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Ausstellung

Renaissance-

Affinität



Plakatmotiv: MdBK Leipzig

Bewertung:    



15 Jahre nach der großen Retrospektive zum 80. Geburtstag des Malers Werner Tübke (1929-2004), die 2010 auch in Berlin zu sehen war, zeigt das MUSEUM DER BILDENDEN KÜNSTE LEIPZIG zum 20. Todestag eine kleine Werkschau mit Italienbezug des führenden, für seine Renaissance-Affinität bekannten Hauptprotagonisten der Leipziger Schule. Tübke konnte zunächst als Dozent und später dann als Professor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sowie als Erster Vorsitzender des Bezirksvorstands des Verbands Bildender Künstler ab den 1970er Jahren ins nichtsozialistische Ausland (wie das in der DDR hieß) reisen. Erste Einzelausstellungen in Italien führten den Maler 1971 nach Mailand, Florenz und Rom. Seine zweite Italienreise 1972 führte Tübke auch nach Venedig, Neapel und Sizilien. 1974 folgte eine dritte Italienreise, die nicht seine letzte sein sollte.

Seine Eindrücke und Studien der italienischen Renaissance- und Barockmaler verarbeitete Tübke sehr intensiv in vielen Werken seiner damaligen Schaffensphase. Eine Vorliebe deutscher Maler seit dem 18. Jahrhundert, der Blütezeit verstärkter Reisetätigkeit deutscher Intellektueller und Künstler nach Italien. Einige der Vorbilder hat das MdBK im ersten Raum der Ausstellung aus eigenen Beständen beigestellt. Neben der Landschaftsmalerei hatte es Tübke aber vor allem die Stilrichtung des italienischen Manierismus angetan, was der Werkauswahl im 3. Obergeschoss deutlich anzusehen ist. Tübkes bevorzugter Stil ist wie in der Renaissance Öl auf Holzplatte.

Stark verlängerte Körperproportionen und die typisch manierierte Haltung und Gestik der Figuren in Tübkes Zeichnungen und Gemälden erinnern vor allem an die Florentiner Meister, die Tübke bei seinem Besuch der Uffizien sah. Beispielhaft dafür zeigt die Ausstellung das Gemälde Martyrium der Zehntausend (1529) von Jacopo Pontormo und Agnolo Bronzino als Leihgabe aus den Uffizien. In diesem Bild soll Tübke seine Malerei wiedererkannt haben, denn bereits vor seinen Italienreisen war die Vorliebe für den Florentiner Manierismus in Tübkes Gemälden zu erkennen. Strandbilder aus Ahrenshoop wie Am Strand I (1967) oder der Mädchenakt mit Fensterausblick (1964) zeigen das.



Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze VII von Werner Tübke - in der Ausstellung TÜBKE IN ITALIEN im MdBK Leipzig | Foto: Stefan Bock


Ein direkter Vergleich zu Pontormos Martyrium bietet sich aber vor allem im 1966/67 entstandenen Gemälde Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze VII [s. Foto oben], eines von mehreren Gemälden, in denen sich Tübke mit dem Nationalsozialismus und der Karriere des Nazirichters Dr. jur. Schulze in der BRD auseinandersetzte. Ein dichtes Wimmelbild von menschlichen Figuren, bei dem auch Hieronymus Bosch Pate gestanden haben dürfte. Das sakrale in Tübkes Bildern stand aber nie im Widerspruch zum Sozialistischen Realismus. Massenszenen gibt es auch im propagandistischen Gemälde Nationalkomitee Freies Deutschland (1969). Apokalyptisch wird es in Tübkes Wende-Gemälde Herbst `89 (1990). Hier schütten Engelsgestalten auf einer hohen Mauer aus Schalen Strahlen über planlos umherirrende Massen. Ein Verweis auf die Apokalypse des Johannes.

Tübkes Welt scheint zu Beginn der 1970er Jahre noch in Ordnung. Davon zeugen seine stark manieristischen Strandbilder Am Strand von Roma Ostia I und II (1973-74) [s. Fotos unten]. Ein sizilianischer Großgrundbesitzer posiert im Gemälde von 1972 vor einer friedlichen Landschaft. Gerahmt wird das Bild von Marionetten. Ein Hauptwerk Tübkes, das Eleganz gepaart mit Dekadenz ausstrahlt. Das dürfte damals nicht jedem Kulturfunktionär gefallen haben. Etwas nachdenklicher aber ebenso elegant wirkt die Frau des Großgrundbesitzers, die Tübke als großes Tafelbild Erinnerung an Sizilien (1974) verewigte. Daneben steht aber auch ganz modern das Bildnis eines sizilianischen Landarbeiters (1974). Ebenso als italienische Marionetten malte Tübke seine Familie. Der Künstler sah sich gern selbst als Malerfürst mit rotem Barett wie im bekannten Selbstbildnis mit roter Kappe von 1988. Als Heiliger im Selbstbildnis auf bulgarische Ikone malte sich Tübke bereits 1977.



Am Strand von Roma Ostia I von Werner Tübke - in der Ausstellung TÜBKE IN ITALIEN im MdBK Leipzig | Foto: Stefan Bock


Am Strand von Roma Ostia II (1973-74) von Werner Tübke - in der Ausstellung
TÜBKE IN ITALIEN im MdBK Leipzig
Foto: Stefan Bock


Wer in den anderen Räumen des dritten Obergeschosses unterwegs ist, kann noch zwei weitere sozialistische Meisterwerke Tübkes im sakralen Stil betrachten. Seine Sozialistische Jugendbrigade (1964) sitzt wie beim Abendmahl an einer Tafel um ihren Brigadier. Ein Chilenisches Requiem für die Opfer des Putsches 1974 zeigt eine Beweinung des vom Kreuz abgenommenen Jesus. Der Entwurf für ein 6teiliges Tafelbild Der Mensch - Maß aller Dinge (1975) nimmt wieder italienische Bezüge auf und orientiert sich an Figuren Michelangelos. Die obere Reihe zeigt optimistisch die Zukunft, während unten Krieg und Tod die Bilder dominieren. Weiterhin sehr interessant sind Tübkes Papierarbeiten vorwiegend mit Rötel gezeichnet, die seine künstlerische Meisterschaft verdeutlichen. So auch die Sizilianische Landschaft bei Palermo (1975), ein klassisches Landschaftsgemälde, das zumindest etwas darüber hinwegtröstet, dass eigentlich noch Tübkes italienische Landschaftaquarelle fehlen.


Stefan Bock - 3. Mai 2024
ID 14729
Weitere Infos siehe auch: https://mdbk.de/


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