Das ethnologische Museum von Paris
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Wir betreten das Museum über den Haupteingang, über den Quai Branly. Der Lärm dieser stark befahrenen Straße direkt neben der Seine wird schon nach ein paar Metern weniger. Dafür sorgt eine hohe, transparente Glaswand, die jegliche Alltagsgeräusche verschluckt. Wir durchqueren zuerst den weitläufigen Garten und gehen unter dem auf Stelzen stehenden Hauptgebäude mit seinen bunten, rechteckigen Erkern zum Eingang. 200 Meter ist die Hauptgalerie lang.
Die versteckten, romantischen Pfade zwischen Gesträuch und Bäumen in dem über 18.000 Quadratmeter großen Garten verbinden die vier Gebäude. Es ist ein Ort der Meditation – mitten in Paris. Der Landschaftsarchitekt Gilles Clément hat ihn entworfen. Die Nutzfläche des Gebäude-Komplexes beträgt 40.000 Quadratmeter. Patrick Blanc zeichnet für die 800 Quadratmeter große Pflanzenwand des Verwaltungsgebäudes.
Der Eingang ist eher unscheinbar. Eine große Steinkugel (Leihgabe aus dem Nationalmuseum Costa Rica - ca. 800-1500, Region Diquís) begrüßt uns nach Betreten des Museums. Platz spielt hier keine Rolle. Alles ist weitläufig, und man tritt sich nicht auf die Füße.
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Der Fluss von Charles Sandison im Pariser Musée du Quai Branly Jacqus Chirac Foto: Christa Blenk
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Der Aufgang in den Ausstellungsbereich im zweiten Stock erfolgt über eine nüchterne, gewundene Rampe. Der Fluss kommt uns entgegen. Es handelt sich hier um eine Video-Installation von Charles Sandison, ein Auftragswerk des Museums. 16.597 Wörter strömen wassertropfenmäßig nach unten. Allesamt Namen der Völker und geografischen Orte, die in der umfangreichen Sammlung des Museums vertreten sind. Wir gehen gegen die Stromrichtung durch diesen Wörterfluss, der eine Hommage an die fließende Vielfalt der Kulturen ist. Oben im Hauptsaal angekommen, hüllt uns die Farbe Rot ein. Wir beginnen unsere geografisch-ethnologische Reise mit Ozeanien (Indonesien, Philippinen, Melanesien, Polynesien, Mikronesien und Australien). Vorbei an Masken, Bestattungsritualen, einer bedeutenden Sammlung von pazifischen Rindetüchern und an riesigen, in den Himmel ragende Totems, Musikinstrumente und sitzenden Göttern.
Aus Java stammt die riesige Broze-Trommel aus dem 4. Jahrhundert v.Ch. – wohl das älteste Stück in der Sammlung.
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Saalansicht "Ozeanien" im Musée du Quai Branly Jacqus Chirac, Paris | Foto: Christa Blenk
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Auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt durchqueren wir Asien mit beeindruckenden Kostümen, wie Ainu-Kleider aus Japan, indische Saris oder Miao-Schmuck. Thematische Bereiche greifen den Buddhismus und den sibirischen Schamanismus auf.
Der Übergang zur Afrika-Route erfolgt fließend. Beeindruckende Masken, viel Magie und religiöser Zauber. Artefakte aus Mali und dem Dogon-Gebiet, aus Nigeria, Kamerun und dem Kongo.
Weiter geht es nach Nordafrika und dem Nahen Osten. Zwischen Talismanen, Ex-Voto, Keramiken, Gold und Silberschmuck hängen in den Erkern faszinierende Teppiche, darunter einer aus Isfahan. Er erzählt die bekannte mythologische Geschichte vom Urteil des Paris (Aphrodite, Hera und Athene stehen westlich gekleidet in einer orientalischen Blumenwelt). Das Ritual wird beleuchtet und das Schattentheater aus Syrien und der Türkei.
