Frieren,
Fringsen,
Feiern
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Bewertung:
Der Nachkriegswinter 1946/47 gehört mit Temperaturen von minus 20 Grad zu den kältesten des 20. Jahrhunderts. Das war verheerend in der Zeit nach 1945, die durch extreme Wohnungsnot in den zerstörten Städten, Lebensmittelknappheit, Mangel an Heizmaterial und durch den Krieg ausgemergelte Menschen gekennzeichnet war. Das Historische Archiv mit Rheinischem Bildarchiv der Stadt Köln hat nun eine Ausstellung zu diesem Thema konzipiert: Hungerleben. Lebenshunger – Köln 1946/47, die bis März 2027 bei freiem Eintritt besucht werden kann. Kuratiert wurde sie von Alina Fleck, Felicitas Jobs, Dr. Max Plassmann und Anke Wollenweber.
Im Nebenraum erlebt man als Erzähler (Dirk Reuschenberg) sowie die Avatar-Figur Käthe (Camilla Renschke). Sie führt stellvertretend durch den immersiven Teil der Ausstellung, der mit gesprochenen Original-Texten den Alltag im Hungerwinter wiederauferstehen lässt. Man kann das mit dem eigenen Smartphone und Kopfhörer anschauen oder sich am Eingang ein Leihgerät aushändigen lassen. Diese Szenen haben Fanny Haker, Alina Fleck und Felicitas Jobs mithilfe von ChatGPT pro künstlich erstellt in einem Archiv, das über riesige Mengen an Originalmaterial verfügt, das freilich im Zuge der Wiederherstellung nach dem Archiveinsturz im Jahr 2009 schon umfangreich digitalisiert wurde. Immersive Installationen liegen im Trend, weil sie ein direkteres Erleben ermöglichen für die, deren Vorlieben das entspricht.
Davon getrennt sind im Hauptraum echte Exponate in Vitrinen zu begutachten, darunter ein „Persilschein“. Nach dem Waschpulver benannt, ließen sich viele mit teils fingierten Aussagen von Freunden vor den Spruchkammern der Alliierten entnazifizieren, also weiß waschen. Es lohnt sich, diesen Brief in seiner Fadenscheinigkeit zu lesen. Das war zu der Zeit, bevor die BRD und die DDR 1949 gegründet wurden, und das Archiv hat Material herausgesucht, in dem auch Sozialisten und Kommunisten um die Jugend und die Gunst der künftigen Wähler buhlten.
Der Kölner Schriftsteller Heinrich Böll ist mit einigen Handschriften vertreten, dessen Nachlass dem Historischen Archiv überantwortet wurde, kurz bevor der alte Bau einstürzte. Wie sich später herausstellte, konnte das meiste davon gerettet werden. Die traumatische Erfahrung des Einsturzes mag zur Sensibilität beigetragen haben, mit der diese harte Zeit präsentiert wird. Bei einer Bildwand von Vermissten hat man übrigens die Fotos weitgehend in dem Zustand belassen, in dem man sie damals aus der Grube fischte. Die Digitalisierungsarbeiten werden vermutlich bis 2050 fortgesetzt werden müssen, der entstandene Sachschaden liegt derzeit bei über 1,3 Milliarden Euro.
Josef Kardinal Frings war damals der Erzbischof von Köln und „erlaubte“ seinen Schäfchen das „Fringsen“, wie sie es nannten. Das Aufklauben von heruntergefallener Kohle beim Güterverkehr oder der Diebstahl direkt von den Waggons war bei der eisigen Kälte überlebenswichtig. Frings wird bis heute dafür verehrt. „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann“, sagte er in seiner legendären Silvesterpredigt am 31. Dezember 1946. Was die Kölner aber geflissentlich überhört haben, waren die weiteren Erläuterungen: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und dann gilt es: Unrecht Gut gedeiht nicht.“ Der in Sütterlin handgeschriebene Predigttext mit Korrekturen wurde vom Historischen Archiv des Erzbistums Köln ausgeliehen. Diese Predigt hat seinerzeit Menschenleben gerettet, weil die Gläubigen nicht mehr um ihr Seelenheil fürchten mussten.
Die Menschen versuchten, aus allem etwas zu machen. Eine Unterhose aus dem Stoff einer Hakenkreuzfahne lässt ihre Herkunft kaum noch erkennen. Gefeiert wurde auch: Ein Hochzeitskleid aus Fallschirmseide sieht erstaunlich gut aus, zeigt aber auch, wie erschreckend dürr die Frauen damals gewesen sind. Der Überlebenswille muss immens gewesen sein. Gerade die Frauen versuchten dem Vernichtenden des Krieges und seiner Folgen das Lebenserhaltende der Nahrung entgegenzusetzen, indem sie unermüdlich auf Hamsterfahrten gingen. Die ausgestellten Lebensmittelmarken belegen den Nahrungsmangel auf ihre Art. - In der Aula der Universität zu Köln fanden gezielt Kulturveranstaltungen statt, die mehr als nur eine Ablenkung waren, stillten sie doch ein Stück weit den Lebenshunger, waren eine Art Verheißung, dass es mehr gab als das nackte Überleben.
Der Kölner Walter Dick (1914-1976) gehörte zu den Fotografen, der die Nachkriegsjahre in Köln bis hin zum Wirtschaftswunder mit seiner Kamera dokumentierte. Als Chronist hat er das Leben in den Ruinen, die Situation der Heimkehrer, Vertriebenen, Frauen, aber auch der Kinder auf einzigartige Art im Bild festgehalten. Dicks Fotos sind eindrucksvoll, zeigen das Elend der Trümmerlandschaften und des Lebens der Menschen, er fokussierte dabei aber auf ihr Durchhaltevermögen und ihren Überlebensdrang.
Achtzig Jahre später hat das Historische Archiv ein paar seiner Schätze ausgegraben und illustriert die Lebensumstände, die unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern prägten. Sie haben mit ihrer nahezu übermenschlichen Wiederaufbauarbeit sich selbst und den nachfolgenden Generationen ein Leben in weitgehendem Wohlstand und Frieden beschert.
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Die Avatar-Figur Käthe führt durch den immersiven Teil der Ausstellung © Stadt Köln
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Helga Fitzner - 17. Oktober 2026 ID 16099
Weitere Infos siehe auch: https://hungerleben-lebenshunger.de/
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