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Ausstellung

Be Somebody

ANTON CORBIJN. THE LIVING AND THE DEAD


Anton Corbijn (geb. 1955): Henry Rollins, El Mirage 1994, Leihgabe des Künstlers | © Anton Corbijn, 2018

Bewertung:    



Anton Corbijn wurde berühmt durch seine ikonischen Porträts von Musikern und Bands wie Joy Division, Depeche Mode, Tom Waits, U2 oder den Rolling Stones.

Jahrgang 55 und Sohn eines Pastors, war die Musik für ihn ein Sinnbild von Freiheit.

Er wollte raus aus der engen Welt seiner Kleinstadt, und seine ersten Musiker-Porträts machte er als Gymnasiast. Auf autodidaktische Weise entwickelte er einen eigenen Stil, bekam eine Nähe zu seinen Darstellern, nutzte ungewöhnliche Perspektiven und Ausschnitte. Seine Bilder sind schwarz-weiß, grobkörnig mit starken Kontrasten, oft unscharf, das Unverkennbare heraus zu holen.

„Diese völlig unglamouröse Mischung von leicht arroganter Pose und Natürlichkeit war etwas ganz Neues in der Musikfotografie.“

Elvis Costello liegt lasziv auf dem Bett mit Gitarre. Und David Bowie fällt ins Auge, lässig angelehnt mit nichts außer einem Lendenschurz bekleidet. Oder die Kult Band Nirvana, nackte Oberkörper und mit coolen Jeans sind sie unglaublich powerfull. Eigentlich stehen sie nur so da, aber es ist ein besonderer intimer Moment von Nähe und Präsenz.

Es war der Stolz einer Generation, etwas Neues zu erschaffen. Und waren nicht gerade diese Typen diejenigen, vor denen uns unsere Eltern gewarnt hatten?

Dieser Fotograf stellt Sinnfragen: wo komme ich her, wo will ich hin? Damit ist er am breaking point, dem Motto der Triennale, der Belastungsgrenze unserer Zeit.

Die Abzüge sind riesig, die Hängung fantastisch, man steht davor und wird ins Bild gezogen. Stars im Großformat und selbstredend; es braucht keine Begleittexte.

Er selbst sagt: „Ich gehe zu den Leuten hin, es ist wie eine Reise und das ist für mich aufregend.“ Auf die Frage, ob es nicht hart ist, so viele tot zu wissen? „Meine Arbeit geht 45 Jahre zurück, da ist es gewissermaßen logisch, aber ich genoß jeden Moment. Musiker sind intensiv und sie wurden oft zu engen Freunden.“

Seine Eltern hatten kein Verständnis dafür, haben ihn aber trotzdem unterstützt. Sein Großvater war Maler, und so ist vielleicht nachzuvollziehen, warum seine Fotos zu Kunstwerken wurden. Kunst hat Bedeutung, ehemals hing sie in der Kirche, jetzt darf Kunst frei sein, inspirieren, eine eigene Bildsprache, einen ästhetischen Inhalt haben.

Durch die Fixierung seines religiösen Elternhauses wurde immer wieder der Tod zum Thema. Gibt es ein Leben nach dem Tode? Integriert in diese Ausstellung sind Fotos von Grabmonumenten, eine bisher unveröffentlichte Serie, entstanden 1982. Gleichsam ist es eine Auseinandersetzung zum Thema: Wann wird Fotografie Kunst?

Corbijn wurde 1980 der Hausfotograf vom Musical Express und schickte keine Kontaktabzüge, sondern wählte selbst drei Bilder aus. Er sagt, es gehöre zu seinem kreativen Prozess. Die Aufnahmen wurden alle mit einer Kleinbildkamera gemacht, und selbst heute arbeitet er immer noch am liebsten analog mit der Leica. Das Setting ist nie bloß Kulisse, es geht ein symbiotisches Verhältnis mit der dargestellten Person ein, und all das gefiel wohl dem neuen Chefredakteur nicht mehr; fortan arbeitet Corbijn direkt mit den Musikern zusammen.

