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Ausstellung

Die Kunst

des Kontrasts



Bewertung:    



Schon vor der Eröffnung wurden über 15.000 Tickets verkauft, obwohl die Ausstellung The Mystery of Banksy – A Genius Mind nicht ein einziges Original des anonymen Künstlers enthält und auch nicht von ihm autorisiert wurde. Köln ist die 20. Station der internationalen Wanderausstellung, die gestern dort eröffnete und bis März 2024 geplant ist. Sie findet in der riesigen Halle eines ehemaligen Autohauses statt, in das Wände eingezogen und 15 Räume eingerichtet wurden; in denen sind über 150 Repliken von Banksys Werken zu finden, deren Originale teilweise nicht mehr existieren. Kuratiert wird sie von der jungen Engländerin Virginia Jean, die sich mit großer Passion dem Thema verschrieben hat. Mit insgesamt fast 2 Millionen Besuchern ist das Langzeitprojekt schon fast zu einem Selbstläufer geworden.

Im Eingangsbereich befindet sich ein riesiges Graffito auf der Mauer im palästinensischen Bethlehem [s. Foto unten], das eine große Mauerlücke zeigt, hinter der Kampfhubschrauber einfliegen. Palästina ist in den letzten Wochen aktueller denn je geworden, doch nun ist die Interpretation schwieriger. Stehen die Kampfhubschrauber für Befreiung oder Angriff? Bedeutet der Riss in der Mauer eine Gefahr und wenn ja, für welche Seite. Ursprünglich symbolisierte es wohl die Lage des The Wall Off Hotels in Bethlehem, das in unmittelbarer Mauernähe liegt. Das ist keine schöne Aussicht. Banksy hat den Betreibern des realen Hotels Bilder zur Verfügung gestellt, mit denen sie das Foyer ausgestattet haben, das für dieses Event nachgebildet wurde.

Banksy hat sich in erster Linie einen Namen als Streetart-Künstler gemacht, hier werden aber auch Werke anderer Machart gezeigt. Es ist auch eine Entwicklung erkennbar, denn zunächst hat Banksy sich des Freihandsprühens bedient, mit zunehmenden Ruhm benutzte er dann aber überwiegend vorgefertigte Schablonen, was ihm Kritik einbrachte, aber mit denen wird er sehr viel schneller fertig und minimiert damit das Risiko seiner Entdeckung.

Wenn es zu einer juristischen Auseinandersetzung käme, könnte er des vielfachen Vandalismus' angeklagt werden, dessen Strafen er von seinem mittlerweile wohl großen Vermögen bezahlen könnte. Virginia Jean nennt einen weiteren Grund für seinen Wunsch nach Anonymität, denn er hat auch eine Million Pfund „Falschgeld“ gedruckt mit Lady Diana auf einer englischen Banknote, von dem tatsächlich etwas in Umlauf gebracht wurde. Ein einzelner solcher Schein wird mittlerweile sehr viel höher gehandelt als sein Nennwert, und Banksy soll die meisten von ihnen zurückgezogen und unter Verschluss gebracht haben. Ob diese Aktion für eine Anklage wegen Geldfälschung ausreichen würde, ist fraglich. Es wird ihm bei der Geheimhaltung seiner Person wohl in erster Linie darum gehen, unbeeinträchtigt so weiter machen und seine Gesellschafts- und Politikkritik ungeschmälert äußern zu können. Ein Beispiel sind Gemälde von einem schönen Mittelmeerstrand, an den aber Schwimmwesten und Rettungsringe angespült wurden als Symbol für gesunkene Flüchtlingsboote. Eine Skulptur mit einem voll besetzten Flüchtlingsboot ergänzt das Thema, sowie eine Miniatur des Rettungsschiffs M. V. Louise Michel, das von ihm zur Rettung von Bootsflüchtlingen gekauft wurde und finanziert wird.