Das Ende unserer Reise beginnt in Alaska. Die bemalten oder gravierten Beluga-Kieferknochen mit Jagdszenen sind wunderschön und delikat und erinnern an eine Höhlenmalerei. Wir bewegen uns weiter durch das Nordamerika, des 17. Jahrhunderts. Mit Preziosen aus dem prähispanischen Amerika, also alles, was vor Kolumbus geschaffen wurde, endet unser Trip. Erwähnungswert ist hier eine polychrome Terrakottaschale aus Guatemala (Petén) aus dem 7. Jahrhundert.
Drei Stunden sollte man sich dafür schon für den Besuch nehmen. Es gibt viel zu sehen und viel zu lesen und zwischendurch auch zu hören!
Die komplette Sammlung des Quai Branly Museums umfasst 1.412.363 Gegenstände (Textilien, Skulpturen, Keramiken, Bronzen, Masken, grafische Arbeiten oder Zeichnungen, Musikinstrumente). Nur 3.500 Gegenstände sind permanent ausgestellt. Allerdings werden einige Gegenstände immer wieder mal ausgetauscht.
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Wie entstand das Museum?
Jacques Kerchache, ein Pariser Kunsthändler, prägte als erster den Begriff "Art Premier". Er gab auch den entscheidenden Anstoß zum Bau des Musée Quai Branly. 1990 begeisterte er den französischen Politiker Jacques Chirac für seine Idee, und das Projekt war geboren. Der Ursprungsplan sah eine Abteilung für außereuropäische Kunst im Louvre vor, doch dann entschied Chirac, damals Bürgermeister von Paris, ein eigenes Museum bauen zu lassen und die Exponate aus dem Musée de l’homme und aus dem Musée national des Arts d’Afrique et d’Océanie dort unterzubringen. Das stieß zuerst nicht überall auf Zustimmung. Im Jahre 2006, also vor 20 Jahren, war es dann soweit, und das Museum konnte eröffnet werden.
Mittlerweile verzeichnet das Musée Quai Branly im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Besucher pro Jahr. 2008 wurde der Architekt Jean Nouvel für seinen Bau mit dem Pritzker Preis ausgezeichnet.
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Musée du Quai Branly Jacqus Chirac in Paris - Museumskomplex mit Garten Foto: Christa Blenk
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Christa Blenk - 27. Februar 2026 ID 15726
Abgesehen von einer herausragenden Sammlung gibt es im Musée du Quai Branly Jacqus Chirac eine sehr gut sortierte Mediathek mit Fachliteratur sowie das Theater Claude Lévi Strauss. Dort finden regelmäßig Konzerte oder andere kulturelle Veranstaltungen und Filmvorführungen statt.
Eine wissenschaftliche Abteilung bietet Stipendien für Nachwuchswissenschaftler an.
Das Museum, eine der jüngsten, bedeutendsten Galerien in der französischen Hauptstadt, das auch für Kinder sehr spannend und aufregend ist, öffnet seine Türen von Dienstag bis Sonntag von 10.30 bis 19 Uhr (Donnerstag bis 22 Uhr). In den Schulferien auch am Montag! Der Eintritt kostet 14 Euro. Das Café im Garten liegt gut versteckt zwischen Sträuchern und Vegetation. Wer es sich besonders gut gehen lassen will, reserviert einen Tisch im Restaurant Les Ombres, auf dem Dach des Nebengebäudes. Von dort hat man einen Panoramablick auf den in der Nähe stehenden Eiffelturm.
Der Museumsshop ist voller Geschenkideen aus aller Welt und hat eine gut sortierte Buchhandlung.
Am 1. März geht die Sonderausstellung Dragons mit Werken aus dem Palais de Taipei (Taiwan) zu Ende. Darin lernt man alles über die Welt der Drachen und seine Bedeutung in China.
Neue Ausstellungen sind in Planung, darunter eine Schau über Afrika Fashion ab Ende März 2026.
Weitere Infos siehe auch: https://www.quaibranly.fr
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