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Ausstellung

Golem's im
Jüdischen Museum
Berlin



Bewertung:    



Der Golem, diese berühmteste Legendenfigur der Kabbala, ist ein seelenloses Wesen aus Lehm oder Sand. Er wird durch Rituale oder geheime Buchstabenkombinationen von einem Menschen zum Leben erweckt und ist mit übermenschlicher Kraft ausgestattet.

"Der Glem lebt.": Übermenschen, Comic-Figuren, Androiden und Roboter sind die Golems unserer Zeit. Kleine Souvenir-Golems aus Prag oder chinesische Grusel-Monster werfen riesige Schatten an die Wand und werden zu angsteinflößenden Riesen. Direkt daneben – aktueller geht es kaum noch – Donald Trumps Wahlkampagne-Baseball-Kappe Make America great again. Der kanadische CBC-Journalist Neil Macdonald vergleicht hier Donald Trump mit dem Golem, der – ähnlich dem immer mehr Macht bekommenden Golem aus der jüdischen Legende – seinem Erschaffer (den Republikanern) entgleitet und sich selbständig macht. Hier geht es um den akuten Kontrollverlust über die Geister, die man rief!

Für den Berliner Arzt Fritz Kahn war der Mensch vor allem eine leistungsfähige Maschine. Das zeigt seine Informationsgrafik Der Mensch als Industriepalast; hier geht er konform mit dem Freigeist und Bretonen Julien Offrey de la Mettrie, der im 17. Jahrhundert am Hof vom alten Fritz im toleranten Preußen sein Werk L'homme Machine (1748 - Die Maschine Mensch) veröffentlichen durfte.

Im nächsten Raum liegt Joshua Abarbanels Golem-Figur wehrlos und verletzlich mit ausgebreiteten Armen und Beinen am Boden. Sie befindet sich in einer Art Übergangszustand, und man kann nicht wissen, ob die Buchstabenfigur gerade das Leben verloren hat oder kurz vor dem Belebtwerden steht. Abardanel hat die Skulptur aus Holzbuchstaben extra für die Ausstellung konstruiert.



Joshua Abarbanel, Golem (maquette), 2013, Holz, Metall, Keramik | (C) Courtesy of the artist


Crisálidas ist eine Installation des spanischen Künstlers Jorge Gils. Der Besucher begleitet den Moment des Ausschlüpfens der im Netz hängenden gelben Plüschlarven. Die Raupe befreit sich von der hässlichen Larve - wie dies der Golem tat, nachdem der Rabbi ihm den Lebensodem einhauchte. Golem bedeutet im Hebräischen auch "Puppe" oder "Larve".

Das Video Birth, Body und die Serie Earth, Landscape-body dwelling des Der US-Amerikaners Charles Simonds gehören für mich zu den Geschenken in der Ausstellung. Simonds Werk ist keinem Stil zuzuordnen, bei ihm geht es um persönliche Rituale und intime Mythologie. Bekannt wurde er vor allem mit seinen little people-Miniaturlandschaften aus Ton und Sand in einem Niemandsland.

Auch Anselm Kiefer liebt die Alchemie und hat sich viel mit der Kabbala beschäftigt. Seine Hommage an den Golem im Kapitel "Mythos Prag" ist die Skulptur Rabi Löw: der Golem (1988-2012) aus verschiedenen Materialien. Kiefers Arbeit nimmt die Legende aus dem 16. Jahrhundert um den Rabbi Judah Lowe auf, der, inspiriert von okkulter Magie und Alchemie, einen Lehm-Golem formte und zum Leben erweckte, um das jüdische Ghetto zu beschützen. Wie wir aber wissen, hat sich dieser Golem abgenabelt und Prag terrorisiert.

Die Angst der Wissenschaftler und Forscher vor einer Kommandoübernahme durch Maschinen hat im 20. Jahrhundert das Kino enorm beschäftigt. Denken wir an Stanley Kubrick, der schon 1968 in seinem philosophischen opus 2001 - Space Odysse die Computer oder Übermaschinen dem Menschen bedrohlich gleichstellte oder an Dr. Strangelove, der selber zur Maschine wurde. Gleiches gilt für die Blockbuster-Produktionen Terminator oder Blade Runner.

Die Alchemistische Tischglocke war das Kuriositätenkabinett von Kaiser Rudolph II. und wird hier mit einer 3D-Brille zum Rummelplatzerlebnis. Der Kaiser liebte Schwarze Magie, umgab sich mit Gelehrten und Künstlern und hatte im 16. Jahrhundert auf dem Hradschin sogar ein eigenes Labor, das jeden Alchemisten beglückt hätte. Ob er allerdings auch einen Menschen erschaffen wollte, ist nicht dokumentiert; mit Gold hat er es jedenfalls – vergeblich - versucht.

Der Regisseur Paul Wegener hat seinen grau-plump-quadratischen Golem [Der Golem, wie er in die Welt kam, 1920] nach dem 1915 erschienen Roman von Gustav Meyrink erschaffen. Das Buch wurde schnell zum Bestseller und hat unser Bild vom Golem geprägt. Die beunruhigenden Radierungen, mit denen Hugo Steiner-Prag Meyrinks Meisterwerk illustrierte, sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Den unruhigen Schlaf, der den Gemmenschneider Athanasius Pernath in diese fantastische Geschichte stürzte, haben die Besucher vielleicht nach dem Buch der Ausstellung.

Wie auch immer, dieser Film zählt zu den Meisterwerken des expressionistischen Stummfilms und hat später andere Klassiker wie Frankenstein beeinflusst...



Golem-Doppelgänger, Fotografie um 1914 | (C) Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Nachlass Paul Wegener - Sammlung Kai Möller


Die 3-Kanal-Filminstallation AE/MAETH von Stefan Hurtig und Detlev Weitz muss man sitzend – am besten zweimal hintereinander - ansehen. Die beiden haben hier in einer Acht-Minuten-Sequenz an die 60 Filme aus der Filmgeschichtet zitiert.

Aber der Golem kann außer Zerstörer und Gegner durchaus auch Beschützer und Gefährte sein. In diesem Raum wird die Verantwortung der Schöpfer hinterfragt. Wo hört die Rettung auf und wann fängt die Macht an? Eine zentrale Frage an Wissenschaft und Politik. Die Multimedia-Spiegel-Rauminstallation von Daniel Laufer Redux (2014) erforscht Plätze, an denen der Golem eine (Beschützer-)Rolle spielte. Die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass der jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee von einem Golem beschützt wurde, was ihn vor der kompletten Zerstörung bewahrte und für viele Verfolgte zum Zufluchtsort wurde. "Jede Generation schafft sich den Golem, den sie braucht!", so der Künstler.

Im letzten Saal kann der Besucher mit Hilfe einer Gesichtsmorphing-software dem Golem seine eigene Mimik aufzwingen. Verabschiedet wird man von Kristof Kinteras menschlicher Lichtskulptur My light ist your life.



Blick in die Ausstellung | (C) Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff


Christa Blenk - 27. September 2016
ID 9586
Die Ausstellung GOLEM ist noch bis zum 29. Januar 2017 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Sie ist mit 120 Exponaten keine Großausstellung, aber sie ist ausführlich, umfangreich, sehr gut aufgebaut, spannend und unbedingt sehenswert! | cb

Weitere Infos siehe auch: http://www.jmberlin.de


Post an Christa Blenk

eborja.unblog.fr



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