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nachDRUCK # 4

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Ausstellung

Schuld an

den Übeln

der Menschheit



Bewertung:    



Eisenkraut und Drachenblut, Mäusebein und Krötendreck, Feuerbrand und Kesselblase:

Hexen sind alt, hässlich und böse. Sie tragen schwarze Kleider und spitze Hüte. Sie sind umgeben von Kröten, Vipern und Fledermäusen, während sie ihre todbringenden oder verzaubernden Tinkturen in großen Kesseln köcheln. In der Nacht reiten sie auf einem Besen durch den Himmel, lachen hämisch und rauschen durch den Kamin.

Das ist die eine Seite der Hexerei. Die der Gebrüder Grimm, die der Märchen, die weniger gefährliche.

Mit den Frauen, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert als Hexen angeklagt und verurteilt wurden, hat das nichts zu tun. Hier verlassen wir die Märchenstunde mit Hänsel und Gretel, und unser Blick richtet sich auf den Scheiterhaufen.

Es geht um Vorurteile, Sexualität, Dominanz, Macht, Manipulation, Religion, Angst.



Et comme une faïence bleue (dt.: Zauberwald)
von Salome Fauc - im Eingangsbereich der Ausstellung
SORCIÈRES im Musée d´Histoire de Nantes
Foto: Jean-Noel Pettit


Hexen sind verantwortlich für die Kleine Eiszeit, für Seuchen und Epidemien, für die Pest und Zahnschmerzen. Sie tragen die Schuld an Kriegen, schlechten Ernten und daraus folgenden Hungersnöten.

Eine düstere Zeit, die in Mitteleuropa sowie in Schottland und England vor Folter und Grausamkeiten nicht innehielt. Besonders schlimm war es in den Niederlanden. Da die Männer alle zur See fuhren, erlangten die Frauen mehr Selbständigkeit, was ihnen zum Verhängnis wurde. Irgendwann gestand jedes Opfer, was der Folterknecht hören wollte. Dann erst erfolgte die Hinrichtung. Hier wurde exakt und sehr korrekt Protokoll geführt. Um als Hexe angeklagt zu werden, brauchte es nicht viel. Es reichte schon, von einer neidischen oder eifersüchtigen Nachbarin als solche verleumdet zu werden, rothaarig zu sein oder eine Tragödie vorauszusagen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, um abgeholt, gefoltert und den Flammen übergeben zu werden. Nur wenige kamen mit einer einfachen Strafe davon. Man unterstellte den Hexen einen Pakt mit dem Teufel, und der musste ausgetrieben werden. "Vade retro, Satana!" ist eine katholische Formel, die den Exorzismus einleitete und zum ersten Mal im Mittelalter im Benediktinerkloster im niederbayerischen Metten auftauchte. Ansonsten schützte man sich mit einem Kreuz, seltenen Steinen oder einem Amulett. Die Kirche spielte eine bedeutende Rolle bei den Hexenprozessen, wie in Spanien bei der Heiligen Inquisition. Der Hexensabbat wurde in bestimmten Nächten unter Geheimhaltung meist auf einem als Hexenplatz bezeichneten Ort gefeiert.

Historiker schätzen, dass es zwischen den Jahren 1550 und 1700 um die 110.000 Hexenprozesse in Europa gab. Da ein Großteil der Angeklagten am Pranger oder im Feuer landete, dürften es zwischen 60.000 bis 90.000 hingerichtete oder verbrannte Opfer gegeben haben. Zwei Drittel von ihnen waren Frauen.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich die Situation, und Hexen wurden nicht mehr verbrannt, sondern toleriert, nahmen als Wahrsagerinnen eine Stellung in der Gesellschaft ein oder sorgten im Kino für heitere Momente. Im 20. Jahrhundert betrat die gute Hexe die Bühne. Sie war schön, sympathisch und lustig, heckte Streiche aus und hatte jegliche dämonische Konnotation verloren.



Saalansicht mit Gemälden zu Zirze, einer Sabbat-Lektion und Medea - in der Ausstellung SORCIÈRES im Musée d´Histoire de Nantes | Foto: Jean-Noel Pettit


Ein (Hexen)-Trip von alter Dämmerung zu neuer Finsternis:

Hexen lassen sich nicht auf einen Archetyp reduzieren. Sie sind mannigfaltig und stammen aus allen Gesellschaftsschichten. Es sind alte Bettlerinnen, junge Witwen, talentierte Heilerinnen, kommen vom Bauernhof oder aus der gehobenen städtischen Mittelschicht, Buckel haben sie in der Regel auch nicht. Sie unterscheiden sich nicht von anderen Frauen, bis sie angeprangert werden. Dieser Facette wird auch in der Ausstellung Sorcières (dt.: Hexen) im MUSÉE D'HISTOIRE DE NANTES Bedeutung beigemessen. Ebenso die unterschiedlichen Herangehensweisen in den einzelnen Regionen sowie die Rolle der Religion. Die Schau konfrontiert und fusioniert die Magierinnen der Antike, wie Kirke, die seinerzeit die Gefährten von Odysseus mit unheilbringenden Kräutern in Schweine verwandelte, oder befasst sich mit der antiken Göttin Hekate, deren Hexentalente sie zur Schirmherrin aller magischen Künste machte.

