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Ausstellung

Die letzte

Surrealistin



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Anlässlich der Uraufführung 1917 seines Theaterstücks Die Brüste des Tiresias erfindet Guillaume Apollinaire das Wort "Surrealismus". Im selben Jahr kommt Leonora Carrington (1917-2011) in England zur Welt. 1924 verfasst André Breton das erste Manifest des Surrealismus und gibt einer bereits lebendigen Bewegung somit einen Namen. Das Rezept surrealistischer Kreationen besteht aus Psychoanalyse, Metamorphose, Mythologie, Unterbewusstsein, Traum und Alptraum und wird mit einem Hauch Absurdität abgeschmeckt. Die Bewegung ist ein Kampf gegen die Thesen des Rationalen und ein Hoch auf die Antithese.

Im Pariser MUSÉE DU LUXEMBOURG werden seit Ende Februar 126 Werke der englisch-mexikanischen Künstlerin Leonora Carrington gezeigt. Es sind viele Frühwerke und Arbeiten aus der Zeit mit Max Ernst in Südfrankreich darunter, aber auch Kunstgegenstände aus der Mexiko-Zeit sind nach Paris gereist. Die Schau ist keine Retrospektive, dazu fehlen die Hauptwerke, ist aber eine der wenigen Einzelausstellungen der Künstlerin in Europa. Sehenswert ist diese Zusammenstellung vor allem, weil viele Gemälde aus Privatsammlungen stammen, die es teilweise noch nie bis an die Öffentlichkeit geschafft hatten.

Die Ausstellung ist chronologisch und thematisch aufgebaut und beginnt mit 11 kleinformatigen Bildern, einem Jugendwerk aus der Zeit in England.



Sisters of the Moon (1932) in der Ausstellung mit Werken von Leonora Carrington
im Pariser Musée du Luxembourg | Foto: JN Pettit


Die Sisters of the Moon (1932) sind weibliche, legendäre Figuren, mit denen Carrington durch ihre irische Großmutter schon als Kind Bekanntschaft macht.

1959 malt sie das Bild Nourrir une table (dt.: Einem Tisch zu essen geben). Eine weibliche Person sitzt in einem grau-braunen Ambiente vor einem Tisch und schiebt zaghaft Futter in einen Vogelkopf. Eine weiße Katze und zwei Köpfe hinter einer Holzwand sehen gespannt zu.

Die aleatorische Fusion von Menschen und Tieren gehört ihr Leben lang zu ihren Lieblingsmotiven.

The Magus Zoroaster meeting his own image in the Garden (dt.: Der Magus Zarathustra trifft sein eigenes Bild im Garten) - ein Geschenk von Carrington an die Cardiffs gleich nach der Fertigstellung 1960, wurde erst einmal bis jetzt ausgestellt. Carrington bezieht sich in der Arbeit auf den persischen Propheten Magus Zarathustra. Es sind magische Zwillingsgeister, die Gut und Böse repräsentieren. Unten im Bild, bei den Füßen, seht (auf Deutsch übersetzt:) "Wo Babylon Staub war, traf der Magier Zarathustra, mein totes Kind, sein eigenes Bild, als es im Garten wandelte.“ Hier ist er wieder, Leonoras obsessiver Erforschungszwang von Identitäten, von dem Anderen. Hinter dem Magus sieht man erhöht zwei uralte Symbole für Sonne und Macht: der Löwe und der Widder. Auf den Garten von Babylon weist nur eine rote Rose hin, um die sich eine Schlange windet.

Alchimie und Küche als Platz der Verwandlung spielen ebenfalls immer wieder eine Rolle in ihren Bildern. Grandma Moorhead’s Aromatic Cooking (1975) ist eine Hommage an Hieronymus Bosch. Die Grundfarbe ist rot. Rechts steht eine große weiße Gans vor einem runden Tisch, auf dem verschiedene Gemüsesorten angerichtet sind. Eine Knoblauchzehe liegt am Boden. Links widmet sich eine Mensch-Tier-Kreation einem geheimnisvollen Pulver. Im Hintergrund steht ein langer Tisch, und drei Personen mit verschleierten Köpfen beraten sich. Ist es ein Traum, ein Alptraum, ein Wunsch, eine Vorhersage? Jeder deutet es, wie er mag. Das Bild kommt aus Oklahoma.

Bei Levitasium (1950) geht es um Schwerelosigkeit auf verschiedenen Ebenen von Vögeln, Engel, Männer und Frauen. Dieses Motiv ist eines der Ausstellungsplakate.

Das Werk von 1964 The Burning of Giordano Bruno ist nach der Lektüre von Frances A. Yates entstanden. Der rote Feuer-Tod des Gelehrten ist von wissenschaftlichen Merkmalen umgeben. Bruno ist nicht nur Märtyrer, sondern auch eine Mischung aus Magier und Philosoph.

Das Bild A Map of the Human Animal (1962) ist ein kleinformatiges Aquarell aus der Sammlung von Marguerite Steed-Hoffmann. Es erinnert an Leonardos Proportionsstudie Der Vitruvianischen Mensch.



