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Ausstellung

Zwischen

Schatten

und Licht



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Nur wenige Schritte von den Champs-Élysées entfernt liegt das ehemalige Haus des Ehepaares Jacquemart-André. Es beherbergt eine der reichsten Privatsammlungen in Paris. Die prächtigen Räume des Herrenhauses beherbergen Möbel, Teppiche, Kunstwerke und Gemälde von Meistern: Uccello, Mantegna, Botticelli, Van Dyck, Rembrandt, Fragonard, Reynolds. Eine Reihe von erfolgreichen Ausstellungen in den letzten Jahren haben das MUSÉE JACQUEMART-ANDRÉ zu einem bedeutenden, kulturellen Veranstaltungsort in Paris gemacht, der jährlich über 400.000 Besucher aufnimmt. Derzeit wird dort eine kleine, aber feine Schau mit 30 Meisterwerken des französischen Malers Georges de la Tour (1593-1652) gezeigt. De la Tour stammte aus Lothringen, dem damals unabhängigen katholischen Herzogtum zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich. Nach einer glänzenden Karriere in seiner Heimat ging der Künstler 1638 nach Paris, wo König Ludwig XIII. sofort auf ihn aufmerksam wurde.

Die Schau beleuchtet de la Tours Lieblingsmotive: Genreszenen, Heiligenfiguren und künstliche Lichteffekte. Sie zieht eine Linie zwischen dem damals gerade in Mode kommenden Hell-Dunkel-Stil à la Caravaggio. Der Manierismus von Georges de la Tour geht weiter, ist eine stumme Choreografie, eine eingefrorene, radikale, zeitlos-intensive, spirituelle Dramaturgie. Die Lichtquelle ist oft nur eine einfache, versteckte oder verdeckte Kerze, die das ganz Alltägliche, das Gewöhnliche ausleuchtet. Es sind Szenen ohne sentimentale Beteiligung. Der Künstler betrachtet sein Werk mit Distanz, gibt kein Urteil ab.

Die Ausstellung ist in sechs Abschnitte unterteilt und beginnt mit Georges de la Tours lokalen Wurzeln und dem europäischen Caravaggismus. Hierzu gehören Die flöhesuchende Frau und Hiob und seine Frau. Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts breitete sich der Caravaggios-Stil in Europa wie ein Lauffeuer aus. Hinweise auf eine Italien-Reise von de la Tour gibt es nicht. Sein Arbeitsgerät, seine Waffe, ist die Kerze. De la Tour war ein Maler des Volkes, und darum geht es im zweiten Teil mit Frühwerken des Künstlers, Genreszenen, Alte, blinde Musiker, Bettler wie Der alte Mann und der Hund (1620). Im dritten Raum hängen zwei Versionen des Büßenden Heiligen Hieronymus. Buch, Laterne, Peitsche sind auf beiden Gemälden zu sehen. Den scharlachroten Richelieu-Hut gibt es nur auf der Stockholm-Version. In einem weiteren Raum hängen Halbporträts von Heiligenfiguren, im Gebet vertieft oder lesend. Regungslos, nur auf das Wesentliche konzentriert wie Der Heilige Petrus (1645). Es sind virtuose Lichtspiele, die Menschen von innen zum Leuchten bringen, nie Landschaften. De la Tour gibt dem Caravaggio-Stil einen neuen Impuls, treibt ihn weiter, kühner, befreit von Affekten oder Emotionen. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens steht eine neue Interpretation des sog. Tenebrismus [Anm.d.Red.: einer kräftigen, besonders kontrastierenden Form der Helldunkelmalerei]. Das Licht (die Kerze) ist nicht mehr nur Mittel zum Zweck, hier wird es zum eigentlichen Objekt, zum Gegenstand des Gemäldes. Das Neugeborene ist auf den ersten Blick eine typische Marien-Szene. De la Tour vermeidet allerdings jeglichen religiösen Charakter und malt eine Jungfrau, eine heilige Anna und das Jesuskind. Die Lichtquelle ist das Kind. Es leuchtet die Gesichter der beiden Frauen aus. Keine Dekoration, keine Ornamente, nichts was ablenkt, nur gedämpfte, notwendige Intensität und glatte Farben. Die Stille in diesem Gemälde ist beinahe greifbar. Ein Meisterwerk, in dem man versinken möchte, wären nur die vielen anderen Besucher nicht. Ein weiteres Glanzstück ist Die büßende Magdalena. Symbolisch, anmutig, streng und nüchtern sitzt sie im Profil in einem kahlen Raum und meditiert. Die Flamme ist nicht direkt sichtbar, beleuchtet einen Teil der Bluse und des Gesichts. Spiegel und Schädel treten auf der linken Seite aus der Finsternis heraus. Ein Kampf zwischen Eitelkeit und spiritueller Erhebung. 1645 entstand das Gemälde Tränen des heiligen Petrus, ein weiterer Meilenstein im Werk von Georges de la Tour. Petrus ist hier kein erfolgreicher Kirchenbauer, sondern der reuende, in die Jahre gekommene Verleugner Christi. Tränen laufen ihm über das Gesicht. An seinen Füßen flackert leise eine Kerze und beleuchtet ein nacktes Bein.

