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Ausstellung

Krisenmomente



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Es sollte ein salut d'honneur, ein Ehrengruß, für das Meer werden, als der belgische Kurator Jan Hoet im Sommer 2013 die Ausstellung Das Meer [noch bis zum 19. April 2015] im Auftrag der Küstenstadt Ostende konzipierte. Im Februar 2014 verstarb der als Kunstpapst gefeierte Wegbereiter der zeitgenössischen Kunst und Künstler, als erst rund 70 Prozent der Vorbereitungen abgeschlossen waren. Sein Ko-Kurator Philipp Van den Bossche sowie Melanie Deboutte, Mieke Mels und Hans Martens vollendeten die Ausstellung nicht nur im Sinne Jan Hoets, sondern gestalteten sie auch zum Gedenken an ihn. In Deutschland ist Hoet v.a. als Leiter des Museums MARTa in Herford bekannt, das er von 2003 bis 2008 leitete. Im heimischen Gent leitete er das 1999 neu gegründete Museum für Gegenwartskunst S.M.A.K.

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125 Künstler und Künstlerinnen werden nun in Ostende ausgestellt, zehn von ihnen haben für Das Meer neue Kunstwerke erschaffen. Einer von diesen ist Pascale Marthine Tayou, der aus Kamerun stammt und in Belgien lebt. Tayou hat kurzerhand Strandgut gesammelt, egal ob das Muscheln oder Abfall waren, und hat sie zu einem Kunstwerk zusammengefügt: Ein klarer Hinweis auf das Thema der Umwelt- und Meeresverschmutzung und ein Beispiel für die Verschmelzung von Alltag und Kunst. Jan Hoet schätzte Tayou, der sein künstlerisches Talent mit sozialen Aspekten verbindet und äußerte einmal: „Ein Museum ist nicht dazu da, um zu zelebrieren, ein Museum muss Dinge permanent in Frage stellen.“ In dieses Konzept passen die meisten der ausgestellten Künstler und Künstlerinnen. Da wundert es auch nicht, dass The Spirit of Saint Louis (Öl auf Leinwand, 1988) von Luc Tuymans ausgewählt wurde. Das ist der Name des Flugzeugs, mit dem Charles Lindbergh als erster Mensch den Atlantik überflog, also eine Grenze in Frage gestellt und überwunden hat.



The Spirit if Saint Louis von Luc Tuymans steht für die Überwindung von Grenzen - Foto © Helga Fitzner


Jan Hoet (1936-2014) mochte ganz offensichtlich keine Begrenzungen. Dafür mögen seine Eltern die Grundlagen gelegt haben, die beide Psychiater waren, Kunst sammelten und regelmäßig Künstler in ihr Haus einluden. Die Familie hatte sieben Kinder, und es lebten auch einige der Psychiatrie-Patienten mit im Haus. Die Frage, was im Leben noch "normal" ist, stellt sich genau so für die Kunst, die festgefahrene Sichtweisen und Normen immer wieder hinterfragt und aufbricht. Das spiegelt sich auch in den Arbeiten der von Hoet akribisch ausgewählten Kunstwerke wider, ob das nun der selbstironische Muscheltopf Grande casserole de moules (1966) des viel zu jung verstorbenen Marcel Broodthaers (1924-1976) ist oder eine Welle aus hochwertigem Porzellan von Johann Creten, La très grande vague pour Palissy (2004/2005). Die meisten der sich im Mu.ZEE befindlichen Stücke sind aber Gemälde. Es ist ein William Turner dabei: Three Seascapes (um 1827). Ausgangspunkt war für Hoet aber das Bild La Vague von Gustave Courbet, einem Vertreter des Realismus, von dem aus er eine Verbindung zu vielen Exponaten aus unterschiedlichen Richtungen bis zur heutigen Zeit sah. La Vague von Courbet hängt direkt neben Mer Montée des Ostender Künstlers Thierry De Cordier von 2011.



Das wogende Meer - gesehen von Gustave Courbet 1869 und Thierry De Cordier 2011 | Foto © Helga Fitzner


Auch mehrere deutsche Kunstwerke fanden Eingang in die Ausstellung: Gerhard Richters Seascape (Morning Mood von 1969), die Schautafeln für den Unterricht I und II von Joseph Beuys (1971), Anselm Kiefers Naglfar (1998 aus Die Argonauten), Frontcloth (Mondaufgang 2011) von Silke Otto-Knapp sowie Zingst (2014) von Reinhard Mucha und Boot (2014) von Tim Eitel.

