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Ausstellung

"Whatever You

are looking for,

You won't find

it here."


(Raymond Pettibon)



Plakatmotiv: Raymond Pettibon, No Title (homo americanus), 2015 Schreibstift und Tusche auf Papier | Courtesy David Zwirner, New York, © Raymond Pettibon

Bewertung:    



Was wird er tragen? Rosa Hemd? Ja, wirklich, er trägt das Rosa Hemd, die Farbe der zarten heilenden Liebe unter einem schwarzen Pullover. Raymond Pettibon, geb. 1957 in Tuscon/Arizona - sein Künstlername bedeutet so viel wie "Der kleine Gute". Seit den 70er Jahren hat er wohl 20.000 grafische Werke geschaffen, Karikaturen, Bilder mit Texten, Comicstrips, Fanzines (Magazin, das von Fans für Fans gemacht wird). In seiner Zeit als Bassist der Musikgruppe Panic zeichnet er für diverse Plattencover. Die Punks klagen offen an, aber Pettibon will nicht politisch verstanden werden. Er will keinen Dogmatismus, keinen Kommerz und keinen Personenkult. Es ist die Ablehnung gewöhnlicher Wertvorstellungen. Als Rebell, Individualist und Intellektueller begann er sein Kunststudium 1977, schloss ab mit dem Bachelor of Fine Arts, nahm teil an der Documenta 11 und bekam im Laufe der Zeit viele Auszeichnungen.

Seine Themen sind das Dunkle, Kirche, Gewalt und Hoffnung. Und auf einer anderen Etage ist es das Surfen, Baseball, die alte Eisenbahn... (Schon mal das Schnauben einer Eisenbahn gehört?) Ausgehend von der Hoffnung der 60er Jahre und der Flower Power-Bewegung sah er schon den Zusammenbruch der USA. Tote Soldaten aus dem Vietnamkrieg, Drogenexzesse, Gewalt - es war ein gescheiterter amerikanischer Traum. Seit über vier Jahrzehnten kann dieser Mensch nicht aufhören, zeichnerisch zu dokumentieren, und seine anfangs noch distanzierte Beobachtung geht immer mehr in eine direkte Anklage über. Er wirkt verletzt. Aber in all diesen Jahren ist seine Kunst nur besser geworden. Sein direkter grafischer Stil ist hochintelligent, er bestückt seine Bilder mit teils literarischen Texten, die immer auch eine eigenständige Aussage haben:

"And her nails were as blue as her lips were red."

Ich danke dem Sammler Harald Falckenstein für seine Anregung, die vielen Bilder mit einer selbstgefassten Meinung und dem eigenen Hintergrund zu betrachten. Mir persönlich ist schwer ums Herz geworden - war ich doch selber 1978 in den USA, um diesen amerikanischen Traum einzufangen. Spätestens seit dem Irakkrieg und seit 9/11 ist da nur noch Schock, keine Ironie mehr, keine Distanz, sondern Anklage an die verantwortlichen Politiker. Wut, Enttäuschung und Verbitterung lassen sich nicht mehr zurück halten.

"What kind of death? Not Aids? - Just cancer." Starker Tobak!



Raymond Pettibon: untitled (Self-portrait with eye-patch), 1998 Schreibstift und Tusche auf Papier | © Raymond Pettibon


Diese Ausstellung [homo americanus] ist die erste von Raymond Pettibon mit so einem Umfang, ungefähr 700 Zeichnungen, Flyer, Plattenhüllen, Fanzines hängen hier, dazu Videos und vor Ort angefertigte Wandzeichnungen. Gar nicht so einfach, das zu strukturieren. Es gibt eine chronologische und stilistische Orientierung und thematische Schwerpunkte. Der Kurator Ulrich Look hat sich seit Jahren mit der Mythologie Pettibon's auseinandergesetzt, hat zusammengetragen, viele Leihgeber gefunden und eine spannende Präsentation und die bislang umfassendste Einzelschau gestaltet. Harald Falckenberg zur anfänglichen Skepsis: "Wir machen jetzt 'ne riesenfette Ausstellung!"

Eine umfangreiche Ausstellung also, über vier Etagen, sie ist keine leichte, vor allem wenn man anfängt, die Texte zu lesen und all diese tausend Details zu betrachten. Besonders die Videos hinterlassen einen brutalen und auch perversen Eindruck; hier wird distanziert aber unverblümt gezeigt. Als Jugendlicher muss er wohl seine Eltern aufklären und schockieren, so steht es zumindest in einem Bild: "Dad, Mom, that's my dick!" Ist er katholisch erzogen? Er setzt die Erektion ins Bild, und woanders steht zu lesen, in NY wäre keine Frau mehr sicher. Die Erektion als allegorische Anspielung für männliche Herrschaft und Übermacht. "Glory Hole" (das Fickloch in der Wand) ist der Inbegriff der Ent-Personalisierung, des anonymen Sex. Alles ist erlaubt in Amerika, wo doch alle so prüde sind.

Um die eigene Identität zu erkunden, macht Pettibon auch Selbstportraits mit Kommentaren wie "There is no outside out here." oder "Meet my own eye. I will suffer." - Inside there is a lot of pain. Pettibon ist also nicht nur ein Beobachter seiner Zeit, er ist es auch für sich selbst. Und Außen wird Innen oder umgekehrt. Dann wieder die Behauptung, Realität wäre nicht auf seinen Bildern, sondern draußen: "The scene took place off canvas."

Kindliche Fantasien und Knetfiguren schleichen sich ein, Zeichnungen werden übergekritzelt, unzusammenhängende doch assoziative Collagen hier vor Ort direkt auf der Wand. Es ist ein riesiges Netzwerk an Ideen. Gesellschaftskritisch, aber auch das ist nur eine Schublade, die ihm nicht gerecht wird. Seine Bilder sind im Grunde interaktiv; jeder sieht entsprechend seiner eigenen Meinung. Er ist unverbindlich-verbindlich und nimmt selbst unterschiedliche Sichtweisen ein. Die nukleare und ökologische Katastrophe prallt mit der Fantasie eines Kindes zusammen. Und wo ist das Grün? Zunächst sind es Lautmalereien mit lose geführten Pinselstrichen, später dann wird er farbig.

Ein Rat an sein Publikum: "Be carefull what You let in!"

Der Krieg ist aber schon in den Köpfen der Menschen. Wie kann man da noch seine eigene Identität wahren?! Entfremdung hat längst stattgefunden. Pettibon aber lässt sich nicht vereinnahmen und zeigt weiterhin die Paranoia der amerikanischen Welt als kritischer Beobachter.

Und durch die Betrachtung seines Werkes hier in Deutschland, gibt es mit Sicherheit neue Perspektiven.



Plattencover Black Flag Slip It In, 1984 | Foto: Egbert Haneke, Courtesy sammlung stefan thull

Liane Kampeter - 4. März 2016
ID 9182
Begleitend zur Ausstellung erscheint bei David Zwirner Books eine reich bebilderte Publikation.

Es gibt außerdem ein Rahmenprogramm mit Kuratorenführungen und einen Workshop für Schulklassen.


Weitere Infos siehe auch: http://www.deichtorhallen.de/sammlungfalckenberg


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de



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