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Kulturspaziergang

Mit dem Rad von Berlin nach Potsdam


Tony Cragg in der Villa Schöningen und Dominique Raack im Pomonatempel auf dem Pfingstberg


Schloss Belvedere auf dem Pfingstberg bei Potsdam | Foto (C) Stefan Bock


An der südwestlichen Grenze Berlins gelegen, ist Potsdam nicht nur geschichtlich eng mit der gesamt-deutschen Bundeshauptstadt verbunden. Die wesentlich kleinere brandenburgische Landeshauptstadt ist außerdem ähnlich gut wie ihre große Schwester mit kulturellen Highlights bestückt. Ein Grund mehr in der an Kultur-Events etwas flaueren Sommerzeit einen Blick über die Havel nach Potsdam zu werfen. Zu erreichen ist die alte preußische Residenz- und Garnisonsstadt über die Regionalbahn Richtung Brandenburg, mit der S-Bahn oder für sportlich Ambitionierte auch mit dem Fahrrad.

Fährt man vom S-Bahnhof Wannsee entlang der Königstraße Richtung Potsdam am Schloss Glienicke vorbei, trifft man kurz hinter der Glienicker Brücke auf die Villa Schöningen. Direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen beherbergt die 2008 vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner und dem Vorstandsvorsitzenden der RHJI, Leonhard Fischer gekaufte und denkmalschutzgerecht wieder aufgebaute Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und zur Glienicker Brücke. Im Obergeschoss finden noch dazu wechselnde Sonderausstellungen renommierter Künstler und Künstlerinnen statt. Momentan sind dort (noch bis 3. September) Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.



Tony Cragg-Werke in der Villa Schöningen in Potsdam | Foto (C) Stefan Bock


Die Ausstellung umfasst eine kleine Auswahl von Skulpturen aus den letzten sechs Jahren sowie Zeichnungen und Grafiken der letzten zwanzig Jahre. Die Arbeiten bieten einen guten Einblick in die Vielfalt des Schaffens des Turnerpreisträgers von 1988, der auch schon mehrfach auf der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig vertreten war. Besonders faszinieren immer wieder seine dynamischen Skulpturen, die mal sehr filigran in die Höhe wachsen und dann wieder in gedrungener Form durchaus Ähnlichkeiten mit den wesentlich voluminöseren Bronzeskulpturen seines Landsmanns Henry Moore aufweisen. Zumindest teilt der 68jährige Cragg die Vorliebe Moors für polierte Oberflächen aus Marmor oder Bronze und widmete dem von ihm verehrten Kollegen eine Ausstellung in seinem 2008 eröffneten Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Was allerdings die Skulpturen Tony Craggs auszeichnet, ist ihre abstrahierende Form aus ständig wechselnden Perspektiven. Die dargestellten Figuren bilden ganze Gesichts- und Körperlandschaften, die sich den BetrachterInnen aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu präsentieren. So auch bei den ausgestellte Werken in der Villa Schöningen. Sie zeigen Skulpturen aus behandeltem Holz, gegossene Bonzen und sogar mundgeblasene Gegenstände aus venezianischem Muranoglas. Besonders gut verdeutlichen die Bronze Woman’s Head oder die aus Holz gearbeitete Skulptur Contradiction das Prinzip des Bildhauers, die Formen von Werk zu Werk weiter zu entwickeln.

Flankiert werden Craggs Skulpturen von Arbeiten auf Papier, die zum Teil wie Vorstudien zu seinem bildhauerischen Schaffen wirken, aber durchaus eine eigenständige von ihm „sculptures on the page“ genannte Werkgruppe bilden. Die auf den Zeichnungen und Druckgrafiken dargestellten Gesichter, sich windenden Formen und Figuren stehen hier in einer unmittelbaren Wechselwirkung zu den sinnlichen Skulpturen im Raum.




*


Wenn man von der Villa Schöningen weiter durch den Neuen Garten vorbei am ebenfalls geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof fährt, kommt man schließlich zum Pfingstberg, mit seinem nach der Wende bis 2005 aus Spenden wieder aufgebauten Schloss Belvedere. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der Förderverein Pfingstberg in Potsdam e.V. für den Erhalt des historischen Ensembles. Unter dem Titel „Kultur in der Natur“ veranstaltet der Förderverein hier in den Sommermonaten Open-Air-Kinoabende, Märchenlesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. So etwa im ersten von Karl Friedrich Schinkel ausgeführten Bau, dem 2010 sanierten Pomonatempel. Hier findet eine jährliche Ausstellungsreihe mit Werken junger Künstlerinnen und Künstler statt. Die Auswahl trifft eine Jury des Fördervereins Pfingstberg.



Die Künstlerin Dominique Raack. | Foto (C) Stefan Bock


Zur Zeit (noch bis zum 10. September) stellt die in Potsdam lebende Künstlerin Dominique Raack spezielle Fotoarbeiten und Keramiken aus. Auch sie experimentiert mit skulpturalen Formen und Arbeiten auf Papier. In ihrem bisherigen Œuvre dominieren aber eindeutig die foto- und videobasierten Papierarbeiten. Dominique Raack bearbeitet dafür am Computer im Atelier eigene Fotografien und Videos mit Motiven aus der Natur. Dabei werden mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms verschiedene Bildebenen (Layer) übereinander gelegt, bis ein neues Bild entsteht. Die Künstlerin arbeitet dabei sehr intuitiv. Am Anfang steht meist nur eine Idee, die sich bis zum Ende des Arbeitsprozesses aber noch stark verändern kann.

Es entstehen hierbei teils magische, teils sinnliche Bildcollagen, die ihren Ursprung etwa in den antiken Theorien von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ursprung des Lebens haben, oder wie Traumbilder das nicht Sichtbare in eine symbolhafte Form bringen. In ihren Bildern mit Titeln wie Driftin, Floating, Connected oder Between the lines setzt Dominique Raack Bestandteile der Natur in eine Beziehung zueinander oder zeigt in Weißer Regen das natürliche Fließen der Dinge. Ihre Inspirationen holt sie sich bei Spaziergängen durch die brandenburgischen Kiefernwälder, oder auf Reisen in andere Länder. So war sie bereits vor und auch nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität Potsdam für eine längere Zeit in Neuseeland, oder zu kürzeren Studien- und Arbeitsaufenthalten im spanischen Barcelona und der Ukraine.

Der Mond ist die große Klammer für die Ausstellung im Pomonatempel. Zur neuen Werkserie Promises from the Moon mit Mond- Wald- und Bergmotiven kombiniert die Künstlerin weitere ähnlich surreale „Landschaftsklänge“ wie Gesang des Herzens oder Bei Vollmond. Die runde Mondform findet sich auch in der ausgestellten Keramikserie zu den vier Elementen wieder.




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Der Mond in echt ist im August noch jeden Freitag an den sogenannten Mondnächten auf dem Pfingstberg bei Musik und einem Glas Wein zu genießen. Berlin erreicht man dann wieder auf dem ausgeschilderten Mauerradweg über Sacrow, wo sich noch der Besuch des Schlosses und der Heilandskirche am Sacrower See lohnt. In Kladow geht die Fähre zurück zum S-Bahnhof Wannsee.

Stefan Bock - 1. August 2017
ID 10170


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