Double Portrait (li.) in der Ausstellung mit Werken von Leonora Carrington
im Pariser Musée du Luxembourg | Foto: JN Pettit


Die dunkelroten Räume in diesem Museum sind nicht sehr groß und verwinkelt. Den meist kleinformatigen Bildern tut das aber nicht weh. Allerdings entsteht sehr schnell Gedrängel. Die schwarz-weiß Fotos von Lee Miller, von der ungarisch-mexikanischen Fotografin Kati Horna und von Hermann Landshoff, die immer wieder zwischen den farbig-überladenen und komplizierten Geschichten auf Carringtons Bilder hängen, lassen uns durchatmen und verströmen eine erholsame Normalität.

In dem in der Ausstellung vorgeführten Film sitzt sie da, Leonora Carrington, über 90 Jahre alt, und spricht über ihr Leben und ihre Kunst, während sie ihre Pflanzen gießt und sich umständlich eine Zigarette anzündet. Auf keinen Fall will sie nach ihren geliebten Söhnen sterben!

*

Die mexikanische Kunsthistorikerin Tere Arcq und der Spanier Carlos Martín haben die sehenswerte Ausstellung im Pariser Musée du Luxembourg (noch bis zum 19. Juli) kuratiert - sie ist täglich von 10.30 bis 19 Uhr und montags bis 22 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 14 Euro, der umfangreiche Katalog 45 Euro. Vorab-Reservierung ist angebracht.

Christa Blenk - 17. März 2026
ID 15757
Zur Person

Leonora Carrington wird 1917 als Tochter eines wohlhabenden, englischen Industriellen geboren. Ihre Mutter sorgt dafür, dass sie Zeichenunterricht bekommt. Leonora ist ein intelligentes, wildes und unabhängiges Kind, das zweimal von einer katholischen Mädchenschule fliegt, worauf sie in ein englisches Pensionat nach Florenz geschickt wird. Mehr kann man für ein kunstliebendes Kind sicher nicht tun! 1936 schenkt ihr ihre Mutter das Buch Surrealism von Herbert Read und legt damit einen weiteren Grundstein für Leonoras Surrealisten-Karriere. Im selben Jahr besucht sie die Surrealisten-Ausstellung in London und verliebt sich in eine Arbeit von Max Ernst , den sie ein Jahr später kennenlernt und mit dem sie nach Paris geht. Dort trifft sie auf die surrealistische Avantgarde um Man Ray, Lee Miller, Nusch und Paul Eluard und Dalí und Picasso. Schon als Kind hat sie eine Vorliebe für Mythologie, Zauberei und Esoterik und sieht sich selbst als weibliches, menschliches Tier. Mit Max Ernst, dessen zweite Ehefrau Berthe in Paris lebt, geht Leonora 1938 mit Geld von ihrer Mutter nach Südfrankreich, nach Saint-Martin-d’Ardèche. Das bekannte Doppelporträt mit ihr und Ernst [s. Foto oberhalb] entsteht in dieser Zeit. Ernst und sie verwandeln das Haus in ein surrealistisches Gesamtkunstwerk, in dem das Alltägliche mit der Malerei, der Bildhauerei und der Literatur fusioniert. Sie und Max verbringen dort intensive und kreative Jahre, die mit der Verhaftung von Ernst enden. Leonora Carrington verkauft das Haus für eine Flasche Cognac und schlägt sich nach Madrid durch. Dort wird sie von einer Horde der Guardia Civil vergewaltigt und landet später als unheilbar geistig krank in einem Sanatorium in Santander – mit Zustimmung ihrer Familie. Leonora Carrington entkommt aber ihrem Gefängnis und flüchtet mit ihrem ersten Mann Renato Leduc über Lissabon, wo sie zufällig auf Max Ernst und seine mittlerweile dritte Frau Peggy Guggenheim trifft, nach New York und weiter nach Mexiko. Dort lernt sie im Haus von Kati Horna ihren zweiten Ehemann kennen, den ungarischen Fotografen Emérico Weisz (Chiki), der jahrelang die rechte Hand von Frank Capa war. Mit Chiki hat sie zwei Söhne.

Die freie, neugierige, mutige und brillante Leonora Carrington geht als Feministin, Schriftstellerin, Künstlerin und Umweltschützerin in die Kunstgeschichte ein. Sie stirbt 2011 in Mexico-City und hinterlässt ein umfangreiches Erbe, in dem sich ihr aufregendes und dramatisches Leben zwischen leiser Vernunft und radikalem Wahnsinn, dunkler Mystik und heller Verzückung widerspiegelt.

In Mexiko ist sie eine Legende, ähnlich Frida Kahlo.

Für das Bild Dagoberts Distractions (1945) hat vor zwei Jahren ein argentinischer Sammler 28,5 Millionen Dollar bezahlt.


Weitere Infos siehe auch: https://museeduluxembourg.fr


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