Selbstporträt (als Marianne
von Werefkin) von Erma Bossi
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Erminia Bosich wird als Älteste von neun Kindern im Jahre 1875 in Pola, im heutigen Kroatien, geboren. Sie studiert in Triest und kommt 1906 nach München, wo sie auch bald in den kreativen Wirbelsturm gerät, der über die Moderne hinwegtobt und sie revolutioniert. Sie schließt sich der Neuen Künstlervereinigung München an und ist wie alle anderen Mitglieder davon besessen, die gegenständliche Malerei zu reduzieren und Farben und Formen in den Vordergrund zu holen. Sie nennt sich von da an Erma Bossi.
In München/ Murnau lernt Bossi die Künstlerpaare Kandinsky/Münter und Werefkin/Jawlensky kennen. Es ist die Zeit des Blauen Reiters. Im Kopf des Wegbereiters der Abstraktion, Wassili Kandinsky, spukt diese bereits herum. Er wird die Kunstwelt bald mit einem der ersten abstrakten Bilder, Impressionen III (Konzert), erschüttern, das nach einem Konzertbesuch mit Werken von Arnold Schönberg entstand.
Erma Bossi malt 1910 ein Selbstbildnis und bringt sich als Marianne von Werefkin auf die Leinwand. Sie dürfte die 15 Jahre ältere und aufgrund der Rente ihres russischen, wohlhabenden Vaters finanziell gut dastehende Künstlerin bewundert haben. Von Werefkin war frei von Konventionen, das ging so weit, dass sie ihren jahrelangen Lebensgefährten Jawlensky nicht heiratete, um ihre Rente nicht zu verlieren.
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Erma Bossi, Selbstbildnis (als Bildnis von Marianne von Werefkin 1970 erworben), um 1910 | Bildquelle: lembachhaus.de
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Die weibliche Person im Bild ist eine schöne, selbstbewusste, reiche Frau der oberen Gesellschaftsschicht, eine Baroness, eine Dame von Bedeutung, mächtig, die in der Männerwelt der Kunst ihren Mann steht. Auf dem Bild trägt sie einen imponierenden, schwarzen Hut mit einer riesigen blau-türkisen Feder, die sich perfekt mit dem Hintergrund vermischt. Die geschwungenen Augenbrauen über den schwarzen Augen sind ebenfalls dunkelbraun, wie die Haare, die sich unter dem Hut auftürmen und sich mit ihm vereinen. Die Farbe des Kleides ist ein schmutziger, unfertiger Rosa-Ton. Sie trägt ein dunkles Cape, das in weichen Zacken über das Kleid fällt und mit einer Bordüre eingefasst ist, auf der sich bunte Motive abwechseln. Das Modell sitzt oder lehnt lässig, im Dreiviertelporträt, auf einem gelben Fauteuil, von dem man nur die Lehne sieht. Ihre gepflegte, linke Hand mit rot lackierten Fingernägel hängt lässig über die Sesselkante. Die rechte Hand ist unter dem Cape versteckt. Hals und Gesicht sind – wie die Hand – einen Ton heller und lassen ein Dekolleté erkennen. Das Modell lächelt gnädig und verführerisch mit geschlossenen, roten Lippen. Die ganze Erscheinung ist elegant und herrschaftlich, aber nicht unfreundlich. Der Hintergrund ist Abstraktion pur, wirkt unfertig und spiegelt alle Farben ihrer Palette wider, kräftig und lieblich gleichermaßen. Mit diesem Rosa-Überschuss will die Künstlerin auf den Pink Salon von Marianne von Werefkin hinweisen. Dort diskutierten regelmäßig Maler, Dichter, Musiker mit- und untereinander. Bossi war regelmäßig mit von der Partie. Von Werefkin war das, was später Gertrude Stein in Paris war. Das Bild ist ein Meisterwerk, durch strukturiert pendelt es zwischen Expressionismus, Fauvismus und Matisse, liebäugelt im Hintergrund mit einem Turner-Impressionismus. Bossi arbeitet mit großen, oberflächlichen Pinselstrichen.
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Vielleicht hat sich Bossi an dem Porträt inspiriert, dass Gabriele Münter ein Jahr vorher von Marianne von Werefkin malte.
Das Münchner Lenbach-Haus stuft 1970 dieses Gemälde als Selbstporträt ein. Es ist wohl eindeutig Bossis Gesicht, das unter dem wuchtigen schwarzen Hut zu sehen ist.
Das Gemälde entsteht 1910, misst 71 cm x 57 cm und hängt in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus.
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Christa Blenk - 15. September 2026 ID 16040
1908 ist Erma Bossi nachweislich in Murnau gemeldet. Es gibt ein Bild von Gabriele Münter, auf dem sie mit Kandisky am Esstisch sitzt. In München lernt sie ihre große Liebe, den Opernsänger Carlo Barrera, kennen. In den Jahren 1909 und 1910 wohnt sie im Haus von Gabriele Münter in Murnau. 1910/1911 stellt sie zusammen mit den bedeutendsten russischen und französischen Avantgarde Künstlern in Moskau aus. Bossi ist mit ihren Gemälden „Café Blanche“ und „Moulin Rouge“ dabei.
Erma Bossi war die Älteste von neuen Geschwistern und dürfte eher nicht verwöhnt gewesen sein. Die wohlhabende und elegante von Werefkin hat sie sicher beeindruckt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zerstört die Murnau-Idylle. Kandinsky und Münter fliehen in die Schweiz. Er dann weiter nach Moskau. Von Werefkin und Jawlensky lassen sich ebenfalls in der Schweizerischen Eidgenossenschaft nieder. Marianne verliert durch die Oktoberrevolution einen Großteil ihres Vermögens. Macke stirbt gleich nach Kriegsbeginn. Franz Marc fällt 2016. Erma Bossi geht nach Paris, kehrt 1919 definitiv nach Italien zurück und wohnt bis zu ihrem Tod in Mailand. 1930 und 1935 ist Erma Bossi Teilnehmerin auf der Biennale von Venedig. Viele ihre expressionistischen Bilder sind zerstört oder in Privatbesitz. Bossi gerät in Vergessenheit. Erst 2013 wird die Künstlerin wieder entdeckt, als das Murnauer Schlossmuseum ihr eine Einzelausstellung widmet. Auch wenn ihre früheren Arbeiten an Toulouse-Lautrec oder Cezanne erinnern, kann ihre Kunst dem deutschen Expressionismus zugeordnet werden. Mit dem Kubismus kokettiert sie kurz, lässt ihn dann aber links liegen und kehrt in den letzten Jahren zur gegenständlichen Malerei zurück.
Sie stirbt 1952 in einem Mailänder Pflegeheim.
https://www.lenbachhaus.de/
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