei widmete.



Selbstporträt (1914) von Leo Putz | Bildquelle: Wikipedia


Das Selbstporträt hat sich vom Jugendstil bereits entfernt und ist eher untypisch für den Künstler, der am liebsten nackte, gewagte Frauenakte malt. Putz porträtiert sich selber im Freien. Er hat die bildnerische Gestaltungsweise des Impressionismus noch nicht ganz verlassen, ist aber auch noch nicht beim Expressionismus angekommen:


Die Farbgebung ist zurückhaltend, bescheiden, schüchtern, fast zart. Leo Putz blickt konzentriert und ernst auf die Leinwand vor ihm, die der Betrachter aber nicht sehen kann. Auf seiner Farbpalette, die er schräg in der linken Hand hält, sind genau die Farbmischungen ausfindig zu machen, in denen auch das Selbstporträt gemalt ist. Ein anmutiges, verwaschenes Gelbbraun, Hellblau, Weiß, ein wenig Lila und Schwarz. Aufmerksam scheint er sich zu begutachten und lässt den Betrachter bei seiner Arbeit zusehen. Eine Hommage an Velazquez? Putz trägt ein weißes Hemd, der Kragen geschlossen. Seine schmale Krawatte ist dunkel wie der große Hut auf seinem Kopf. Sein rechter Arm geht ausgestreckt noch vorne zur Leinwand. Putz hat hier einen ganz eigenen Stil angenommen. Das Bild ist nicht spontan, sondern durchgeplant, organisiert. Mit seiner runden Brille, der Krawatte und dem leicht ergrauten Kinnbart wirkt er wie ein intellektueller, mutiger Bauer oder Freiheitskämpfer. Der Hintergrund ist unruhig, und wäre da nicht der dunkle Hut, würde man sein Gesicht nur schwer herausholen können. Die Perspektive konventionell, nicht aufgelöst. Auf den ersten Blick wirkt er jung. Putz ist zum Zeitpunkt seines Selbstporträts 45 Jahre alt.


Nur vier Jahre später, 1919, scheint ihn der Mut verlassen zu haben. Er zeichnet sich als alten Mann, ohne Haare, ohne Kopfbedeckung, mit einem Freud-Bart, glasigen Augen und angedeutetem Hemdkragen.

*

Die Landschaften oder Frauenakte von Leo Putz sind dem Impressionismus zuzuordnen, beeinflusst vom Lichtmaler Sorolla und vor allem von den französischen Impressionisten. Die zum Teil ironischen, sehr gewagten, auch provozierenden Karikaturen oder Plakatentwürfe orientieren sich am Jugendstil oder am Symbolismus. Leo Putz setzt Lichteffekte gekonnt und virtuos ein, vor allem bei den Aktbildern. Einige von ihnen werden allerdings aufgrund des ersten Anti-Pornographie-Gesetzes 1900 wegen sittlicher Bedenken schnell wieder aus den Galerien entfernt. Den Expressionismus berührt Putz nur am Rande.

Als Sechzehnjähriger geht Leo Putz ohne die Zustimmung seines Vaters nach Wien und nimmt Zeichenunterricht bei seinem Stiefbruder. Ein paar Jahre später kommt er in München an und studiert bei Gabriel von Hackl, später auch in Paris. 1897 wird er Mitglied in der Münchner Secession und kurz darauf Mitbegründer der progressiven Künstlervereinigung Die Scholle, deren Maxime der unbedingte Individualismus ist. Die Künstler verbieten sich jegliche Einengung auf ihrer Suche nach symbolistischen Fantasien. In dieser „leuchtenden“ Epoche von München zwischen 1899 und 1911 wird der charmante und draufgängerische Putz sehr schnell zu einem der populärsten Künstler. Man bewundert seine objektive und mutige Pinselführung und sucht seine Gesellschaft.

1903 erwerben die Neue Königliche Pinakothek München und die Staatsgalerie Dresden Werke von ihm. Putz bekommt die bayerische Staatsangehörigkeit und einen Professorentitel. Bis zum Ersten Weltkrieg widmet er sich mit Überzeugung der Plein-Air-Malerei am Chiemsee. Oft sitzt ihm seine Frau, die Malerin Frieda Blell, Modell.

1929 geht Leo Putz nach Südamerika, wo er eine Professur in der Academie de Belas Artes in Rio de Janeiro annimmt. Er unternimmt viele, auch abenteuerliche, Reisen, oft mit dem Zug, und begibt sich weit in den Urwald hinein. Sein Werk bekommt jetzt tropische Züge, und seine Farbpalette explodiert, wird greller. 1933 kommt er nach München zurück und zeigt 1935 seine in Südamerika entstandenen Arbeiten in einer großen Ausstellung in München. Aber die Stimmung hat sich verändert. München leuchtet nicht mehr. Der Völkische Beobachter verreißt das Bild Halbindianerin mit Früchten und spricht "von der schwülen und orgiastischen Erotik dieser Mischlingsweiber". Leo Putz gerät in die Fänge der Geheimen Staatspolizei und flieht nach Südtirol. 1937 werden zwei Arbeiten anlässlich der Ausstellung Entartete Kunst beschlagnahmt und vernichtet. Der Künstler erhält Berufsverbot in Deutschland.

Leo Putz malt in Meran bis zu seinem Tod 1940 südtiroler Landschaften und Burgen. Sein nicht unbedeutendes Werk ist in Budapest, Buenos Aires, Dresden, Meran, München, Nürnberg und vor allem in Privatsammlungen zu finden.
Christa Blenk - 21. Januar 2024
ID 14569
Weitere Infos unter http://leo-putz.de


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