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Ausstellung

TIKI POP - Amerika erträumt sich sein polynesisches Paradies

Ausstellung von Sven Kirsten im Pariser Musée du quai Branly (noch bis zum 28. September 2014)


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Seit ihrer Entdeckung im 18. Jahrhundert haben die pazifischen Inseln die Menschen zum Träumen veranlasst. Seefahrer und Romanciers trugen ihres dazu bei, die Südsee, heute eher als Polynesien bekannt, als Paradies zu verherrlichen. Das Wort „tiki“ steht im Polynesischen für etwas, das eine Gottheit repräsentiert, wird im US-amerikanischen Sprachgebrauch aber für alles verwendet, was mit Polynesien zu tun hat oder zumindest mit einer romantisierten Vorstellung davon. „Tiki Pop stellt sich gar nicht die Aufgabe, etwas Reales darzustellen“, erklärte während der Pressekonferenz der Kurator Sven Kirsten. Der gebürtige Hamburger lebt seit den 1980er Jahren in den USA und hat schon zwei Bücher zum Thema „Tiki“ veröffentlicht.

Die US-Amerikaner haben nur das äußere Erscheinungsbild der polynesischen Kultur vereinnahmt und für ihre Zwecke genutzt. Tiki Pop war ein beabsichtigter Gegenpol zur eigenen harten Wirklichkeit. „Ich bin von Haus aus Kameramann“, erzählte Sven Kirsten, „mich interessieren Bilder und was man daraus machen kann“. Zwei Drittel der Exponate stammen aus seiner eigenen Sammlung, die er im Musée du quai Branly so aufgebaut hat, dass man eine kleine Zeitreise durch die Entwicklung des Tiki-Pop machen kann.




Die Kultur der Polynesier stand nicht zur Debatte. Die Artefakte waren als Tiki-Pop nur Dekor und das Mittel zum Zweck für den Eskapismus der US-Amerikaner - Foto © Helga Fitzner



Als Prä-Tiki-Ära bezeichnet Kirsten die Zeit vor den 1950er Jahren. Da spielen die Entdecker der Inseln, Louis Antoine de Bogainville und James Cook, eine wesentliche Rolle. Sie lösten im 18. Jahrhundert die Südsee-Begeisterung aus, die von Schriftstellern, wie Hermann Melville mit Moby Dick (1851) und Robert Louis Stevenson mit Die Schatzinsel (1881) Einzug in die Literatur hielten. Bahnbrechend war der Franzose Pierre Loti, der mit seinen Romanen 1880 den südsee-spezifischen Exotismus und Impressionismus in der Literatur einläutete. Auch Maler, wie Paul Gauguin, konnten sich dem Zauber der Südsee nicht entziehen. Besonders die Musikindustrie der 1920er und 1930er Jahre ließ sich die polynesischen Weisen nicht entgehen, genauso wenig wie die Filmemacher der Stummfilmzeit und später des Tonfilms. Radio und vor allem das Kino wurden zu einem wesentlichen Träger dieses eskapistischen Phänomens, das mithalf, die Amerikaner durch die schwere und langanhaltende Wirtschaftskrise zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zu schleusen. Kirsten hat viele Stücke aus der Zeit gesammelt und ausgestellt.




Im Musée du quai Branly hat Kurator Sven Kirsten mit seinen Exponaten eine vollständige Tiki-Bar eingerichtet - Foto © Helga Fitzner



