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Ausstellung

Allee der

Schönen und

Mächtigen



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Ein wilder Künstler, ein verklärter Musiker, eine glatter Schöngeist und ein strenger Generaloberst. Georg Kolbes Portraits erzählen keine Geschichten. Sie zeigen den Protagonisten - nichts wird erfunden, verschönt oder verborgen. Sie sind realistisch und zeitlos. Allegorien haben hier nichts verloren.

Der Bildhauer des 19. Jahrhundert meißelte und modellierte vor allem liegende oder stehende Ganzkörperskulpturen für Gärten oder herrschaftliche Häuser; Büsten waren offiziellen Räumen und Politikern vorbehalten. Dies änderte sich schon im frühen Expressionismus. Kunstwerke wurden reduziert, man konzentrierte sich auf den Intellekt, was dem Portrait eine bedeutende Rolle verschaffte. Das Bildnis eines Kopfes steht für die Offenbarung der Seele und huldigt dem Geist.

1904 kommt ein junger, symbolistischer, sächsischer Maler mit Kunsttendenzen und Ideen aus Dresden, Rom und Paris im Gepäck in die brodelnde Kulturdrehscheibe Berlin und macht eine Punktlandung. Er wendet sich schnell der Bildhauerei zu, ein Metier, das er gar nicht gelernt hat aber mit der Zeit vorzüglich beherrscht. Kolbe kombiniert künstlerischen Pragmatismus, Vielseitigkeit, Talent und Managementfähigkeiten aufs Perfekteste. Er fühlt sich wohl auf dem kulturellen und politischen Parkett, schließt schnell Freund- und Bekanntschaften, tritt in die Berliner Secession ein, reist und arbeitet mit anderen Künstlern, verewigt die höhere Gesellschaft und manchmal auch die dazugehörige Familie. Die Dramatik des Ersten Weltkrieges lässt er künstlerisch nicht an sich heran (Kolbe macht zwar eine Fliegerausbildung, bleibt aber praktisch vom Kriegsdienst verschont, geht nach Istanbul und portraitiert sogar einen Pascha). 1918, wieder in Berlin, verleiht ihm das Preußische Kultusministerium den Professorentitel.

Rodins Arbeiten kennt er natürlich, folgt aber nur bedingt dessen Prinzip der Verdichtung und des Existenzausdruckes („expression passionée“), wie dies andere Zeitgenossen, z.B. Barlach, tun. Er sieht sich nicht unbedingt als Erfinder oder Verfechter neuer Tendenzen, sondern wird zu einer Art Hof-Bildhauer, wie dies auch schon bei Max Liebermann in der Malerei der Fall ist. Er sammelt Berühmtheiten, wie es später Helmut Newton oder Annie Leibovitz tun sollten.

Durch den – sogar im Winter –wunderschönen Garten folgt man der Bach-Kantate Ich habe genug (die von einem schwimmenden Kopf in einem fast fensterlosen Haus gesungen wird, was makaber anmutet: eine Installation, die es wert ist, getrennt besprochen zu werden) und erreicht den Eingang. Im ersten Saal stellt Kolbe seine Familie vor.



Bildhaueratelier von Georg Kolbe mit einigen seiner Porträtbüsten | Foto (C) Christa Blenk


Benjamine van der Meer de Walcheren, eine schöne holländische Sängerin, die er in Bayreuth bei den Wagners kennenlernt und 1902, 25jährig, heiratet. Das Bildnis entsteht 1926, ein Jahr vor ihrem tragischen Tod (wahrscheinlich durch Selbstmord). Im selben Raum hängt auch das letzte Portrait von Benjamine, Requiem (1927), die Augen geschlossen, von einem schwarzen wuchtigen Trauerflor umrahmt. Eine seiner empfindsamsten Arbeiten, in der er das Leid modelliert. Neben ihr die Tochter Leonore und Kolbe selber – ein Autoportrait von 1925.

