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Portrait

MEHDI-GEORGES LAHLOU



Detail aus: Stupidité Contrôlée, Video, 11 min 22 sec - (C) Mehdi-Georges Lahlou


Das tänzerische Leichtgewicht als

visueller Anhaltspunkt


Installation


LES TALONS D'ALLAH heißt eine Einzelausstellung von Mehdi-Georges Lahlou (27) im Berliner Kunstraum Richard Sorge. Paulus Fugers und sein Partner Hans Booy haben den "multikulturellen" Künstler jüngst für sich entdeckt; die beiden Holländer machen seit Juni '08 diverse Ausstellungen am Berliner Volkspark Friedrichshain... Wir sind am Tag nach Ausstellungs-Eröffnung 18 Uhr verabredet; ich frag' die Macher, wie wir das Gespräch mit Mehdi-Georges Lahlou dann führen; beide wollen, abwechselnd, für mich aus dem Französischen und Englischen ins Deutsche übersetzen... Mehdi-Georges stößt nach ein paar Minuten, aus der kleinen Küche nebenan, dazu.

Ich schaue ihm in das Gesicht und konstatiere eine Sonnenenergiegeladenheit, ich frage: "Wenn ich dich so sehe, denke ich, du bist ein Wunschkind?" Ohne lang zu überlegen, tut er das, schon vor der Antwort, mit dem Körper kurzerhand bestätigen; geboren wurde er in Frankreich... Seine Mutter (eine aus Spanien stammende Flamencotänzerin) hatte mit seinem Vater (einem marokkanischen Goldschmied) eine heiße Liebesgeschichte, als der "zu Besuch" in Frankreich war; es hieß, sie wären das schönste Paar der Stadt gewesen, und alle, Männer oder Frauen, wollten - hätten sie gedurft gehabt - mit ihnen schlafen; seine makellose Schönheit (s. u.) resultiert also von beiden Elternteilen.

Seinen Vater lernte er dann erst als Achtjähriger kennen; bis er 14 war, war er bei ihm in Casablanca. Als der Vater (ein gewordener Muslim) die letzten Jahren mitbekommen hatte, was sein leibhaftiger Sohn für religionskonterkarierende und "aufmüpfige" Kunst veranstaltete - Mehdi-Georges' Geschwister in Marokko kriegten's zufällig über das Internet heraus - obsiegte so ein Gruppenzwang um ihn; er sagte sich von seinem Sohne los...

Die Mutter hätte irgendwie schon rechtzeitig geahnt gehabt, was es für Schwierigkeiten geben könnte, wäre sie mit ihrem Liebsten (dem Vater von Mehdi-Georges) dann nach Marokko umgezogen - und sie machte sich dann mehr um ihre beiden Töchter (aus der Zeit vor Mehdi-Georges' Geburt) so Sorgen, weniger um sich; die Halbschwestern von Mehdi-Georges sind irischen Ursprungs.

Mehdi-Georges' Beschäftigungen mit den Relgionen - allgemein und im Besonderen - haben natürlich, so gesehen, einen fast schon interfamiliären Grund.

Der erste Eindruck - auch von seinen Werken, die ich optisch registriere - ist dann unbedingt von einer froh-fröhlichen Art. Es hat etwas von Ungezwungenem, Unernstem, Unhaltbarem. Und mein Blick (in Blickrichtung geradeaus, rechts-links vorbei an seinem leichten Leib) erfasst seine berühmt-berüchtigte Installation Cocktail, ou Autoportrait en Societé: Männerschuhe vor muslimischen Gebetsteppichen, in der Mitte halogenbeleuchtet ein Paar rote Pumps auf einem dieser Teppiche - - sofort durchschießt es mein Gehirn: wie? eine Frau in der Moschee?? Natürlich ahne ich, dass so ein Bild wohl nicht als Uridee des Künstlers wahrzunehmen wäre; derart "frech" und "fies" (= die provokante Hinterfragung jener Frauenrolle im Islam) waren gewiss schon Andere vor ihm, doch wie gesagt, ich ahn' es nur, ich weiß es freilich nicht...

Mit diesen roten Pumps hat Mehdi-Georges einmal einen 29-Kilometer-Marsch in Belgien (Mehdi-Georges lebt, arbeitet in Brüssel) unternommen; unterwegs ist er dann auch mal angepöbelt worden, "bist du eine Transe" oder so; das war noch harmlos... Bei einer anderen Ausstellung schien es schon etwas bedrohlicher zu sein; eine Gruppe junger Araber - einer von ihnen spuckte auf ein Ausstellungsobjekt von Mehdi-Georges - rottete sich dann prompt zusammen, um ihm draußen aufzulauern; Mehdi-Georges stiftete in 'nem Taxi...

Nein, er lebt nicht ungefährlich.



Mehdi-Georges Lahlou (verhüllt) vor seiner Installation: Cocktail, ou Autoportrait en Societé - Foto: Hans Booy

Performance


Dar_Koom, ein Objekt von Mehdi-Georges (210x180x160 cm - die ungefähren Ausmaße von einer Umkleidekabine), dient dem Künstler als Austragungs- und Begegnungsort diverser und gezielt hierfür gedachter 2er Performances. Drinnen erhältst du eine einladende, obzwar etwas eingeengte, aber doch gemütlich und beschummrig auf dich ausstrahlende Atmosphäre; eine vorgetäuschte Gastlichkeit des Morgenlandes, die schon etwas skeptisch stimmt. Die für den Zweck herbeibemühten und herbeigezwungenen Klischess eröffnen sich auch bald und flugs dem neugierigen Augenpaar: Arabische Musik, von einer Frauenstimme vorgetragen (dass du justament den Bauchtanz, eines der Klischees vom Morgenland an sich, erahnen wolltest) und/oder das ganze Interieur, das mit den Kunstmitteln des Kitsches überhaupt nicht geizt. Ein Tischlein in der Mitte; darauf ein Gedeck schön angerichtet; hinter/vor dem Tischlein jeweils eine Sitzgelegenheit - du wirst von Mehdi-Georges so hinters Tischlein vorplatziert und wartest, nachdem Mehdi-Georges dich gleich wieder verlassen hat und justament den Vorhang dieses Dar_Kooms vor dir schließt, auf irgendwas, was gleich passiert...

