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Porträt

CRISTINA CRESPO

GIARDINO DELLE MUSE DANZANTI - Le Dannunziane


Links: Cristina Crespo, Foto privat || Rechts: Ausstellungskatalog zu GIARDINO DELLE MUSE DANZANTI - Le Dannunziane, Cover


Es ist Samstag Vormittag, und ich habe eine Verabredung mit Cristina Crespo in ihrem Atelier. Sie bereitet gerade eine Ausstellung mit dem Titel Muse Dannunziane vor, und ich soll einen Text für den Katalog schreiben. Ihre Arbeiten kenne ich aus früheren Ausstellungen, bin aber schon sehr gespannt, was mich dort erwarten wird.

Theaterrequisisten, Stoffe und Nähproben, bunte Glasperlen, Haarteile, ein Set ihrer Großmutter mit vergilbten Spitzen neben halbfertigen Puppen, Materialien aus einer Kurzwarenhandlung (so etwas gibt es heute gar nicht mehr), religiöse und pagane Straßenaltäre und viel Zauber aus einer anderen Welt. Aber auch die bereits fertigen Musen. Dem den plüschigen und bombastischen Pomp liebenden italienischen Schriftsteller Gabriele D'Annunzio - und vor allem dessen wichtigster Muse, der Schauspielerin Eleonora Duse - widmet sie diese Ausstellung. Von der Duse ausgehend hat sie ihre Gedanken weiterlaufen lassen und dieses herrliches Projekt der tanzenden und blumengeschmückten Musen entworfen.



Fünf Musen: La Belle Ortero, Mata Hari, Sharon Kihari, Oriana Fallacci und die Künstlerin Cristina Crespo - Foto (C) Christa Blenk


Ursprünglich waren die Musen Gedächtnisstützen, um Kultur, Traditionen, Geschichten, Gebräuche und Erinnerungen zu bewahren und zu verbreiten. Mnemosyne (das Gedächtnis), Melete (die Konzentration) und Aoidi (der Gesang) bildeten das Musen-Trio, dem die Aufgabe oblag, für die Übermittlung und Weitergabe der alten und nur mündlich überlieferten Legenden zu sorgen. Kein einfaches Unterfangen, denn man kann davon ausgehen, dass die Geschichten über Götter, Halbgötter und deren Abkömmlinge, je nachdem wie die Muse gerade zu ihnen stand, positiv oder negativ und mit eigenen Interpretationen ausgeschmückt weitergegeben wurden. Erst später wurde die Zahl der Musen auf neun erhöht, und die Helferinnen der Dichter spezialisierten sich u.a. auf die Bereiche Tragödie, Komödie, Poesie, Musik, Tanz, ja sogar Astrologie; die Musen wurden effizienter und populärer und feierten schließlich den Einzug in die Malerei und ins Theater.

Von der englischen „ästhetischen Bewegung“ um Alma Tadema und Oscar Wilde beeinflusst, strebte auch Gabriele d'Annuzio dieses „Leisure“- Leben der Privilegierten an. Musen, Modelle, Femmes fatales und Höhere Töchter - egal wer, alle wollten aus dem grauen Nebelgefängnis der Industrialisierung ausbrechen und sich dekorativ, mysteriös und absolut politisch unkorrekt zeigen. Durch die schönen Künste, durch Licht, Farbe, Blumen und Tanz schüttelte man den ranzigen Akademismus ab und befreite sich von bourgeoisen Zwängen, die einen falschen Moralismus predigten, um auf eine sinnliche, schnelle und aufgeschlossene Moderne zuzusteuern. Im Wiener-Walzer-Rausch und im verspielten Jugendstil um 1900 ist die Bewegung in Form von Tanz zur Modeerscheinung geworden, und es flutete eine wahre Tanzwelle durch Europa und Amerika, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte und durchaus auch das Musical mit einschloss. Bewegung war interessanterweise auch eines der Schlagwörter der Futuristen, nur dachten diese eher an Maschinen, Schnelligkeit und Verderben. Alle großen TänzerInnen (Isadora Duncan, Lois Fuller, Ida Rubinstein, George Balanchine, Vaclav Nijinsky) oder Mary Wigman, die deutsche Tanzpädagogin und Wegbereiterin für den rhythmisch expressiven Ausdruckstanz, tummelten sich mehr oder weniger zeitgleich auf den Tanzparketten und auf den Bühnen des westlichen Kulturbetriebes. Orgastische Reigentänze, wie sie Franz von Stuck malte, oder der Hexentanz von Mary Wigman: Jugendstil, Expressionismus oder Futurismus flossen ineinander über; und, unterbrochen von zwei Weltkriegen, tanzte man weiter bis in die 50er Jahre.




Isadora Duncan im Atelier von Cristina Crespo – Foto (C) Christa Blenk


Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 schockierte eine unbekannte Tänzerin, Little Egypt, und machte Furore vor internationalem Publikum, als sie einen Orientalischen Tanz oder Bauchtanz aufführte. Ida Rubinstein und später Josephine Baker ließen dann die Kleider gleich ganz fallen; allerdings war das Publikum in den 20er und 30er Jahren in Paris ein anderes als das um die Jahrhundertwende. Sie hatten den Strawinsky-Skandal und Marcel Duchamp überstanden und waren bereit.