Dann betreten wir diesen Wald der Phantome, eine Glyptothek der Reichen, Klugen und Eleganten. Hier, im zweiten Raum, seinem ehemaligen Atelier, wovon noch die Schienen sprechen, die von links nach rechts den Raum durchqueren, sind sie, diejenigen, die in den Jahren zwischen 1905 und 1940 das aktiv-sprudelnde und lebhafte Treiben in Berlin mitgestalten. Die regieren, bauen, dichten,  Geschichte schreiben, komponieren; und in ihrer Mitte Georg Kolbe, der Bildhauer, der sie Alle in Gips oder Bronze festhält. Die Büsten stehen dort wie auf einer Lichtung im Gehölz, umgeben von Bäumen, die durch die großen Fenster hereinkommen. Man schlängelt sich durch diese Schneisen im Dickicht der Köpfe und macht einen Schnellkurs in kulturpolitischen Persönlichkeiten der Moderne und Bekanntschaft mit seinem Umfeld, seinen Freunden und Bekannten, Musikern, Komponisten, Bildhauern, Malern, Politikern, Galeristen, Ärzten, Schriftstellern und Architekten, die er für die nächsten Generationen in Bronze oder Gips formt. Bis auf das Portrait von Antonio, das 1901 während seines Rom-Aufenthaltes entstand. Ihn kennt keiner!

Erst nach Benjamines Tod lässt er sich vom Architekten Ernst Rentsch dieses Atelierhaus im gerade sehr angesagten und modernen Bauhausstil entwerfen. In den Reihen treffen wir auch auf den belgischen Architekten und Bauhausgründer Henry Van de Velde, natürlich auf den Salonlöwen und Schöngeist Harry Graf Kessler, den Maler Max Liebermann oder auf den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Sehr gelungen als wilder Faun Max Slevogt – die Büste gleicht einem seiner Autoportraits; sensibel und feingeistig der italienische Komponist Ferruccio Busoni, und unbeugsam-streng der Generalmajor Karl von Einem, dessen Portrait 1915 im Auftrag des Roten Kreuzes entstand. Else Epstein fast im Biedermeier-Stil und ganz anders Maria Möller-Garny, die Schülerin seines Freundes Karl Schmidt Rotlauf. Ihr Portrait entstand 1921; formvereinfachend lässt sie an afrikanische Masken und an Brancusi gleichzeitig denken. Realistisch, kalt, chaotisch und expressionistisch ist er, dieser zeitlose Phantom-Büstenwald. Das letzte Portrait in der Prominenz-Ahnengalerie entstand 1943, es stellt seinen behandelnden Arzt Ferdinand Sauerbruch dar.

Und wie bei den alten Römer-Büsten, bei denen meistens die Frisur den Zeitpunkt der Entstehung verrät, kann man auch Im Netzwerk der Berliner Moderne, einer Schau, die das Georg Kolbe Museum zu seinem 140. Geburtstag organisiert hat, den Moment der Schöpfung erkennen.

Aber nur diese Büsten machen noch keine Ausstellung. Vorbei am Rathenau-Relief und an Bethmann Hollweg geht es in den Keller. Kolbes leicht zu nehmende und sich Allen erschließende Portraits sind eine Sache - seine Befassung mit dem Tanz eine andere! Nicht zu übersehen die vorbereitenden und wirklich guten Zeichnungen, die an den Wänden hängen.



