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Fassbinder - JETZT - wie ist das zu verstehen? Dem Titel der Ausstellung scheint da nach dem in Versalien gesetzten Wörtchen "jetzt" irgendwie ein Ausrufezeichen zu fehlen. Die unbedingte Forderung nach einem Fassbinder - JETZT! Denn es besteht gerade heute wieder eine große Dringlichkeit, deutsche Geschichte zu betrachten und das nicht nur retrospektiv. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) hat sie mit dem Blick des hier und jetzt auf Celluloid gebannt. Seine Filme beschreiben die Geschichte Deutschlands nach dem großen Zusammenbruch und dem Neustart ins Wirtschaftswunder. Vom Weltenbrand zum Fußballweltmeister, vom Trümmermeer zum Mehr-ist-mehr einer aufstrebenden Weltwirtschaftsmacht. Und Fassbinder zeigte dabei auch immer das, was dabei auf der Strecke blieb. Er hatte den Finger am Puls der Bundesrepublik und mit ihr eine kleine Welt am Draht. Und natürlich hatte ihn auch Berlin, das Fenster zur großen Welt, das in den 70er Jahren Fassbinders Filme regelmäßig im Wettbewerb der Berlinale zeigte. Am Draht der Welt und Zeit zu bleiben, gerade darin besteht die Aktualität von Fassbinders Werk. Und was uns und den Künstlern unserer Zeit dieser Fassbinder heute noch zu sagen hat, versucht zumindest in Teilen die aktuelle Ausstellung zum 70. Geburtstag des 1982 früh verstorbenen Film- und Antiteater-Künstlers im 2. Stock des Berliner Martin Gropius Bau zu erklären.



Rainer Werner Fassbinder und El Hedi ben Salem am Set von Händler der vier Jahreszeiten, 1971 | © Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe


Hierbei gehen die Macher keineswegs rein retrospektiv vor, sondern teilen die Ausstellung in drei Bereiche auf. Zuvor begegnet einem aber am Eingang Rainer Werner Fassbinder selbst in einer Art Videoinstallation auf mehreren Bildschirmen, die nacheinander verschiedene Ausschnitte aus Fernsehinterviews mit dem Regisseur zeigen. Für Fassbinder-Liebhaber ebenfalls sehr interessant dürften die beiden linken Räume der Ausstellung sein. Im ersten, einem sogenannten Werkraum, werden neben Fotos von Dreharbeiten auch zahlreiche Originaldokumente aus dem Archiv der Fassbinder Foundation Berlin in einem langen Schaukasten aufgereiht. Dabei auch die abgelehnte Bewerbung bei der FFFB-Berlin, der Fassbinder eine Kritik von Jean-Luc Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.) beilegte. Wir sehen Briefe, Verträge, Besetzungslisten, Drehbücher und Storyboards. Der Regisseur führte akribisch Buch und war meist schon im Gedanken bei neuen Filmprojekten, bevor die aktuellen überhaupt abgedreht waren. Es gab schon mehrere Pläne bis weit in die 1980er Jahre hinein, so eben auch für einen Rosa-Luxemburg-Film.

Aber auch für Freunde von Reliquien und Devotionalien ist gesorgt. So steht da z.B. Fassbinders Flipperautomat und hängt natürlich seine berühmte Lederjacke. Bewundernswert auch ein Regal mit Videokassetten (handbeschriftet) von Filmklassikern wie Alfred Hitchcock, Jean-Luc Godard, John Huston oder Douglas Sirk, die den Regisseur nachhaltig inspirierten, und das für heutige Verhältnisse monströs wirkende Abspielgerät. Nebenan dann ein ganzer Raum für Fassbinders Kostümbildnerin Barbara Braun. Neben Vorzeichnungen und Skizzen sind hier auch die mondänen Roben aus Fassbinders großen Frauenfilmen wie Effi Briest, Die Ehe der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lola und natürlich Lili Marleen aufgereiht. In Filmausschnitten kann man die Kleider dann an den großen Darstellerinnen Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech bewundern.



Lili Marleen, 1980; Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla | © Barbara BaumFoto


Wendet man sich am Eingang nach rechts, wird in den darauffolgenden Räumen das Filmwerk Fassbinders auf seine ästhetischen Stilmittel wie Kameraeinstellungen, Bild-Arrangements und Sprache hin beleuchtet. Besonders die legendäreren immer wiederkehrenden Rundfahrten von Fassbinders Kameramann Michael Ballhaus sind in vielen Filmszenen zu sehen. Die wohl bekannteste aus dem Film Martha hat die Künstlerin Runa Islam zu einem Reenactment in einer Schwarz-Weiß-Videoinstallation inspiriert. Auf wie ein Triptychon angeordneten Videoscreens kann man Liebesszenen, Räume und Tafelbilder aus mehreren Filmen Fassbinders wunderbar miteinander vergleichen. Enge und Weite, Kargheit oder Opulenz, verspiegelte Räume und die artifizielle Sprache sind die bestimmenden Stilmittel in Fassbinders Werk, mit denen er die Gesellschaft vom Faschismus über die miefig spießige Bundesrepublik der Nachkriegszeit bis in die der 1970er Jahre portraitierte.



Maryam Jafri, Costume Party, 2005 | © Maryam JafriFoto


Beeinflusst hat der Regisseur damit bis heute vor allem Foto- und Videokünstler, deren Werken mit angedeutetem Fassbinderbezug die weiteren Räume der Ausstellung gewidmet sind. So sind neben der schon erwähnten Kamerakreisfahrt von Runa Islam, klaustrophobisch beunruhigende Videoarbeiten von Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, Maryam Jafri und Tom Geens zu sehen. In seiner Video-Installation Deutsch lernen mit Petra von Kant spricht der chinesische Videokünstlers Ming Wong im Kostüm auf dem Flokati-Teppich eine Szene aus dem Film Die Tränen der Petra von Kant. Genauso stilsicher karg wie Fassbinder arrangiert Jeff Wall seine Fotografien. Als Ergänzung zur Arbeitsweise Fassbinders sind diese Reflexionen seines Werks in der modernen Kunst sicher recht interessant, aber man hätte natürlich gern noch mehr aus dem schier unerschöpflichen Kosmos Fassbinders erfahren. So bleibt die Ausstellung mehr ein ästhetisches Appetithäppchen für Gourmets, das nicht wirklich satt macht und den politischen Menschen Fassbinder fast völlig ausspart.


Stefan Bock - 16. Mai 2015 (2)
ID 8643
Weitere Infos siehe auch: http://www.martin-gropius-bau.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de


"Focus Fassbinder" beim 52. Theatertreffen



 

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