Die zeitgenössische Kunst lag Hoet besonders am Herzen.1975 wurde er in Gent zum Leiter des Museums van Hedendaagse Kunst bestellt. Er wollte die Kunst nicht vom Leben trennen, sie nicht im Museum einsperren, sondern nach außen tragen. "Displacement" nannte er er dieses Prinzip, und das erregte 1986 Aufsehen, als er 51 Bürger der Stadt Gent überredete, ihre Wohnungen als Ausstellungsorte zur Verfügung zu stellen. Als er 1992 die documenta IX in Kassel kuratierte, versuchte er, seine damals eher ungewöhnlichen Ideen umzusetzen, aber seine unverkrampfte Art brachte ihm auch Kritik ein. Als Pragmatiker scheute er sich z.B. nicht, Kunst und Kommerz zusammenzubringen, indem er erstmals Merchandising auf der documenta zuließ. Das Publikum lohnte es ihm, denn mit über 600.000 Besuchern war es die am besten besuchte documenta bis dahin. Hoet war im Vorfeld schon intensiv auf der Suche nach Künstlern und Kunstwerken herumgereist, um ja kein Meisterwerk zu verpassen. Es ist ihm zu verdanken, dass Luc Tuymans damals entdeckt wurde, der seitdem ein Maler von Weltrang ist und heute selbst kuratiert. Die Neuen Medien waren dort gut vertreten, wie die Videoinstallation The Arc of Ascent (1992) von Bill Viola, in der es um einen Ertrinkenden und transzendierende Todeserfahrung geht. Diese Installation ist jetzt wieder an einem der weiteren zwölf Ausstellungsorte von Das Meer zu sehen, im ehemaligen Kino Cinema Capitole.

Schon am Bahnhof von Ostende empfängt den Besucher die Brain/Cloud (2009) des Kaliforniers John Baldessari, und man kann von Weitem in Richtung Hafen die Installation Sail on Jan Hoet (2014) von Lawrence Weiner an der Mercator Marina erkennen: Ein visuelles Adieu für den verstorbenen Kurator. Eingebunden ist auch das Ensor-Museum im ehemaligen Wohnhaus von James Ensor (1860-1949). Dieser gehörte zu den Künstlern, die in Jan Hoets Elternhaus eingeladen wurden und die Hoet als Kind noch persönlich gekannt hat. Im Hotel Thermae Palace sind Exponate von Zoe Leonard, Jan Dibbets, Hans-Peter Feldmann, Bas Jan Ader, Dennis Oppenheim, Joseph Kosuth und Leo Copers ausgestellt, die wir hier nur stellvertretend für die vielen anderen nennen können. Auch ein Blick an den Strand lohnt sich, denn dort steht der Altar (2014) von Kris Martin. Es sind leere Metallrahmen in der Form des Genter Altars, dem Polyptychon Die Anbetung des Lamm Gottes der Gebrüder Van Eyck, den Jan Hoet sehr bewundert hat und der sich in der St. Bavo-Kathedrale in Gent befindet.



Der Altar von Kris Martin von einer Zimmerterrasse des Hotels Thermae Palace aus gesehen - Foto © Helga Fitzner


In diesem Herbst und Winter steht die Stadt Ostende unter dem sichtbaren Zeichen dieser Ausstellung. Es sind viele Orte und Menschen daran beteiligt, auch zehn Hotels und zehn Restaurants. Das ist im Sinne von Jan Hoet, der Kunst und Leben zusammenführen wollte: Keine Kunst für einen elitären Elfenbeinturm, sondern eine, die ein Kampf ist „zwischen Intuition und Erkenntnis“, wie Hoet es formulierte, und dem Leben, das sich innerhalb der Wechselwirkung von Ebbe und Flut abspielt. Das Meer zeigt keine romantisierten Bilder des Meeres, sondern "Krisenmomente", damit wir innehalten und sehen können. Die Folgen der Wirtschaftskrise sind in Ostende noch sichtbar, doch an vielen Orten in der Stadt wird gebaut und restauriert. Für die Ausstellung wurde eigens eine Stiftung eingerichtet, die zusammen mit dem Fremdenverkehrsbüro Ostende und Sponsoren für die hohen Versicherungskosten das Projekt finanziell gestemmt hat. Dass so viele Menschen in Ostende eingebunden sind, ist vielleicht der schönste Aspekt dieser Hommage an Jan Hoet, der die Gegenwartskunst immer an die Öffentlichkeit bringen wollte, um sie mit den Menschen zu teilen und im Glücksfall die Menschen so dafür zu begeistern, wie er selbst im Leben für die Kunst entbrannt war. Der unermüdliche Einsatz des Kurators Philipp Van den Bossche und seiner Mitarbeiter hat das dankenswerterweise möglich gemacht.


Helga Fitzner - 25. Oktober 2014
ID 8194
Weitere Infos siehe auch: http://www.muzee.be/de/muzee/t204250/das-meer-salut-d-honneur-jan-hoet


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