[Draußen hängt dann eine Menü-Liste, aus der du vorher auswähl'n konntest, was für eine Art Begegnung - Performance - du mit Mehdi-Georges wolltest und willst; 11 Vorschläge gibt es, und die Palette reicht von relex, talking, sexual, blind bis no etc. pp.]

Ich hätte mich, sag' ich ihm witzelnd wünschend, für die Sexual-Performance wohl entschieden, aber Mehdi-Georges meinte, das käme heute nicht in Frage, und ich frage ihn: warum - er meinte nur, als er die Sexual-Performance gestern dann bei einem Typen machte (und ich hätte wirklich gern gewusst, wie das dann ausgesehen hätte und auch ausging; Mehdi-Georges sagte es nicht), dass die Sexual-Performance diesem Typen nicht behagte, also dass der sich dann wohl was anderes von ihr versprach, und Mehdi-Georges diese Performance abzubrechen sich genötigt sah...

Für mich, sagt Mehdi-Georges, hätte er schon entschieden; und er wies mir so eine Surprise-Performance zu:

Nach paar Minuten kommt er also wieder in den Dar_Koom rein. Er ist total verhüllt in eine Burka. Und er reicht mir ein Glas Tee. Ich kann von ihm "nur" seine Augen sehen. Und er macht da etwas unter seiner Burka, was ich nicht sogleich erkennen kann, aber es klingt... Und Mehdi-Georges spielt eine Holzflöte (was ich erst hinterher von ihm zu sehen kriege). Und die Art und Weise, wie er spielt, lässt mich erahnen, dass es jetzt wohl möglich wäre, die Gedanken in die Wüste hin zu projizieren; und so sehe ich mich - und ich war noch nie in einer Wüste - rücklings liegen und desnachts zum Himmel schauen, wo man ja angeblich, also in der Wüste, einen Sternenhimmel sehen könnte, wie es ihn sonst nirgends auf der Welt gibt...

Zehn Minuten darf ich mich in diesen kurzen Traum hinein begeben, dann ist wieder Schluss.


Menüliste: Dar_Koom (Privat-Perforances, 10 min) - Foto: Hans Booy

Fotografie


Auf dem Foto (s. u.) seh'n wir Mehdi-Georges gleich zweimal. Überhaupt ist er, auch auf den andern Fotos dieser Ausstellung, allein, zu zweit oder zu mehreren zu sehen. Und ich stellte das Originäre dieser Arbeiten (mit Hilfe Photoshop) selbstredend fest, indem ich randbemerkte: "Dass du dich zum Nabel der Welt machst, ist dann schon originär." Also für Mehdi-Georges.

Freilich werden so alle Aussagen, die er zu machen trachtet, entaggressiviert. Die Ansichtslage ist so schön und über alle Maßen freundlich, wie ihr Fotograf, dieser sich permanenter Weise Selbstablichtende, so schön und über alle Maßen freundlich ist.

Dass er auch ein paar Jahre Tanz studiert und praktiziert hat, sieht man ganz besonders in dem schön-freundlichen Tango-Bild.

Es gibt dann auch ein hier in dieser Ausstellung zwar leider nicht gesehenes, aber berühmtes Foto (es heißt Vive le Fete) - das hat's richtig in sich: Es sind da die alljährlichen Massen in der Großen Moschee in Mekka, die die Kaaba zu umkreisen gekommen sind, auf ihm zu sehen; aber nicht nur dieses - denn von oben hängen glitzernde Disco-Kugeln herab, und der Hintergrund sieht aus, als wäre diese Szene mittenrein in ein Operettentheater gestellt. Das freilich ist schon sehr vermessen und gewagt photoshopiert: Mehdi-Georges Lahlou ist ein starker Witzbold und beweist, durch seine Witze, starken Mut!!

Seh' ich ihn so vor mir, erkenne ich natürlich - und obwohl er "sehr arabisch" aussieht - seine wohl mehr abendländische Verwurzelung; und Dieses hatte/hat er wohl dann mehr von seiner Mutter. Und wahrscheinlich kann er daher - und so schön und über alle Maßen freundlich - gegen alles, was sich dumpfbacken-untolerant gibt, wirken und auch sein.



Tango, lambda photo on dibond, 80 x 65 cm, ed 4 + 2 ea - (C) Mehdi-Georges Lahlou


Andre Sokolowski - 21. September 2010
ID 00000004841
Mehdi-Georges Lahlou – Les Talons d’Allah
Einzelausstellung (bis 10. Oktober 2010)

Öffnungszeiten:
Mi- Sa, 14-18 Uhr

Adresse:
Kunstraum Richard Sorge
Landsberger Allee 54
10249 Berlin

Kontakt:
kunstraum.richard.sorge@gmail.com

Verkehrsanbindung:
Tram 5, 6, 8, 10 / S41, 42, 8, 9 (Landsberger Allee)

http://www.kunstraumrichardsorge.org


Weitere Infos siehe auch: http://www.mehdilahlou.com


http://www.andre-sokolowski.de



 

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