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Feuilleton


Vernisage-Besuch am 31.05.06, Frankfurt

"Verrichtungsbox für Scham und Trauer"

Ein Installation von Gregor Aigner in der unterirdischen Kanalisation von Frankfurt


Zugang zur “Verrichtungsbox”

"Willkommen ganz unten", verheißt Gregor Aigners aktuelle Installation "Verichtungsbox" und entführt einen in die Kanalisation Frankfurts. Genauer gesagt in einen unterirdischen Raum mit zwei Ebenen, zwei Tunneln und einem 8 Meter tiefen wassergefüllten Schacht. Der so genannte Düker soll bei starken Regenfällen für Ausgleich sorgen und die Wassermassen ableiten.
Ausgehend vom Symbolcharakter dieses Ortes entfaltet Aigner ein assoziatives Spiel um den Begriff der Scham. "Egal für was oder warum Sie sich schämen, der Schamkanal hat einen für Ausgleich sorgenden Düker." Auf den Tunnelwänden eine Textkollage. Als Tapete zwei sich endlos wiederholende Sätze, die verraten, dass sich schon in den frühesten Kulturen bemüht wurde, die eigne Scham zu verdecken und einen Blick auf die Scham der Anderen zu erhaschen. Darauf immer wieder einzelne Zettel. Wortspiele die mit der Beschaffenheit des Ortes in Bedeutung treten. "Vor Scham im Boden versinken" oder "Rot im Gesicht werden", dazu flackerndes Rotlicht. Dazwischen fordern Plakate auf, seinen Kopf gegen die Mauer zu schlagen - um seine persönliche Scham loszuwerden. Aus einem Lautsprecher wird ein Pop-Song zitiert: "I´m a looser baby, so why don´t you kill me?" Am Ende eines zweiten Tunnels eine Videoinstallation. Sich überlagernde Tränen rinnen unter Fliegengesumme, das in Störungsrauschen übergeht, hinab. Von der Tunneldecke hängen Fliegenfänger mit aufgeklebten Papiertränen.
Die Installation lässt deutlich spüren, dass das Medium jeder Installation der Raum selbst ist. Davon ausgehend nutzt Aigner die eindrucksvolle Atmosphäre des Ortes, um seinem Einfallsreichtum zum Thema Scham Raum zugeben. Es gelingt ihm die Abhängigkeit von Scham und gesellschaftlichen Konventionen auszustellen: "Wer auffällt isoliert sich." Aber es bleibt plakativ. Auch die Aussage "Das schlimmste Vergehen in einer Schamkultur besteht darin, sich nicht zu schämen, wenn man sich schämen sollte." bleibt wie die aufgeklebten Zettel an der Oberfläche haften. Keiner der Besucher scheint unangenehm berührt. Wenn von einer Person zu lesen ist, die gleichsam scham- und lustvoll seinen Anus erkundet, wird lediglich eine scheinbares Muss zeitgenössischer Kunst bedient. Sexuell entgrenzend zu sein, gehört schon lange zur Konvention der Konventionslosigkeit. Aber vielleicht ist es auch gar nicht das Anliegen des Künstlers zu beschämen, denn wer auffällt isoliert sich.
Im Kontrast dazu zwei Angestellte der Stadtwerke, die sich in einer anderen Sprache, mit gesengter Stimme absprechen und beflissen damit beschäftigt sind den Abwasserstand in den Tunneln so zu regulieren, dass den kunstinteressierten Besuchern das Wasser nicht in die bereitgestellten Gummistiefel schwappt. Ein Blickkontakt scheint den Zwei unangenehm. Schnell senken sie den Blick wieder zum Düker. Während dessen die Gäste mit ihrem Sekt auf dem Absatz über ihren Köpfen plaudern. Scham hängt in der Tat mit gesellschaftlichen Konventionen zusammen und mit gesellschaftlichem Status. Die beiden Männer fühlen sich offensichtlich an dem Ort Ihres Schaffens fremd und unsicher. Tatsächliche Scham lässt sich wohl nicht ableiten, sondern muss gelebt werden. Obwohl der Düker so nah ist.
Die Kunstaktion ist noch bis zum 10.07 zu sehen. Sollten sich in dieser Zeit Scham- und Kummeranlässe von nationaler Bedeutung ereignen, möchte Aigner mit seiner Installation darauf reagieren. Vielleicht gelingt der „Verrichtungsbox“ der Ausgleich von nationaler Scham ja leichter als der von individueller.


Hans Frisch - red / 1. Juni 2006
ID 2430
Öffnungszeiten der “Verrichtungsbox für Scham und Trauer":

03.06. / Samstag / 15 bis 18 Uhr
07.06. / Mittwoch / 15 bis 18 Uhr
12.06. / Montag / 15 bis 18 Uhr
14.06. / Mittwoch / 15 bis 18 Uhr
15.06. / Donnerstag (Fronleichnam) / 15 bis 18 Uhr
21.06. / Mittwoch / 15 bis 18 Uhr
22.06. / Donnerstag / 15 bis 18 Uhr
Weitere 8 Termine, die kurzfristig bekannt gegeben werden.
10.07. / Montag / Finissage von 18 bis 21 Uhr

Weitere Infos siehe auch: http://www.kultura-extra.de/kunst/spezial/gregor_aigner_verrichtungsbox_frankfurt.php






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