Performativ,
installativ...
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Katalog-Cover (C) Hirmer Verlag
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Bewertung:
Seit gestern läuft die Jubiläumsausstellung Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart im JÜDISCHEN MUSEUM BERLIN, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert.
Sie besteht aus 12 Stationen bzw. Räumen, die die Besucher nach und nach durch sie jeweils voneinander trennende Vorhänge durchgehen können, und sie gibt sich in großen Teilen performativ und installativ - kuratiert wurde sie von Julia Friedrich und Shelley Harten, die dann auch den Ausstellungskatalog (erschienen im Hirmer Verlag) herausgaben.
"Das Publikum ist eingeladen, die eigene Vorstellungskraft zu erkunden, ihre Grenzen und Beschädigungen wahrzunehmen, ihr verschüttetes Potenzial wachzurufen. Die Perspektive der jüdischen Minderheit, die im Lauf ihrer Geschichte vielen unerträglichen Gegenwarten standhalten musste, ist einer ihrer Ausgangspunkte. Das Gegenteil von Jetzt fragt nach einer Umkehr, einem Gegenteil, einem besseren Leben für alle." (Quelle: Pressestelle JMB)
Die eigens für diese Ausstellung entwickelten künstlerischen Projekte stammen von Yael Bartana, Andrea Büttner, Chto Delat International, Arnold Dreyblatt, William Forsythe, Dana Kavelina, Alexander Kluge, Daniel Laufer, Dor Zlekha Levy, Ari Benjamin Meyers, Alona Rodeh und Eran Schaerf.
Ich nahm tags zuvor am Presserundgang teil und war von vornherein am allerwärmsten - auch weil es im ersten der zwölf Räume erlebbar wurde - von der Begegnung mit dem von Ari Benjamin Meyer gegründeten "Chor der Zeitastronauten" [s. Foto unterhalb] berührt: Er setzt sich aus zwölf zirka 90-jährigen Jüdinnen und Juden (6 Frauen, 6 Männer), viele von ihnen wahrscheinlich Überlebende des Holocaust, zusammen - und sie probten mit Meyer, der seine Anweisungen vom Klavier aus erteilte, an einem bestimmten Gesangsthema und sangen sich dann also, wie das halt bei Chorproben so abläuft, erstmal warm, kletterten also die Tonleiter immer wieder rauf und runter, übten sich in verschiedenen Mundstellungen, summten oder lallten bestimmte Kleinstetüden usf. Das Konzept dieser Live-Performance, die dann (bis zum Ausstellungsende) alle drei Wochen jeweils drei Stunden lang erfolgen würde, besteht darin die wunderbaren wie wunderschönen alten Menschen beim Neuerlernen eines für sie bis da ungekannten und unerprobten Terrains beobachten, bestaunen und bewundern zu können. Ein menscherwärmendes Highlight, ohne jede Frage!
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Der aus zehn zirka 90-jährigen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern bestehende "Chor der Zeitastronauten" - in der Jubiläumsausstellung Das Gegenteil von Jetzt im Jüdischen Museum Berlin | Foto: KE
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Nicht minder oder auf eine ganz andere Art und Weise menschlich berührend war Dor Zlekha Levys Projekt Esperoj: eine Musikinstallation, die sich über neun oder zehn im Kreis neben je einem Sitzhocker an je einer stabartigen Säule befindlichen Kopfhörer musikalisch erleben lässt. In Endlosschleife erklingt da die auf Esperanto von einem Chor gesungene sechsstrophige Hymne "La Espero": gesungen vom Student Choir of Musrara (dirigiert von Laila Mazal Yenishen), und das klang dann fast schon gregorianisch, hatte also eine faszinierend ruhige und beruhigende Attitüde. Die erste und die letzte Strophe des aus dem Jahr 1890 stammenden Hymnentextes von Ludwik Lejzer Zamenhof (1859-1915) liest sich in der deutschen Übersetzung so hier:
"In die Welt kam ein neues Gefühl,
durch die Welt geht ein starker Ruf;
mit Flügeln leichten Windes
fliege er nun von Ort zu Ort.
[...]
Unsere fleißige Kollegenschaft
wird in friedlicher Arbeit nicht ermüden,
bis der schöne Traum der Menschheit
sich zu ewigem Segen erfüllt."
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Dor Zlekha Levy vor seiner Musikinstallation Esperoj - in der Jubiläumsausstellung Das Gegenteil von Jetzt im Jüdischen Museum Berlin | Foto: KE
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Die zwei für mich spektakulärsten Kunstobjekte waren dann zum einen Above and Beyond von Alona Rodeh (einer im Stockdunkeln des Raumes Segmente der Klagemauer in Jerusalem vermittelnden Wandinstallation, aus der zwischen den "Mauerritzen" hin und wieder blendendes Hack- und Blitzlicht meine Sehnerven verunsicherte) und zum anderen der auf einer überdimensionalen Leinwand gezeigte Film The Birds von Yael Bartana, worüber im Ausstellungskatalog Folgendes zu lesen ist:
"Vögel. Die Kabbala. Ein Raumschiff. Pessach. Yael Bartanas Werk ist ein immer neuer Versuch, die Scherben einer zerschmetterten Welt aufzusammeln, um aus ihnen eine neue zu bauen. Es ist eine Anstrengung, die ganz wesentlich für das jüdische Denken ist: Wir haben die Wet nicht zerbrochen, aber wir sind Stücke einer zerbrochenen Welt, die entstand, als Gott sich zurückgezogen hat. Wir nennen es Tzimtzum, es ist eine Art Urknall. Es ist an uns, die Welt mittels Tikkun Olam - das unermüdliche Bemühen um Heilung - wieder herzustellen."
Schwer nachvollziehbar, wenn man (so wie ich) nicht in der Materie drinnen steckt.
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Auch Alexander Kluge ist mit einem resp. zwei Projekt/en in der Ausstellung vertreten: Wie Walter Benjamin Bertolt Brecht die schwache messianische Kraft erklärte, seinem Video aus dem Jahre 2018, sowie Kriegsmaschinen (nach James Ensor), seinen KI-generierten Bildern aus dem Jahre 2025 [s. Foto unten].
Eine Stunde (mindestens) sollte man sich Zeit nehmen, um all die sehens- und hörenswerten Kunstobjekte in der Ausstellung Das Gegenteil von Jetzt geistig und v.a. emotional zu verinnerlichen, sie quasi in sich setzen zu lassen.
Es lohnt sich.
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Alexander Kluge, Kriegsmaschinen (nach James Ensor) - in der Jubiläumsausstellung Das Gegenteil von Jetzt im Jüdischen Museum Berlin | Foto: KE
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Andre Sokolowski - 5. September 2026 ID 16023
Weitere Infos siehe auch: https://www.jmberlin.de
https://www.andre-sokolowski.de
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