Als 1941 der auf der hawaiianischen Insel gelegene Hafen Pearl Harbor ohne Vorwarnung von den Japanern angegriffen wurde, traten die USA in den Zweiten Weltkrieg und damit auch in den Pazifikkrieg ein. Seltsamerweise hatte der keine negative Auswirkung auf die Tiki-Begeisterung. Im Gegenteil: Viele amerikanische Soldaten waren auf Pazifikinseln stationiert und hatten zumindest losen Kontakt zum Leben der Polynesier. Die Nachkriegszeit in den USA war von einem ungeheuren wirtschaftlichen Boom getragen, der zu breitem Wohlstand und einer ausgeprägten und stabilen Mittelklasse führte. Doch die Amerikaner hatten ihn sich mit viel Aufwand erwirtschaftet, mit großer Disziplin, hoher Arbeitsethik und harter Arbeit. Der Traum vom paradiesischen Südseeleben war der ausgleichende Gegenentwurf dazu. Nun griffen auch Architekten zunehmend den Kult auf, es entstanden teure Tiki-Bars, polynesisch ausgestattete Hotels, Swimmingpools, Bowlingbahnen und Ähnliches. Tiki-artige Artefakte hielten Einzug in fast alle Haushalte. Tiki Pop stand für eine Freizeitkultur nie gekannten Ausmaßes. Der hart arbeitende Amerikaner erträumte sich in seiner knapp bemessenen Freizeit das sorglose Leben in der Südsee und die „Liebe“, die in Polynesien ein freies Gut war.




Die Kon-Tiki-Expedition des Norwegers Thor Heyerdahl beflügelte den Tiki-Pop zusätzlich - Foto © Helga Fitzner



Hinzu kam, dass die Kon-Tiki-Expedition des Norwegers Thor Heyerdahl 1947 zur Legende wurde. Der hatte ein Boot in traditioneller indigener Bauweise gefertigt und bewiesen, dass man von Südamerika aus mit Hilfe der Strömungen bis zu den Pazifikinseln gelangen kann. Damit wollte er den Nachweis liefern, dass die Besiedelung der Inseln von Südamerika aus erfolgt war. - Im Jahr 1949 machte das Musical South Pacific von Rodgers und Hammerstein Furore und ist bis heute eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten – in den USA. Mit Elvis Presley wurden in den 1960-er Jahren insgesamt drei Filme auf Hawaii gedreht. Kirsten zeigt uns eine Vielfalt an Exponaten, die die Blütezeit des Tiki-Pop belegen.

So wuchs in der Zeit nach dem Zweiten Krieg eine neue Generation in Wohlstand und mit guter Bildung heran. Ende der 1960er Jahre kam der Tiki-Pop zum Stillstand, weil diese junge Generation dagegen rebellierte. Sie stellte das Leben ihrer Eltern in Frage, die oft über ihre Kriegserlebnisse schwiegen, und verpönte den Tiki-Pop als kolonialistisch, rassistisch und sexistisch. Tiki war für sie ein Ausdruck des Establishments der Vätergeneration und war in seiner Künstlichkeit überholt. Durch die US-Intervention beim Vietnamkrieg ab 1964 war eine Desillusionierung eingetreten. Die USA hatten sich auf einen unwägbaren Krieg eingelassen, den sie nicht gewinnen konnten. Sven Kirsten macht das „wiedergefundene und wieder verlorene Paradies“ in seiner Ausstellung an Marlon Brando fest. Der spielte 1962 im Film Die Meuterei auf der Bounty einen Marineoffizier, der das Paradies gefunden hatte, es aber wieder verlor. Brando selbst kaufte eine kleine Insel und lebte mit einer Polynesierin zusammen. Beides verlor er wieder.

In den 1990er Jahren gab es ein kleineres Revival des Tiki-Pop, das aber wieder verhallte. Die USA waren seitdem weiterhin in Kriege und militärische Einsätze verwickelt, wie die Golf-Kriege und Afghanistan. Mit dem Anschlag auf das Pentagon und das World Trade Center 2001 war der Terror auf amerikanischem Boden angekommen. Da hilft wohl kein bunter und eine heile Welt suggerierender Tiki-Pop mehr. Aber auch wenn das Paradies verloren ist, die Sehnsucht danach bleibt.


Helga Fitzner - 27. Juni 2014
ID 7924
Weitere Infos siehe auch: http://www.quaibranly.fr/fr/programmation/expositions/a-l-affiche/tikipop.html



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