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Ausstellung

Gegen das

Verschwinden



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Mit Der kleine Regisseur gibt Zeichen erinnert BOLD Berlin zum 100. Geburtstag an Gerhard Altenbourg († 1989). Es ist eine kleine, konzentrierte Ausstellung – und zugleich ein wichtiges Plädoyer dafür, einen der bedeutendsten Künstler der DDR nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden zu lassen.

Es gibt Künstler, deren Rang kunsthistorisch längst außer Frage steht und die dennoch Gefahr laufen, aus dem allgemeinen kulturellen Gedächtnis zu verschwinden. Gerhard Altenbourg gehört zu ihnen. Wer sich mit der Kunst in Deutschland nach 1945 beschäftigt, kommt an diesem eigenwilligen Zeichner, Grafiker und Lyriker kaum vorbei. Dennoch ist sein Name heute weit weniger präsent, als es seinem Werk angemessen wäre.



Meisterchen Tumirgut von Gerhard Altenbourg
(C) Sammlung Gernot Tanner


Rund dreißig Arbeiten aus einem etwa 4.000 Blatt umfassenden Œuvre sind in der Ausstellung [noch bis zum 30. Oktober jeweils mittwochs und freitags von 15 bis 18 Uhr, bei freiem Eintritt] zu sehen; entstanden sind sie zwischen 1949 und 1988 und als Leihgaben aus Sammlungen von Mitgliedern der Gerhard Altenbourg Gesellschaft zusammengetragen.

Es ist keine Retrospektive, und gerade darin liegt eine Stärke der Schau. Sie setzt präzise Akzente und macht sichtbar, welche Spannweite in Altenbourgs Werk liegt.

Da sind zunächst die frühen Schwarz-Weiß-Lithographien von 1949 und 1950, entstanden noch während seiner Studienzeit in Weimar: groteske Figuren, verzerrte Körper, grimassierende Köpfe, absurde Begegnungen. DADA ist nicht weit, ebenso wenig die Erfahrung einer aus den Fugen geratenen Welt. In manchen Arbeiten scheint der Krieg noch unmittelbar nachzuwirken, den Altenbourg als Siebzehn- und Achtzehnjähriger erlebt hatte. Die jeweils nur in wenigen Exemplaren gedruckten Blätter gehören zu den eigenständigsten Leistungen der deutschen Nachkriegsgrafik.

Daneben stehen die Holzschnitte der siebziger Jahre. Hier begegnet man einem anderen Altenbourg. Die Aggressivität der frühen Jahre ist einer stilleren, poetischeren, oft ironischen Weltbetrachtung gewichen. Figuren und Landschaften verschränken sich, Natur wird nicht einfach dargestellt, sondern durchdrungen. Gerade die Gegenüberstellung dieser Werkphasen zeigt, wie konsequent Altenbourg über Jahrzehnte eine vollkommen eigene Bild- und Gedankenwelt entwickelte.

Auch der Ausstellungstitel ist gut gewählt. In dem farbigen Holzschnitt Der kleine Regisseur gibt Zeichen von 1970 versucht eine winzige Gestalt, mit erhobenen Armen wesentlich größere Figuren zu dirigieren – offenbar mit mäßigem Erfolg. Man kann darin Vergeblichkeit sehen, Selbstironie, vielleicht auch eine politische Dimension. Wie so oft bei Altenbourg bleibt die Bedeutung in der Schwebe.

Das passt zu einem Künstler, der sich den Zumutungen seiner Zeit entzog, ohne ihr auszuweichen. Altenbourg geriet früh mit der offiziellen Kulturpolitik der DDR in Konflikt. Einen Weggang in den Westen lehnte er dennoch ab. Seine Antwort war keine Anpassung, sondern die Behauptung einer radikal persönlichen Kunst, gespeist aus Literatur, Philosophie, Naturbeobachtung und einer fast obsessiven Arbeit am eigenen Ausdruck.

Dabei war Altenbourg keineswegs ein unbekannter Künstler aus der Provinz. Er nahm 1959 und 1977 an der documenta teil, wurde im Westen früh gesammelt und international ausgestellt. Schon zu Lebzeiten hatte sein Werk einen Rang erreicht, der weit über die Grenzen der DDR hinausging. Umso erstaunlicher ist, wie stark seine öffentliche Präsenz nach seinem Tod zurückgegangen ist.

Besonders überzeugend ist deshalb, dass die Berliner Ausstellung nicht allein aus privatem Engagement entstanden ist, sondern auch kunsthistorisch profund begleitet wird. An ihrer kuratorischen Erarbeitung wirkte Anita Beloubek-Hammer mit, ehemalige Kuratorin am Berliner Kupferstichkabinett und eine der profundesten Kennerinnen des Werkes von Gerhard Altenbourg.