Franz von Stuck hat 1906 seine bekannte Salome gemalt, und angeblich soll Kleopatra den Römer Julius Cäsar mit einem Bauchtanz verführt haben, und die Königin von Saba hat für den König Solomon getanzt, nachdem sie ihn reicht beschenkte.



Und natürlich hat Cristina Crespo sich auch schon im orientalischen Tanz versucht und hat sogar eine Bauchtanz-Lehrerin.


Nicht zu vergessen das Musical und der Stepptanz. 1830 sprach man zum ersten Mal schon von diesem Tanz mit den Metallplatten an den Schuhen, richtig geboomt hat er allerdings erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts - auch dank dem „dream team“ Fred Astaire und Ginger Rogers.

"Mysterien sind weiblich, sie verhüllen sich gern, aber sie wollen doch gesehen und erraten sein", meinte der Romantiker Schlegel um 1800.

Im Jugendstil sind die Musen wieder auferstanden, und Maler, Komponisten oder Dichter konnten nicht mehr ohne sie existieren. In der Wiener Sezession hatte Gustav Klimt seine Muse Emilie Flöge, und Sigmund Freund und Nietzsche waren von Lou Andreas Salomé mehr als angetan. Alma Mahler-Werfel war nicht nur die Komponisten-Muse, Kokoschka konnte ohne ihre Anwesenheit nicht atmen, Werfel nicht schreiben, und sie selber war Niemand ohne diese Drei. In Paris brachte Toulouse Lautrec keinen Strich auf das Papier, ohne die Can-Can tanzende Jane Avril um sich zu haben, und Agustina Otero Iglesias, die Tänzerin und Kurtisane aus Spanien, die in den Folie Bergères tanzte, brachte Paris um den Verstand, während in München Lola Montez den Bayernkönig Ludwig II. zu verführen versuchte.




Jean Cocteau mit Parade auf dem Rücken – Foto (C) Christa Blenk


Aus verschiedenen Weißtönen sind Crespos Keramik-Büsten, die - inspiriert durch die Lieblingsblumen der Liberty-Zeit - allesamt über einen aufwendigen Kopfschmuck verfügen. Manche Figuren tragen ihr Tatoo-Erkennungszeichen aber auch auf dem Rücken, wie z.B Jean Cocteau, den ein Auszug aus Parade ziert.

Zum Stell-Dich-Ein im Garten der tanzenden Musen ist u.a. Olga Koklova, Picassos wichtigste Muse und erste Tänzerin im Ballet Russe, sowie die Muse der radikalen Futuristen, die amerikanische Radium-Tänzerin Loïs Fuller, geladen. Die französisch-polnische Komponistin Elzbieta Sikora hat Fuller in ihrer letzten Oper Madame Curie gewürdigt und ihr eine fatale Rolle zugeteilt. Man sagt, Fuller hätte sich bei den Curies mit Radium versorgt, um bei ihren aufwendigen und bahnbrechenden Performances hell zu erstrahlen. Unter Rosen verbirgt sich die andere Futurismus-Muse, die dramatische Isadora Duncan; sie erdrosselte sich praktisch selber, als sich beim Zu-schnell-Fahren im offenen Auto ihr Schal in den Autoreifen verhedderte. Mit dabei natürlich die bahnbrechende und exotische-erotische Tanz-Ikone der 30er Jahre: Ida Rubinstein, Cristinas Lieblingstänzerin, die sie immer wieder in anderen Rollen darstellt - eine der schönsten ist eine schwarze, halbbekleidete Magdalena in der Wüste. Desweiteren finden sich dort die adelige Römerin Claudia Quinta, die mexikanische Kultikone Frida Kahlo, geschmückt mit Königsstrellizien, Manets Muse Lola aus Valencia und die Bauchtänzerin Sharon Kihara ein. Außerdem treffen wir auf die tanzende Stummfilmdarstellerin Brigitte Helm, die Muse von Fritz Lang in Metropolis, und natürlich Mata Hari, die Abenteurerin, sowie Cleo de Mérode, die schönste Ballerina überhaupt, wie man sagt. Die Liste der tanzenden Musen ist lang und ihr Garten sehr groß, aber irgendwann finden sie alle ihre Bestimmung.

Im April 2015 ist es dann endlich soweit: Cristina wird die Tür des Jugendstilpalastes Casina della Civitta öffnen, und Apoll und Euterope werden für ihre Musen zum Tanz aufspielen.


Christa Blenk - 13. Januar 2015
ID 8357
GIARDINO DELLE MUSE DANZANTI - Le Dannunziane heißt ihr Buch, das demnächst anlässlich ihrer Ausstellung erscheinen wird. Musen, Mythen und Legenden haben Musiker und Künstler von jeher inspiriert und fasziniert, und die Kunst- und Musikgeschichte wäre sehr arm ohne die diversen Interpretationen der Mythologien. Dieses Projekt hingegen ist etwas besonders, niemand zuvor hat sich auf diese Art mit Musen und Ballerinas beschäftigt und ihnen botanische Attribute zugeordnet: Eine einzigartige Hommage an den Jugendstil. | c.b.

Weitere Infos siehe auch: http://www.cristinacrespo.org/


Post an Christa Blenk

eborja.unblog.fr



 

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