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Werkbetrachtung

Die Hochzeit von

Henri Rousseau (1844-1910)



Die Bilder des autodidaktischen französischen Künstlers Henri Rousseau (1844-1910) sind eine Mischung aus Naiver Kunst, frühem Surrealismus und magischem Realismus und nähern sich ab und zu dem Post-Impressionismus. Aber vor allem sind sie Rousseau: kontrastreich, verwirrend, klar, glatt und kindlich. Die Franzosen haben ihm den Beinamen "Le Douanier Rousseau" (dt.: Der Zöllner Rousseau) gegeben. Rousseau, Sohn eines Klempners, spielte nach der Schulzeit Klarinette in einem Infanterieregiment und arbeitete anschließend beim Zoll, wo er für die Kontrolle der nach Paris eingeführten alkoholischen Getränke zuständig war. Bekannt geworden ist er vor allem mit seinen satten, grünen Urwaldszenen, in denen sich Bilderbuch-Fabeltiere und bunte exotische Vögel tummeln und Aggressivität vorgaukeln. Seine Vorlagen hat er in Büchern und Enzyklopädien gefunden, denn auf Reisen ging Rousseau so gut wie nie. 1905 entstand Die Hochzeit.



Die Hochzeit von Henri Rousseau | Bildquelle: Wikipedia


Auf den ersten Blick ist es ein typisches, steifes Hochzeitsfoto in den Farben schwarz-weiß und einem Rousseau-grün. Alle Beteiligten blicken starr in die Kamera und warten, bis der Vogel herauskommt und man die Gesichtsmuskeln wieder entspannen darf. Auf dem Bild befinden sich acht Personen. Vier Männer und vier Frauen. Sie sind alle schon etwas älter und vermitteln nicht die Stimmung eines frisch verliebten Paares, das sich das Jawort gibt. Die eher bäuerlich gekleideten Personen links und rechts der Braut dürften ihre Eltern oder Großeltern sein. Die Braut selbst scheint zu fliegen, in der Luft zu hängen, ein Zustand, der sie nicht glücklich macht, wenn man ihr Gesicht betrachtet. Auch der Bräutigam und die anderen Hochzeitsgäste haben keinen Boden unter den Füßen. Der Schleier der Braut bedeckt einen Großteil des Rockes der älteren Frau neben ihr. Die Arme der Braut sind übermäßig lang! In der linken Hand hält sie einen weiß umwickelten, grünen Zweig. So ein ähnliches Gesteck trägt sie auch im Haar. Mit ihrer rechten Hand umfasst sie die Finger einer nicht klar zuzuordnenden Hand. Aber sie wird wohl dem Bräutigam gehören. Die Perspektive ist – wie bei allen Rousseau-Gemälden – ausgesprochen verwirrend, aber das dürfte gewollt sein. Eingehüllt ist die Gruppe von weißen, kahlen und im Verhältnis zur Hochzeitsgesellschaft zu kleinen Baumstämmen und Rousseau-Dschungelgrün. Die Vegetation und der verwaschene, zartblaue Himmel mit einer verzerrten, milchigen Sonne rahmen die Szene mit einem Glorienschein ein. Es ist Rousseau vollkommen egal, ob das alles Sinn macht. Er malt eine Hommage an die mittelalterlichen Meister und deren Fresken, die er nach seiner Ankunft in Paris in den Museen kopierte, um seinen Pinselstrich zu üben. Vor der Braut liegt ein schwarzer Hund. Röntgen-Aufnahmen zeigen, dass das weiße Kleid der Braut in einer Vorversion viel weiter nach unten ging und die Füße genau dort waren, wo jetzt die Augen des Hundes sind. Das ist der Surrealismus bei Rousseau, das weiße Kleid, grün einzufärben und die Braut so in einen Schwebestand zu versetzen. Der Rasen fällt seitlich ab und es ist ein Wunder, dass alle acht Personen im Bild geradestehen können. Wo die Szene genau passiert, kann man nicht sagen. Es ist eine Fantasielandschaft. Rousseau hat, wie gesagt, Frankreich nie verlassen.


Die Gemälde die Hochzeit hängt Paris, im Musée d’Orangerie, entstand 1905 und misst 163 x 114 cm.
Christa Blenk - 1. Juni 2026
ID 15886
Der Fünfundzwanzigjährige Henri Rousseau heiratet 1869 die junge Schneiderin Clémence Boitard und hat mir ihr neun Kinder, von denen nur eine Tochter, Julia, überlebt. Rousseau lässt sich schon bald frühpensionieren und widmet sich immer mehr der Malerei. Desöfteren nimmt er an öffentlichen Ausschreibungen teil, meist erfolglos. Alfred Jarry wird zuerst auf ihn aufmerksam. Rousseau schließt Freundschaft mit Guillaume Apollinaire und kommt so in Berührung mit der Avantgarde. Um überleben zu können, gibt er Violinunterricht. Er macht Bekanntschaft mit all den Malergrößen der Zeit, darunter Picasso, Gauguin, Brancusi, Delaunay und Max Jacob. Ein Gefängnisaufenthalt wegen Scheckbetrugs wird in Bewährung umgewandelt, weil er dem Richter verspricht, dessen Gattin zu porträtieren. Henri Rousseau stirbt 1910 an einer Blutvergiftung. Es kommen sieben Menschen zu seiner Beerdigung. Apollinaire schreibt das Epitaph, das Brâncuși in den Grabstein meißelt:

"Freundlicher Rousseau, du hörst uns.
Wir grüßen dich,
Delaunay, seine Frau, Monsieur Queval und ich.
Lass unsere Koffer zollfrei durch die Pforte des Himmels,
Wir bringen dir Pinsel, Farben und Leinwand,
Damit du malest in der geheiligten Muße des wahren Lichts
Wie einst mein Bildnis:
Das Angesicht der Sterne"


Wikipedia-Link zum Gemälde Die Hochzeit


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