Ihr Name ist mit einem wichtigen Kapitel der jüngeren Altenbourg-Rezeption verbunden. 2014 konnte das Berliner Kupferstichkabinett mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder und der Ernst von Siemens Kunststiftung die mehr als hundert Arbeiten umfassende Altenbourg-Sammlung von Solgärd und Rolf Walter aus Stockholm erwerben. Der Bestand mit seinem starken Schwerpunkt auf dem Frühwerk ergänzte die bis dahin vergleichsweise kleine Berliner Sammlung fundamental.

Beloubek-Hammer begleitete diese entscheidende Erweiterung des Berliner Bestandes wissenschaftlich und kuratorisch. 2015 entstand daraus im Kupferstichkabinett die große Ausstellung Gerhard Altenbourg. Das gezeichnete Ich, die erstmals seit der Wiedervereinigung eine umfassende Berliner Museumsschau des Künstlers ermöglichte. Der von Beloubek-Hammer herausgegebene, nahezu 240 Seiten starke Katalog dokumentierte zugleich die Neuerwerbung und den gesamten Altenbourg-Bestand des Kupferstichkabinetts. Ausstellung und Publikation sind bis heute ein wichtiger Meilenstein der Beschäftigung mit diesem Künstler.

Diese Expertise ist der jetzigen Ausstellung anzumerken. Sie braucht keine spektakuläre Inszenierung. Die Blätter bekommen Raum, Nähe und Ruhe. Gerade die Konzentration auf eine überschaubare Zahl von Werken zwingt zum Hinsehen.

Mit Altenbourgs Œuvre untrennbar verbunden ist zugleich sein Lebensort. In seinem Haus im thüringischen Altenburg schuf er über Jahrzehnte ein Gesamtkunstwerk. Er bemalte Wände und Möbel, gestaltete Türen, Metallarbeiten und selbst Gebrauchsgegenstände; auch Garten und Innenräume wurden Teil seines künstlerischen Kosmos. Das Haus ist bis heute weitgehend in dem Zustand erhalten, in dem der Künstler es hinterließ.

Es müsste eigentlich zu den besonderen Künstlerhäusern Deutschlands gehören, die selbstverständlich einem breiteren Publikum offenstehen.

Doch gerade hier wird sichtbar, wie fragil kulturelles Erbe sein kann. Die Stiftung Gerhard Altenbourg bewahrt Haus, Garten und Nachlass, verfügt aber nur über begrenzte Möglichkeiten. Gemeinsam mit dem Lindenau-Museum wird daran gearbeitet, dieses einzigartige Ensemble zu sichern und perspektivisch zumindest für kleine Besuchergruppen zugänglich zu machen. Jüngste Fördermittel ermöglichen erste restauratorische Untersuchungen und Sicherungsmaßnahmen – von einer dauerhaften breiten Öffnung ist man jedoch noch entfernt.

Auch deshalb kommt der Gerhard Altenbourg Gesellschaft Bedeutung zu. Sie unterstützt die Stiftung, fördert die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk und versucht, Altenbourgs Bekanntheit wieder zu vergrößern. Dass ihre Mitglieder nun eigene Werke zur Verfügung stellen und gemeinsam eine Ausstellung in Berlin ermöglichen, ist mehr als eine private Sammlerinitiative.

Es ist der Versuch, Öffentlichkeit herzustellen.

Und genau darin liegt vielleicht die wichtigste Leistung von Der kleine Regisseur gibt Zeichen. Die Ausstellung erinnert daran, dass kulturelles Gedächtnis nicht von selbst funktioniert. Ein bedeutendes Werk bleibt nicht automatisch lebendig, nur weil es in Museen, Depots, Stiftungen und privaten Sammlungen bewahrt wird. Es braucht Menschen, die es zeigen, erforschen, publizieren und immer wieder neu zur Diskussion stellen.



Der kleine Regisseur gibt Zeichen von Gerhard Altenbourg | (C) Sammlung Gernot Tanner


BOLD Berlin bietet dafür einen passenden Rahmen. Altenbourgs Arbeiten brauchen keine große Bühne. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Je länger man vor ihnen steht, desto deutlicher wird, wie eigenständig, verstörend, poetisch und zugleich erstaunlich gegenwärtig diese Kunst geblieben ist.

So ist diese Ausstellung weit mehr als eine Würdigung zum 100. Geburtstag. Sie ist eine Liebeserklärung an einen Künstler, der sich ein Leben lang jeder einfachen Vereinnahmung entzog. Und sie ist ein Plädoyer dafür, Gerhard Altenbourg nicht zu einem jener großen Namen der deutschen Nachkriegskunst werden zu lassen, die zwar in den Kunstgeschichten verzeichnet sind, denen man im kulturellen Leben aber immer seltener begegnet.

Der kleine Regisseur gibt Zeichen setzt dagegen ein kleines, aber nachdrückliches Zeichen.

Steffen Kühn - 28. September 2026
ID 16061
Weitere Infos siehe auch: https://www.boldberlin.club/


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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