Mit zwei hinreißenden Werken, jeweils eine Hommage an die Vergänglichkeit, endet die Schau. Der Pfeifenbläser und Das Mädchen, in ein Kohlebecken blasend. Das junge Mädchen wird nur von dem Feuerkorb vor ihr ausgeleuchtet. Die aufgeblasenen Wangen zeigen, dass sie gleich wieder in die schüchterne Glut blasen wird, um sie am Glühen zu erhalten. Der junge Pfeifenbläser hingegen will die Flamme neu entfachen. Beide konzentrieren sich auf ihre Aufgabe, sind eingehüllt in das de la Tour-Schweigen.



Der Pfeifenbläser (li.) und Das Mädchen, in ein Glutbecken blasend von Georhges de la Tour - im Musée Jacquemart-André, Paris | Foto: Christa Blenk


Georges de la Tour war ein Meister des Lichts. Seine Interpretation des Chiaroscuro ist kühn und individuell. Nüchterne, realistische Kompositionen von den Menschen auf der Straße, Heiligen oder in Wirtshäusern beim Kartenspiel. Bekannt sind vor allem die Kerzen-Nachtszenen. Jede Leinwand mutiert zu einer poetisch-zerbrechlichen, geistigen Interpretation des Lichtes, wo nur Schlichtheit herrscht.

Die Exponate sind aus aller Welt nach Paris gekommen. Heute sind nur an die vierzig Werke des Males Georges de la Tour bekannt. Es fehlt das Gemälde aus dem Louvre Der Falschspieler mit dem Caro Ass, aber um das zu sehen muss man nur ein paar Häuser weiterziehen.
Christa Blenk - 14. Januar 2026
ID 15650
Trotz Ruhm und Erfolg zu Lebzeiten geriet Georges de La Tour nach seinem Tod durch eine Epidemie im Jahr 1652 in Vergessenheit. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten ihn Kunsthistoriker erneut und de la Tour konnte seinen rechtmäßigen Platz unter den größten französischen Malern des 17. Jahrhunderts einnehmen.

Die Ausstellung im MUSÉE JACQUEMART-ANDRÉ in Paris ist sehr erfolgreich und dementsprechend gut besucht. Man kommt aber mit ein wenig Warten auch ohne Vorausbuchung in die Schau, die bis 22. Februar 2026 verlängert wurde.

Der Eintritt kostet 18 Euro.

Ein Besuch im Museums-Restaurant wird unbedingt auch empfohlen.


Weitere Infos siehe auch: https://www.musee-jacquemart-andre.com


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