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Feuilleton
25. September 2009 bis 18. Oktober 2009

steirischer Herbst 2009

das Internationale Kunstfestival in der steirischen Hauptstadt Graz

Ein Rückblick
von Christa Linossi


© Christa Linossi

Am 18. Oktober 2009 ging der „steirische herbst 2009“ wieder zu Ende. Es ist eines ders ältesten Festivals für neue Kunst, eine Avantgardeshow mit multi-disziplinärer Tradition.

Der „steirische Herbst“ hat sich in seiner Geschichte immer wieder neu erfunden - eine Institution, welche die verschiedensten Kunstdisziplinen vernetzt, wie z.B. Theater, Bildende Kunst, Film, Literatur, Tanz, Musik, Architektur, Performance, Neue Medien und Theorie. Jahr für Jahr stellt sich hierbei die Frage nach den eigenen Bedingungen und Notwendigkeiten künstlerischen Schaffens. Es entsteht daraus eine eigenwillige Plattform für neue Kunst.
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Die Präsentation von Produktionen ist aber nur der sichtbare Teil des Programms. Recherchen, Prozesse, Entwicklungen gehören ebenso zu diesem Festival, wie Aufführungen, Ausstellungen und Konzerte neuer Musik.

Das Leitmotiv des heurigen „steirischen Herbstes“ 2009 lautete:
„All the Same, Was gilt, wenn alles gleich und gültig ist?“

Mit „All the Same“ sollte die Aufmerksam auf die Gleichmacherei, unerreichte Gleichberechtigung und Gleichgültigkeiten in unserer Gesellschaft gelenkt werden. Unsere so gern protagonierten Schlagworte wie Gleichberechtigung und Chancengleichheit stehen in der Realität nach wie vor zahlreichen Ungleichheiten gegenüber. Oder schlimmer: Ist der Schritt zurück zur Ungleichheit schon wieder gesetzt?
Und so steht im Auszugstext von Bernhard Waldenfels (Philosoph) zu „All the Same“: Ohne Gleichsetzen gäbe es keine Sprache, keine Tauschwirtschaft, kein Recht. Doch was gleichgesetzt wird, ist nicht gleich: Stets bleibt ein anarchischer Überschuss.
Nur Gleichgültige ignorieren dessen außerordentliche Kraft.“
„Es ist ein Leichtes, Gleichheit gegen Ungleichheit, Ungleichheit gegen Gleichheit auszuspielen. Man muss nur Gleichheit mit Gleichmacherei, mit Distinktionsverlust oder Gleichgültigkeit, Ungleichheit mit Ungerechtigkeiten und Privilegien assoziieren, um den jeweiligen Kontrahenten in die Enge zu treiben.“


Die weiteren Projekte zu „All the Same“ – „Utopie und Monument“ oder „Out“ – wurden von zeitgenössischen Künstlern, die im und mit dem öffentlichen Raum arbeiten, entwickelt. Hier sollten sich die Künstler mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzen, stets vor der Frage „wie viel Kunst verträgt der öffentliche Raum?“.

So entstand beispielsweise ein Ausstellungspavillon am Platz der freiwilligen Schützen/Bad zur Sonne. Hier wurde von den Künstlern Jesko Fezer, Anita Kaspa und Andreas Mueller eine Art Pavillon aus einer einfachen Holzkonstruktion entworfen, der auf Standard-Gerüstelementen aufgebaut wurde. Die Wände und der Boden bestanden aus Schalungsplatten, während der nach oben offene Raum Blicke auf die umstehende Architektur gewährt und diese somit den gewählten Ort konzeptionell einbezieht: Das „Bad zur Sonne“ ist eine denkmalgeschützte Badeanstalt im Stadtteil Gries. Dieser galt in der Vergangenheit als „verrucht“: ein Stadtteil mit Rotlichtmilieu und Bewohnern unterschiedlicher Herkunft. Mit dem „Kunsthaus Graz“ entstand in diesem Viertel in den letzten drei Jahren zugleich ein „anderer“, kontroverserer Ort: Neue Lokale und neues Publikum verdrängten die „anrüchigen“ Strukturen – aber nicht gänzlich.

Betrachtete man den Pavillon von Außen, könnte man meinen, es handle sich schlicht um eine Bauhüttenkonstruktion. Bei näherer Betrachtung erkannte man das künstlerische Objekt, in dem ein Treppeneingang sich zu einem Raum im Inneren öffnete. Hier war man umgeben von gelben Wänden, auf denen sich Texte aus der Medialen Welt, bezugnehmend auf Graz, breit machten. Texte wie z.B. „Christoph Schlingensief, Chance 2000 für Graz 1998 – Graz wurde zum steir.Herbst 1998 zur Sandlerhochburg erklärt, in die Obdachlose aus allen Winkeln Europas strömen sollten. Rund um die Mariensäule auf dem Platz am Eisernen Tor waren acht Pfähle aufgestellt, auf denen die Sandler ein Wettsitzen veranstalteten – wer am längsten ausharrte, dem winkte ein Preisgeld von 70.000 Schilling jeden Tag pünktlich um 17.30 ließ Schlingensief zudem 7.000 Schilling in 20-Schilling-Scheinen auf die Passanten regnen, die sich auch prompt unter den Augen der um die Wette sitzenden Sandler auf die Scheine stürzten.“………
Oder ein anderer Text: „Die Utopie zielt auf das Unmögliche, von dem bestimmte „Realisten“ sagen, dass es nicht realisierbar sei“….