Viele der Graffiti schildern die Nöte der Menschen, aber er schafft es immer wieder, auch die Hoffnung aufrecht zu erhalten. In einem neu gestalteten aktuellen Raum sind Graffiti zu sehen, die er in Kiew in der Ukraine auf zerstörte Häuserfronten gesprüht hat. In dem Raum befinden sich auch Trümmer an den Seiten, die zusätzlich die Auswirkungen von Krieg illustrieren. Militär und Polizei gehören insgesamt zu seinen häufigeren Motiven. Der Lockdown wird in Form eines U-Bahn-Waggonteils der Londoner Tube aufgegriffen. Dort hatte er mehrere Graffiti von Ratten gesprüht, die aber entfernt wurden. Da er die Aktion aber in weiser Voraussicht auf Youtube veröffentlicht hat, konnte es rekonstruiert werden.

Banksy kann auch eine ziemliche Spaßbremse sein. Im Jahr 2015 finanzierte er im englischen Somerset für fünf Wochen einen dystopischen Gegenentwurf zu Disneyland, in dem einige seiner Installationen sowie die von über 50 weiteren Künstlern die heile Disney-Welt auf den Kopf stellten. Seine Wortschöpfung dafür lautete Dismaland Bemusement Park, mit Elementen der englischen Worte für düster und Verwirrung, und der war alles andere als ein Amusement Park.

Mit seinem Bild Game Changer machte er ein Statement zur Corona-Zeit. Ein kleiner Junge hat sein Batman- und Spiderman-Spielzeug weggeworfen und spielt mit der Puppe einer Krankenschwester, die er wie Superman fliegen lässt. Das Bild hängte er heimlich in einem Krankenhaus in Southampton auf mit einer Danksagung an das Krankenhauspersonal. Die simple Kohlezeichnung brachte später bei einer Auktion knapp 20 Millionen Euro ein, die er dem NHS, dem nationalen Gesundheitsdienst Großbritanniens, stiftete.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner für seine Werke gibt, so die Kuratorin, dann ist das die Arbeit mit Kontrasten. Er widersetzt sich auch den Gesetzen des Kunstmarkts und ließ das im Aktionshaus Sotheby's verkaufte Bild Girl with a Balloon [s. auf dem Plakat o. re.] nach dem Verkauf vor den Augen aller zur Hälfte schreddern. Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn Banksy selbst macht bei aller Kapitalismuskritik mit seinen eigenen Aktionen und seinem Online-Shop eine ganze Menge Profit. Das setzt er aber auch für diverse Hilfsprojekte ein. So steht Banksy auf der einen Seite für das Aufbegehren gegen Missstände, aber auch für eine große Menschlichkeit.

Die Ausstellung hat den Vorteil, dass sie Werke an einem einzigen Ort zusammengebracht hat, die über die ganze Welt verteilt sind und von denen sich nur noch 20 Prozent frei zugänglich im öffentlichen Raum befinden. Eine große Zahl wurde für hohe Summen versteigert oder übermalt und zerstört. Die einzelnen Räume wurden sehr sorgfältig und mit spürbarer Hingabe eingerichtet, obwohl der kommerzielle Aspekt die eigentliche Triebfeder sein dürfte. Die Begeisterung und Wertschätzung für Banksy wirkt jedoch authentisch, und vielleicht steht dieser dem Projekt gar nicht ablehnend gegenüber, obwohl er selber Ausstellungen und einen Online-Shop organisiert. Die Kuratorin Virginia Jean beschreibt Banksys Wirkung so:


„Banksy spricht mit seinen Schöpfungen signifikante Wahrheiten und Probleme in unserer Welt an, vor welchen wir nur allzu gerne die Augen verschließen. Ein Banksy-Werk berührt jeden und ist an jeden gerichtet, ob derjenige es will oder nicht... Banksy schreibt mit seiner Kunst Geschichte – die Geschichte, die für uns gerade Realität ist. Die Ausstellung ist ein Muss für jeden, der sich gerne mit Kunst, Politik, allgemeinem Weltgeschehen und vor allem sich selbst auseinandersetzt und einen Sinn für bitter-süße Ironie hat.“


Am Ende der Ausstellung gibt es dann tatsächlich einen Shop mit Merchandising-Produkten und eine weiße Wand, die von den Besuchern und Besucherinnen bemalt werden darf.



Banksy hat in Israel ein großes Mauerbild auf der palästinensischen Seite der Mauer angefertigt | Foto: Helga Fitzner

Helga Fitzner - 4. November 2023
ID 14459
Weitere Infos siehe auch: https://mystery-banksy.com


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