Wir reisen weiter, mal mit, mal ohne Besen, und werden mit Riten und Bräuchen im Mittelalter bekannt gemacht. Scheiterhaufen, Melusine, die ihren Schlangenschwanz vor ihrem Mann versteckt, Macbeth‘ Hexen, die inquisitorischen Prozessen, Exorzismen und Hexenverbrennungen in der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert. Die Schau endet bei den modernen Hexen wie Hermione Granger, der schrägen Adams Family, den Eastwick-Hexen und der Pop-Kultur.

Theologische Texte und dämonologische Theorien des Mittelalters sowie schockierende, misogyne Philosophensprüche begleiten und unterstützen die Exponate. Es geht nicht mehr um den schwarzen Kater, sondern um Marginalität, Ausgrenzung, Gewalt, Weiblichkeit, Dominanz, den Verfolgungsmechanismus, Prozesse und Machtkampf zwischen Religion und Staat, das Abgleiten in das Chaos und der Versuch einer Wiederherstellung von Ordnung. Der Vorhang hebt sich, aber er bleibt, ist schwer. So wie auch die unsichtbaren Kräfte unserer Einbildung bleiben. Neureligiöse Bewegungen sind schon wieder aktuell. Der Höhepunkt der Entdämonisierung sowie das Ende der diabolischen Komplotte sind heute wieder überwunden (s. die heutige Wicca-Bewegung in den USA).


"Was diese Ausstellung bedeutend macht, ist das Zeitgenössische der Gründe, die damals antrieben und die auch heute wieder vorantreiben. Die Verschwörungstheorien, der extreme Glaube an falsche oder getürkte Neuigkeiten, die Art und Weise, wie wir von unseren Ängsten geleitet werden und der Glaube unserer eigenen Vorstellungskraft. All das, was wir uns selbst zusammenreimen und das uns in die Extreme treibt, zu völlig irrationalen Exzessen", meint die Kuratorin der Ausstellung, Krystel Gualdé, in einem Interview.


Diese Ausstellung mit 180 Werken (Radierungen, Gemälde, Manuskripte, Multimedia, Riten, Bräuche) ist eine historische, soziologische und kulturelle Tour durch das Universum der Hexerei in all ihren Varianten von der Antike bis in die Neuzeit. Sie bedient sich keiner Klischees und dokumentiert sachlich und spannend die größte Verfolgung von Frauen in der Geschichte - Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden.



Kapitelle und Manuskripte mit Texten und Bildern über Hexen und Apokalypse - in der Ausstellung SORCIÈRES im Musée d´Histoire de Nantes | Foto: Jean-Noel Pettit


Die Jagd auf Hexen beschäftigt seit Jahrhunderten auch die Kunst. Der Satan ist der Meister der Hexen. Die Produktion von Arbeiten, die mit Hexen zu tun hatte, ist enorm. Vor allem in der niederländischen und mitteldeutschen Schule befasste man sich ab dem 15. Jahrhundert ausgiebig mit Hexenritualen und sexualisierten, okkulten Praktiken. Albrecht Dürers Radierungen Die Hexe und Die vier Hexen sind neben Werken von Albrecht Altdorfer (Aufbruch zum Sabbat), Zeichnungen von Hans Baldung Grien wie Die junge Hexe und der nackte Teufel, mehrere Arbeiten von Johann Jakob Wick, David Teniers oder Lucas Cranach d.Ä. Goyas Caprichos (die Launen-Reihe aus 80 Blättern) werden in einer Multimedia-Installation beleuchtet. Hier greift der spanische Künstler Armut, Prostitution, Aberglaube, Missbrauch der Kirche auf und gibt seiner Hexerei ein neues, zynisches Gesicht.


Christa Blenk - 8. März 2026
ID 15744
Eine Vielzahl von Vorträgen und Veranstaltungen begleitet diese Schau.

Eine Reservierung für den Besuch der Ausstellung Sorcières wird empfohlen. Mit ein wenig Glück und Geduld kommt man aber auch ohne in das Museum.

Die Besucher müssen gleich zu Anfang den enigmatischen Zauberwald (Kakémono-Installation) von Salome Fauc durchqueren, um in die Ausstellung im ersten Stock zu gelangen.

Krystel Gualdé hat die sehr arbeitsreiche und didaktische Ausstellung kuratiert. Der sehr gut gemachte Katalog gleicht einer Doktorarbeit über Hexerei und geht weit über die Ausstellung hinaus. Nach der Lektüre kann man sich mühelos um einen Posten als Hexe bewerben.

Die Schau ist die erste nach der sehr erfolgreichen Hokusei-Ausstellung und scheint wieder auf einen Besucherrekord hinauszulaufen. Sie ist noch bis zum 28. Juni 2026 im MUSÉE D'HISTOIRE DE NANTES – im Château des Ducs de Bretagne – zu sehen.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, im Sommer bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet 9 Euro. Für Jugendliche bis 18 Jahre ist der Besuch gratis. Vom Bahnhof bis zum Ausstellungsort braucht man zu Fuß 10 Minuten.


Weitere Infos siehe auch: https://www.chateaunantes.fr/expositions/sorcieres/


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