Eine Bank und eine Laterne forderten auf Platz zu nehmen, den Raum auf sich wirken zu lassen und je nach Lust und Laune auch die Texte zu lesen. Es war die Aufforderung, sich auf den Dialog zwischen Stadtpolitik und künstlerischem Anliegen einzulassen.


Ausstellungspavillion © Christa Linossi


Interessant war auch die Installation von Andreas Siekmann „Trickle Down. Der öffentliche Raum im Zeitalter seiner Privatisierung“ im Landhaushof. Hier entwarf der Künstler Zeichnungen, die sich mit verschiedenen Themen der Finanzwirtschaft auseinandersetzen: so z.B. mit den internationalen Abkommen wie Basel I + II, der Bankenaufsicht oder den „Berater- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften“, den „Briefkastenfirmen“, dem „Business Improvement District“ usw.. Siekmann erläuterte die Begriffe auf der Banderole an der Mauer im Innenhof sowie auf den Tafeln im Foyer des Erbdrostenhofs. Im Innenhof platzierte er eine sich aus Figurenfragmenten zusammensetzende Kugel: Die rohen Fragmente der Kugel bezogen sich dabei auf einzelne Städte, wie z.B. ein Elefant aus Hamm, ein Radfahrer aus Pforzheim, ein Schwan aus Neumünster, ein Bär aus Berlin, eine Kuh aus Zürich und andere.


Landhaushof „Trickle Down“ © Christa Linossi


Ein Blickfang war auch die Installation von Dolores Zinny & Juan Maidagan „Curtain Call for Graz“ (Anlehnung an das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude, in einer Art abgespeckter Form). Sie installierten direkt am Rathaus einen Vorhang – der Auftrag für die Verarbeitung der Stoffbahnen ging hierbei an Näherinnen in der unmittelbaren Region von Graz. Das Rathaus mutiert zur Theateranstalt. Doch weder zeigen sich die politischen Protagonisten vor dem Vorhang, noch applaudiert ein Publikum. Das politische Geschehen spielt sich backstage ab. Man könnte diese Verhüllung auch als eine „Quarantäne für die Politik“ interpretieren.

„Curtain Call for Graz“© Christa Linossi


Was wurde noch zum Thema „Out – Kunst im öffentlichen Raum Steiermark“ geboten.
Am Schloßbergplatz installierte die Künstlerin Olivera Parlic-Karajankovic „Fitting“. Fitting ist ein Dialog mit der Grazer Altstadt und der dort noch präsenten Zeit des Barocks. Parlic-Karajankovic installierte vier Bänke aus einem Belgrader Park auf einem der prominentesten Plätze der Stadt, dem Schloßbergplatz. Die Bänke, teilweise in goldene Stoffbahnen eingenäht, verbergen jedoch ihre Herkunft. Mir fielen bei der Eröffnung die zwei anwesenden „Sandler“ auf, die bereits darüber spekulierten, ob man auf diesen Bänken wohl bequem sitzen könnte und ob man sie als Schlafplatz geeignet seien.


“Fitting” © Christa Linossi


Der Künstler Radoš Antonijevic´ baute mit seiner Installation Hagia Sophia das weltberühmte Gotteshaus – früher Kirche, heute Moschee – aus Militärstoffen nach und stellte sie gegenüber der Franziskanerkirche auf. Provokation oder Aufforderung zum Dialog? Welche Rolle spielt die Religion überhaupt im öffentlichen Raum? Nach wie vor eine gewichtige Frage.


“Hagia Sophia” © Christa Linossi


Auszug aus dem Begleitmagazin „herbst. Theorie zur Praxis“: „...um von einem Denkmal zum Denken angeregt zu werden, muss man darüber stolpern. Doch selbst avancierteste Arbeiten im öffentlichen Raum verkommen mit Zeit und Gewöhnung zur Dekoration. Ist die beste Kunst außerhalb von Galerien und Museen deshalb temporär?“
Horst Gerhard Haberl, Ex-Intendant des „steirischen herbst“, „... der öffentliche Raum ist eine Fiktion, er ist das jeweilige Ergebnis aus der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Interessensträgern.“
Veronica Kaup-Hasler, Intendantin des „steirischen herbst“, „...der Begriff des öffentlichen Raums hat sich in den letzten 20 Jahren stark gewandelt und nicht zuletzt durch das Internet sehr erweitert. Was heißt es also heute, im öffentlichen Raum zu arbeiten?“



Fazit: der „steirische herbst 2009“ bot einige interessante Aspekte in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem öffentlich Raum. Wir dürfen gespannt sein, was der „steirische herbst“ im Jahr 2010 bieten wird und welchen Themen es sich zu stellen gilt.


© Christa Linossi



„Neue Weltgasse“ wäre doch eine Richtung oder ?


Christa Linossi - red / 26. Oktober 2009
ID 4445

Weitere Infos siehe auch: http://www.steirischerherbst.at/2009/deutsch/index.php





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