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht die freie autobiografische Serie a. somebody (2001-2002). Für diese hat sich Corbijn selbst inszeniert und in der ländlichen Umgebung seines Geburtsortes Strijen in den Niederlanden fotografiert. „a.“ steht auch für Anton, und so verwandelt er sich in die Idole seiner Jugend wie John Lennon, Jimi Hendrix, ja selbst Janis Joplin, ihn allen gemeinsam, dass sie bei der Entstehung der Aufnahmen bereits verstorben waren. Seine Schwester schminkt ihn, und in der Landschaft wirken die so entstandenen Farbfotografien trügerisch echt.

In diesem Kaff, aus dem er kommt, informiert ein Bauer die Polizei, da würde so ein Langhaariger gefährlich aussehender Typ rumlaufen. Das war Corbijn als Frank Zappa verkleidet. Er versteht sich heute noch als Underdog, weil er eine Mission hat.

Mit der gleichen Verkleidung arbeitet er im Studio weiter, ohne nennbaren Hintergrund, frontal wie für ein Passfoto. Die hochformatigen Schwarz-Weiß-Abzüge wirken absurd, was wiederum zeigt, wie sehr die Umgebung auch eine Atmosphäre kreiert und mitbestimmt. Und doch ist unser Sehen geneigt, in diesen Fotos den echten Star zu erblicken.

1989 geht er nach Kalifornien, weiterhin auf der Suche nach seinen inneren Widersprüchen, der Faszination für Stars und andererseits nach Authentizität.

Was bedeutet es ein Star zu sein? Welcher Mensch steckt wirklich dahinter?

Er macht vorgetäuschte Paparazzo-Aufnahmen mit Blitzlicht und mysteriöser Stimmung - eine Lüge als Wahrheit verpackt.

Corbijn arbeitet gerne in Serien, und es ist eine fortwährende Suche nach Bedeutung und den Fragen des Lebens. Er fotografiert Models, Künstler, Sportler, Politiker und klar ist, Fehler werden nicht wegretuschiert. Oft ist es ein Drahtseilakt zwischen angewandter und freier Fotografie, zwischen Auftrag und Kunst.

Und - gibt es schwierige Kunden? Luici Pavarotti, ein beeindruckendes Bild, sehr ausdrucksstark. Nach Aussage von Corbijn liebt er Pasta und ist kompliziert.

Darüberhinaus hat Anton Corbijn in den letzten zehn Jahren vier Spielfilme realisiert. Control, The American, A Most Wanted Man und Life.

Inspiriert haben ihn also immer wieder die Musiker. Der verstorbene Sänger Ian Curtis von Joy Division sang: „I have no control anymore. I love You.“

Corbijn nimmt eine Auszeit und entdeckt eine neue Facette der Fotografie: nicht unbedingt Nähe schaffen zu wollen, sondern auch eine isolierende Distanz zu anderen herzustellen.

Vielleicht provoziert er auch gerne, um herauszufinden, wer man wirklich ist, jenseits von Verkleidung und Optimierung. Gibt es den Augenblick des richtigen Ausdrucks?

Was ist mit dem Bild von Mick Jagger verkleidet als Frau mit Ohrringen und Halskette?

Anton Corbijn antwortet: „Mick Jagger opened the door like this.“

Wahr oder gelogen? Ich konnte nicht mehr nachfragen. Corbijn war schon weg.



Anton Corbijn (geb. 1955): ´a. bolan 2, strijen, holland´ 2002, Leihgabe des Künstlers | © Anton Corbijn, 2018

Liane Kampeter - 9. Juni 2018
ID 10744
Die Ausstellung Anton Corbijn. The Living and the Dead ist der Beitrag des Bucerius Kunst Forums zur Triennale der Photographie Hamburg 2018.

Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm und seine vier Filme werden beim Freiluftkino auf dem Rathausmarkt gezeigt.

Kurator: Franz Wilhelm Kaiser


Weitere Infos siehe auch: http://www.buceriuskunstforum.de


Post an Liane Kampeter

http://www.liane-kampeter.de

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