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Ausstellung

Chinesische Kalligraphie der letzten 30 Jahre

SECRET SIGNS in den Deichtorhallen Hamburg


ZHANG Huan, Family Tree, 2000, Farbfotografie, 127 x 102 cm (Detail) © ZHANG Huan, courtesy M+ Sigg Collection. By donation

Bewertung:    



Hat man erst einmal die alten Phönix-Hallen in Harburg erreicht, steht man vor einem unscheinbaren Eingang ganz in Schwarz. Man öffnet die Tür und ist geblendet von so viel Weiß und Weite. Vorfreude kommt auf, und ich wandele ganze zweieinhalb Stunden durch diese sehr moderne Kalligraphie-Ausstellung. Über 100 Arbeiten der letzten 30 Jahre chinesischer Kunst werden gezeigt. Es gibt eine informative und sympathische Führung, bei der ich viel erfahre über Tradition und Lebensphilosophie, über die chinesische Kulturrevolution von Mao, und die Kalligraphie als Machtinstrument.

Seit 1980 hat sich allerdings in der chinesischen Avantgarde-Kunst vieles getan, man experimentiert im ästhetischen Sinn, rekonstruiert, kreiert überdimensionale Wandzeitungen, die über Wände, Decken und Boden gehen, um politisch aufzuklären über maoistisches Gedankengut und politische Hetzkampagnen. Während früher nur höher gestellte Personen der Schrift mächtig waren, macht sich jetzt eine neue kulturelle, soziale und politische Kraft die chinesischen Schriftzeichen zu Nutze.

Red Curtains, eine Installation von Yuan Gong aus dem Jahr 2009, zeigt bühnenartig arrangierte Stoffbanner aus der Mao-Zeit, rot-golden, mit Schriften versehen wie „das großartige Vaterland“, „hört dem Parteiführer zu“, „entschlossen gehorchen“ - es macht mich beklommen, und immer sehe ich von Weitem das Konterfei Maos.

Doch beim Nähertreten ist das Porträt völlig sinnlos, sehr ästhetisch mit Papierschnitzeln chinesischer Schriftzeichen bestückt. Überhaupt findet sich überall harmonische Schönheit, die Farben Rot, Schwarz und Weiß haben in Wandzeitungen ein ganz bestimmtes Verhältnis. Wenn ich auch die Schriftzeichen nicht lesen kann, die Symbole bringen in mir etwas zum Schwingen.

Will man die Schriftzeichen beherrschen, muss man eins sein mit seiner Hand, mit seiner Atmung, man muss seiner Konzentration folgen. Von außen sieht das für Westler aus, als wäre da einer im Rauschzustand. Das Gegenteil ist der Fall, es ist ein Zeichnen und Malen des Augenblicks, eine spirituelle Erfahrung.

In ganz alter Tradition wurde noch Glück und Segen, ja alle Wünsche auf Schildkröten-Panzer geschrieben, dann auf Stein, später auf Papier. Es gab chinesische Tuschmalerei mit klassischen Motiven wie Pflanzen, Felsen, Wasserläufen und immer wieder Bambus.



Erste Impression aus der SECRET SIGNS-Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg: Wandzeitungen nach dem Motto „viel reden - nichts sagen“ | Foto (C) Liane Kampeter


Zweite Impression aus der SECRET SIGNS-Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg: Die Ästhetik der Reduktion | Foto (C) Liane Kampeter


Dritte Impression aus der SECRET SIGNS-Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg: Die Öffnung zum Westen, mit Humor betrachtet | Foto (C) Liane Kampeter


Tian Wei, geb. 1955 baut eine Brücke zwischen chinesischer Tradition und westlicher Moderne, indem er Schriften beider Kulturen auf einem Bild unter dem Titel Mind vereint, entweder nur in Schwarz oder nur in Weiß.

Dann gibt es riesige Papierbilder einer Künstlergruppe, die kalligraphische Happenings mit Ess- und Trinkgelagen zelebrieren. Ist man so richtig im Rausch, geht man zum Papier über, erfindet neue Fantasiezeichen.

Die proletarische Kulturrevolution hat die Menge der Schriftzeichen stark eingeschränkt, so wird man dekonstruktiv und spielerisch. Die Jungen wollen sich dem Westen öffnen. Verbote führen nur dazu, neue Geheimschriften zu entwickeln, mit viel Rot wird Alltägliches, nichts Wichtiges oder Unsinn kommuniziert, erfundene also sinnlose Schriftzeichen zusammen gestellt. Nach dem Motto: „Nichts sagen - viel reden“.

So reden die einen vom Kulturverlust, während die anderen eine neuen künstlerischen Ausdruck wagen, Kunst und Leben vereinen.

Manche mögen es bereuen, dass aus den 87.000 nur noch 3 bis 5.000 Schriftzeichen geblieben sind, andere fühlen sich auch befreit von der philosophischen Tradition, Pflanzen malen zu müssen. Sie übersetzen Schriftzeichen in Computersprache oder arbeiten mit Piktogrammen. Der künstlerische Ausdruck der Handschrift findet moderne Formen in Graffiti Art oder als Lichtinstallation, ja sogar ein alter Stuhl (angeblich aus der Ming-Dynastie) wurde demontiert und zu einem plastischen Kunstwerk mithilfe schwarzer Plexiglasscheiben neu montiert. Wer sehen kann, erkennt ein chinesisches Schriftzeichen im Raum - Frieden.

Es gibt Experimente mit Auswaschungen der Schrift oder Kombinationen mit westlicher Werbung. Wegen der vielen Verbote - man denke an Ai Weiwei - gehen Künstler nach Hongkong oder in den viel gepriesenen Westen des Reichtums und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Für mich ein Höhepunkt: die Raum-Licht-Installation, wo Schriften fließen, flackern wie in einem Feuerregen. Von schwarzer Fläche bis zum totalen Rot, Wörterschlangen schwellen an, begleitet von Tonrauschen in einem Sechseinhalb- Minuten-Loop, der sich blutartig über die Wände zieht. Endzeit-Pathos ist im Raum erfahrbar, das Land, das Haus, es steht in Flammen.


Liane Kampeter - 19. Dezember 2014
ID 8333
SECRET SIGNS ist eine Ausstellung über Poesie, ein Spiel mit Ästhetik und Reduktion, teils politisch, dann aber auch wieder im Experiment von Ausdruck und Kommunikation. Dabei steht die Tradition der Modernen gegenüber wie Ost und West, genau genommen gibt es eine neue Harmonie der Gegensätze. Es geht darum, die Welt kennenzulernen, sie zu zerlegen, und alles kann in eine neue Form gebracht werde.

Weitere Infos siehe auch: http://www.deichtorhallen.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de




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