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Ausstellung

Noch bis 1. September 2014 - Reina Sofia, Madrid

DIE ZEIT UND DIE DINGE

El tiempo y las cosas. La casa-estudio de Hanne Darboven



Minimale Konzeptkunst und Horror Vacui

– aber alles nach Plan

Das Museum für Zeitgenössische Kunst in Madrid Reina Sofia zeigt eine umfangreiche Auswahl von Blättern und Gegenständen aus dem Arbeitszimmer von Hanne Darboven (1941-2009) - Dinge, die ihr Werk und Leben begleiteten und vielleicht erklären.

Kilometerlang (gefühlt) reihen sich Blätter (Schreibzeichnungen) mit Zahlen oder mathematischen Formeln, Buchstaben, Kalendersequenzen oder perforierte Farbflächen aneinander – rhythmisch-musikalisch und rationell-kartesianisch. Es wird einem fast schwindlig, wenn man durch die langen Räume geht, die durch die Intensität der Arbeiten noch optisch verlängert scheinen. Zuerst nur die Blätter, dann die perforierten Farbflächen, dann das Arbeitszimmer, das Wohnzimmer, ein Studio. Die Räume sind angefüllt mit Dingen, die sie zuhause umgaben. Erschöpft erreichen wir das Ende des ersten Raumes und stoßen auf ein erfrischendes Darboven-Kaffee-Schild - ein Augenzwinkern an ihre kaufmännische Herkunft?

Chaos und Ordnung liegen direkt nebeneinander.

Im nächsten Saal überrumpelt uns eine ins Unendliche reichende konstruktivistisch-minimale, schöne Holzkonstruktion. Hier wird jeder Setzkasten jeweils um ein „Zimmer“ erweitert, wieder eingerahmt von Zahlen, Noten und Buchstaben. Obsessiv und fanatisch versuchte diese Konzeptkünstlerin, die Zeit zu versinnbildlichen, sie festzuhalten, einzufangen oder anzutreiben. Hier spürt man den Versuch, das Chaos in Orndung umzuwandeln, am meisten.

Die Ausstellung hat nicht den Anspruch einer Retrospektive. Sie ist einfach nur eine Reise, um die komplexe und faszinierende Welt der Hanne Darboven kennenzulernen. Ein Teil der Arbeiten kam direkt aus ihrem Arbeitszimmer – so wurde die Konzeptkünstlerin noch nie präsentiert. Es ist ein Aufeinanderprallen von Weich und Hart, von Kür und Pflicht. Das geordnete Chaos in ihrem Haus ist eine direkte Verlängerung ihrer Kunst und hat durchaus System. Sie wusste sehr wohl, wo alles stand, lag oder ruhte (ich musste dabei an einen Film von WC Fields denken).

Ordnung ist wichtig, sie hält das Dasein zusammen und gliedert die Gedanken. Aber es gibt sicher Niemanden, der all ihre Hinterlassenschaften lesen oder analysieren kann - ein Leben reicht dazu nicht aus.

Uns hat trotz Faszination nach einer Stunde der Mut und der Wunsch verlassen, uns auf ihre Buchstaben-Blätter einzulassen. Ein Sofa hätte dem abhelfen können, aber das wurde leider nicht mitgeliefert. Die Dinosaurier, Tische und ausgestopften Viecher aus ihrer Wohnung waren dann eine willkommene Abwechslung.


*


Geboren wurde Hanne Darboven 1941 in München. In Hamburg ist sie aufgewachsen und ging Ende der 60er Jahre nach New York. Dort traf sie auf Sol LeWitt und John Cage und lernte die Arbeiten (date paintings) von On Kawara kennen. So fand sie schließlich ihren eigenen persönlichen unendlich arbeitsamen Weg.

Wieder zurück in Deutschland hat sie angefangen, Gedichte abzuschreiben. Mit Schreibzeit, einem ihrer Hauptwerke, versuchte sie die Zeit zu organisieren. Ihre tausend und abertausend voll geschriebene Buchstaben- und Wörterseiten gingen irgendwann in ein kompliziertes Arrangement von Zahlen und Noten über. Darboven hat versucht, das persönliche und universelle Chaos in Ordnung umzuwandeln und es festzulegen. Verstanden hat sie sicherlich Niemand, obwohl sie selber das nicht nachvollziehen konnte. "2 + 2 macht 4: Das ist doch ganz einfach!" Ihre Werke erinnern an die Buchhaltung (vielleicht die ihres Vaters) eines Riesenunternehmens in den 60er Jahren.

Schon in den 70er Jahren zählte sie zu den wichtigsten Konzeptkünstlern überhaupt. 1972 wurde sie von Harald Szeemann zur Documenta 5 eingeladen. Es folgten Beiträge auf der Documenta 6 und 7, und auf der Documenta 11 stand ihr sogar die komplette Rotunde des Fridericianums zur Verfügung. 2006 hatte sie ihre letzte Ausstellung in Berlin im Deutschen Guggenheim.

Auf irgendeine Weise schien sie einem als nicht von dieser Welt. Sie könnte eine Figur aus einem Garcia-Marquez-Roman gewesen sein. Alles verlief nach Plan bei ihr. Zierlich mit überkurzen Haaren und Männerkleidung, immer rauchend, stand sie beim Morgengrauen auf und fing an, Buchstaben und Noten hintereinander herzuschreiben. Punkt 12 Uhr legte sie den Griffel weg. 40 Jahre lang füllte sie auf diese Weise ihr Leben (und Museen) aus.

Die letzten Jahre lebte Hanne Darboven menschenscheu und weltabgewandt in ihrem Haus in der Nähe von Hamburg. Im Jahre 2000 gründete sie die Hanne Darboven Stiftung; diese soll junge Künstler unterstützen und ihr umfangreiches Werke verwalten – soweit möglich! Hanne Darboven ist 2009 verstorben.

Hat sie ihre Zeit besiegt oder ist sie von ihr besiegt worden – wahrscheinlich beides?





Nachgestelltes Arbeitszimmer von Hanne Darboven im Madrider Reina Sofia - Foto (C) Christa Blenk



Bewertung:    



Christa Blenk - 16. Mai 2014
ID 7832
Die Ausstellung wurde vom Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, den Deichtorhallen Hamburg, der Sammlung Falckenberg in Zusammenarbeit mit der Hanne Darboven Stiftung und dem Goethe Institut organisiert.

Der französische Architekt Jean Nouvel hat 2008 das Reina Sofia Museum (ein genial umgebautes Gebäude von Sabatini aus dem 17. Jahrhundert – früher ein Krankenhaus) um einem rationellen kalten und distant-schönen Anbau erweitert. Die Ausstellung ist in diesem neuen Teil zu sehen, wo sie sehr gut hin passt. Das Publikum ist allerdings überfordert damit und drängelte dann ganz schnell wieder in Picassos Guernica.

c. b.


Weitere Infos siehe auch: http://www.museoreinasofia.es/


Post an Christa Blenk

eborja.unblog.fr



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