Tänzerinnen und die Nonne aus Holz (Mi.) im Kellerraum des Georg Kolbe Museums | Foto (C) Christa Blenk


Kolbe war ein Konzert, Opern- und Balletgänger. Tanz hat ihn besonders interessiert und fasziniert. Ähnlich wie Canova über 100 Jahre vorher (dieser ist übrigens gerade im Bode Museum zu sehen), hat auch Kolbe sich ausgiebig mit dem Thema Tanz beschäftigt und füllt damit den unteren Bereich des Hauses. Er gießt die Ikone des Ballet Russe, den fliegenden Vaslav Nijinky auf Zehenspitzen stehend in Bronze, inspiriert sich an Mary Wigmans Ausdruckstanz und schart eine Ballettwelt um sich. Diese Skulpturen sind biegsamer und eleganter, androgyn und ebener, aber immer im Rahmen bleibend. Sie glänzen durch fehlenden Manierismus, auch weil seine Modelle sich nicht unzumutbaren und schmerzhaften Verrenkungen unterwerfen mussten, wie es Auguste Rodin von ihnen verlangte. Mit dem Meißel hat Kolbe nicht gearbeitet, eher mit den Händen.

Mitten unter den Tänzerinnen befindet sich auch eine Holzskulptur, die einzige in der Ausstellung, Nonne (Eichenholz, 1923), sie ist ganz anders, fast wie eine Barlach-Arbeit, und wirkt verloren in der frivolen Leichtlebigkeit des Berliner Nachtlebens. Sie ist sehr schön und weint rote Tränen.

Im letzten Raum, wieder oben, steht die Gipsreplik Morgen. Ludwig Mies van der Rohe wählte diese Skulptur von 1925 für den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona aus. Morgen ging leider auf dem Rücktransport verloren. Die in der Ausstellung gezeigt Kopie entstand 1986 anlässlich der Rekonstruktion des Pavillons.



Georg Kolbes Skulptur Morgen vor dem Barcelona Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe | Foto (C) Christa Blenk


Die interessantesten Skulpturen aber stehen im Garten. Faune, liegende und stehende Personen, der Tänzerinnenbrunnen, hier ist Kolbe viel freier, leidenschaftlicher, spielerischer und individueller. Dort tummeln sich verzerrte und ausgemergelte Arbeiten, wie sie der große Lehmbruck schuf, oder runde und ruhige Körper, wie wir sie von Maillol kennen. Gemalt hat Kolbe diese Figuren schon um die Jahrhundertwende. Das Bild Schreitende Männer von 1903 hängt in der Ausstellung und erinnert an den Italiener Sironi; könnte aber auch schon ein Vorgänger von Picassos Rosa-Periode sein.

Georg Kolbe hat an die 2.000 Zeichnungen und ca 1.000 Skulpturen geschaffen, von denen ein Großteil verschwunden ist. Ob sie bei der Zerstörung seines Hauses im Krieg verloren gingen oder zerstört wurden, weiß man nicht genau. 200 Büsten hat er insgesamt geschaffen, 50 sind in der Ausstellung zu sehen. Ergänzend werden historische Fotografien, Zeichnungen und Gemälde sowie Briefe und Zeitdokumente aus dem Nachlass des Künstlers gezeigt sowie einige ausgesprochen gute Gemälde von seinem Freund Karl Schmidt-Rottluff.

*

Eine gelungene Ausstellung, die den Bildhauer und Mann Georg Kolbe erklärt und beschreibt, obwohl man am Ende eben doch feststellt, dass er sich nicht genug mit der Moderne auseinandersetzte, wie dies Barlach, Belling, Archipenko, Julio Gonzalez oder Lehmbruck taten. Er hat eine andere Richtung eingeschlagen, eine leichtere. Vielleicht liegt es auch daran, dass er als Autodidakt in der Bildhauerei sich lieber aufs Handwerk als auf Neuerungen konzentrierte. Kolbe hat sich nie damit auseinandersetzen müssen anerkannt zu werden und stand – als optimaler Netzwerker – im Zentrum des Geschehens. Eine Notwendigkeit, dem expressionistischen Schrei zu folgen, gab es nicht! 1943 verstarb Georg Kolbe in Berlin und hat doch einen glänzenden Ruf hinterlassen.


Christa Blenk - 1. Februar 2017
ID 9814
Weitere Infos siehe auch: http://www.georg-kolbe-museum.de/2017/01/im-netzwerk-der-berliner-moderne/


Post an Christa Blenk

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