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Ausstellung

Figurativ und

ekstatisch



Bewertung:    



Seit Anfang Dezember letzten Jahres, nur wenige Wochen vor der in der lokalen und bundesweiten Presse viel beachteten Eröffnung des Museums Barberini, beeindruckt auch das Potsdam Museum im Alten Rathaus mit einer nicht minder bemerkenswerten Schau bildender Kunst. Die beiden Ausstellungshäuser sind unmittelbare Nachbarn Am Alten Markt in Potsdam und Bestandteile des historisch wieder erbauten Ensembles mit der St. Nikolaikirche und dem Stadtschloss, das seit zwei Jahren den Brandenburger Landtag beherbergt. Auch ein Akt deutscher Vergangenheitsbewältigung, der Geschichteaufarbeitung vorrangig als Kosmetik und baulichen Historismus begreift. Will heißen, die Sache bleibt umstritten, ähnlich wie der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in seiner historischen Hülle. Es kommt immer auch darauf an, das Innere sinnvoll zu füllen.

* * *

Die Sonderausstellung Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei im Potsdam Museum zeigt nun in wunderbarer Weise, wie das u.a. aussehen könnte. Ein Stück deutsch-deutsche Kultur- und Kunstgeschichte, die auch über eine nicht unerhebliche politische Dimension verfügt. Gezeigt werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten figurativer Malerei, wie sie in den 1980er Jahren in beiden deutschen Staaten praktiziert wurde. Der Titel verweist dabei vor allem auf die vorrangig in West-Berlin arbeitende Künstlergruppe der „Neuen Wilden“ um Maler wie Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé, Bernd Zimmer und Elvira Bach. Aber auch in anderen Teilen der alten Bunderepublik gründeten sich Kunstbewegungen, die entgegen der abstrakten Malerei des „Informel“ den menschlichen Körper wieder in den Mittelpunkt der Malerei rückten...



Bernd Zimmer, Aus dem Nebelmeer, 1982, Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Archiv Bernd Zimmer


Angela Hampel, Penthesilea, 1988, bpk, Staatliche Kunstsammlungen Dresden © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Jürgen Karpinski


Wolfgang Mattheuer, Albtraum, 1982, Kunstsammlung der Berliner Volksbank © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Peter Adamik

*

Der Maler Helmut Middendorf beschreibt es in einem der Künstler-Statements, die die Ausstellung in einem Begleitfilm gesammelt hat, so: „Mich haben die damalige Musikszene in Berlin und New York, das Nachtleben und seine Rituale, der Exzess, die Architektur in Berlin, der Zoo und Erlebnisse politischer Bedrohung zu Bildern inspiriert. In den 80ern war die Figur als Transportmittel für Erlebtes und Gesehenes unabdingbar.“ Ähnlich sieht es die in Lichtenstein/Sa. geborene Künstlerin E.R.N.A.: „Mich beschäftigte der Mensch, zwischenmenschliche Beziehungen, die politische Situation in der DDR, verpackt in Literatur, Mythologie, aber vor allem in der menschlichen Figur. Das Abbild des Menschen ist für mich bis heute das wichtigste Transportmittel meiner bildnerischen Ideen.“

In diesen Aussagen erkennt man neben der gemeinsamen Vorliebe für das Figurative auch den wohl gravierendsten Unterschied. Das Politische, das sich im Westen im direkten Abbild des Alltäglichen spiegelte, wurde im Osten zumeist in bildlichen Metaphern verklausuliert. Wollte man unbehelligt von staatlicher Bevormundung arbeiten, blieb oft nur diese Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks. Wer sich allerdings in der DDR von Anfang an außerhalb der staatlichen Kontrolle des Kunstmarktes stellte, musste auch weiterhin mit Repression rechnen. Was für viele Künstler wie auch den bereits in der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin-Gropius-Bau Berlin vertretenen Maler Hans-Hendrik Grimmling in der Ausreise aus der DDR gipfelte.

Die Schau im Potsdam Museum kann man daher durchaus als eine interessante Ergänzung mit dem Fokus auf die Malerei der 1980er Jahre in der DDR und der BRD sehen. Sie funktioniert aber auch ohne diesen Bezug als reine Vergleichsschau, in der sich keines der 88 Werke von insgesamt 49 Künstlerinnen und Künstlern verstecken muss. Gehängt wurden die Bilder ohne direkt ersichtliche Zuordnung der Herkunft. Man muss dazu die ausliegenden Künstlerbiografien zur Hand nehmen. Es erfolgte lediglich ein thematische Hängung, unter den Kapiteln: Figurativ & Ekstatisch, Figurativ & Beobachtend, Figurativ & Losgelöst, oder Figurativ & Kämpferisch.

Und gleich im ersten Raum muss sich der Dresdner Volker Stelzmann mit seinem sehr realistischen Gemälde Die Band gleich gegen mehrere farbig ekstatische Darstellungen westlichen Nachtlebens wie Barbara Quants My Sister in New York, Helmut Middendorfs The stage oder Bernd Zimmers Aus dem Nebelmeer behaupten. Der im Westen praktizierte farbige Neoexpressionismus zeigt sich vor allem auch in den Bildern von Rainer Fetting (Selbst), Salomé (Seerosenteich) und Elvira Bach (Die Nachteule), während des Leipziger Malers Arno Rink (Am Swimmingpool) eher surreale Figurenkonstellationen bevorzugt. Kämpferisch geben sich vor allem auch bekannte Meister aus dem Westen wie Markus Lüpertz mit Zwei Krieger oder aus dem Osten wie Wolfgang Mattheuer mit seinem Gemälde Albtraum, das später auch als Plastik Der Jahrhundertschritt bekannt wurde. Abgüsse stehen neben Leipzig und Berlin nun auch im Museum Barberini. Mit Rink, Mattheuer, Bernhard & (Sohn) Johannes Heisig sowie dem jungen Neo Rauch sind hier einige Maler der Leipziger Schule vertreten, die in ihrer Meisterschaft figurativer Darstellung weltweit anerkannt sind.

Neben einer kleinen Abteilung für Arbeiten auf Papier mit Werken des Cottbusers Hans Scheuerecker, der für seine avantgardistischen LP-Cover für die Band Sandow bekannt ist, der aus Meißen stammenden Grafikerin Heidrun Hegewald, oder Salomés expressionistischen Graphikserie Götterdämmerung ist vor allem die im Erdgeschoss befindliche Themengruppe „Figurativ & Erzählerisch“ besonders sehenswert. Hier prallen noch einmal die ungezügelte Farbpracht und Vielfalt der figurativer Malerei Ost und West unmittelbar aufeinander. Ob nun Bernhard Heisig mit seinen Geschichtsbildern, die Dresdnerin Angela Hampel mit ihren Gemälden nach Figuren der griechischen Mythologie oder der an Otte Dix gemahnende Verismus in den Gemälden des Berliners Clemens Grözser, die Narrative der DDR-Maler unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der westdeutschen Kollegen wie Georg Baselitz, Johannes Grützke, Volker Bartsch oder Elvira Bach.

Losgelöst und fast schon wieder abstrakt zeigen sich dagegen Gemälde des Berliners Martin Assig (Kopf über), des Leipzigers Hartwig Ebersbach (Kaspers Peinigung) und frühe Werke von Neo Rauch (Keimlinge), der hier wohl an der Schwelle des Übergangs zur wieder vereinigten deutschen Malerei stehen dürfte, die in ihren historischen Wurzeln doch einiges an Gemeinsamkeiten aufweist.


Stefan Bock - 26. Januar 2017
ID 9806
Weitere Infos siehe auch: http://www.potsdam-museum.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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