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Sexyshock

„Sexyshock (Bologna) ist noch bis zum 26. Februar im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin im Rahmen der Ausstellung „Disobedience, Hack.it.art und Kurds on the map“ zu sehen.
*

Politische Agitation . Provokation . Pornografie . Kunst

Sie spannen Sex vor ihre feministische Kutsche und hoffen mit diesem Steckenpferd ungeahnte revolutionäre Energien freizusetzen, Moralisten und Moralistinnen zu provozieren und die ewig gestrigen Machos zur Selbstkritik zu befähigen, indem sie ihnen den Spiegel vorhalten.
Kann das funktionieren?
Erweckt der visuelle Reiz einer mit durchsichtigem, nassem Hemd kaum bekleideten, im aufblasbarem Kinderpool sich räkelnden Frau den Sinn zur Selbstreflexion beim Manne – die Reflexion über den inneren doch allzu scharfen, erhitzten und wie einen Pawlowschen Hund auf bestimmte Reize geil reagierenden Schweinehund?
Wohl kaum.
Da werden ganz andere Sinne erweckt. Selbstkritiklos. Dämlich, wer etwas anderes dabei denkt.
Dennoch: Naivität kann man den Macherinnen nicht unterstellen. Ganz im Gegenteil. Aufgerieben in zermürbenden, unfruchtbaren linken Diskussionen sind sie bereit Grenzen zu überschreiten und zu experimentieren. Sie bewegen sich auf dünnem Eis. Das macht die ganze Sache explosiv und spannend – am Rande des Abgrunds politischer Korrektheit, feministischer und katholischer Moralvorstellungen und am Rande des guten Geschmacks. Auch das gehört dazu.
“We were born in 2001 in the context of a squat with the aim of informing politics and communication with “plasure”, “sexuality” and that beautiful and revolutionary energy they have. Sexyshock is the first sexy shop managed by and organized for women in Italy.” (www.ecn.org/sexyshock)

*


„Wer und was stehen hinter dem feministischen Sexshop „Sexyshock“?
„Sexyshock heißt der Laden, der sich 2001 gründete und der sich bis vor kurzem noch in einem besetzten Zentrum der linken Bewegung befand. Ihr Ziel ist es, politisch zu informieren und zu kommunizieren mit den Mitteln der Lust und der Sexualität und deren schöner und revolutionärer Energie. Es ist der erste von Frauen betriebene Sexshop in Italien.“ (www.ecn.org/sexyshock)
Verlassen haben die feministischen Frauen das linke Zentrum in Bologna auch wegen des Mackerverhaltens der männlichen linken Genossen, die ganz und gar unreflektiert Bettys Arbeit ins Lächerliche zogen.

„Die Erfahrung im besetzten Zentrum ist eine besondere, in der Individuen und Gruppen verortet sind und zusammenhalten in einer einzigen politischen Linie und Praxis. Das scheint ein Modell zu sein, das nicht mehr aufrecht zu erhalten ist in Bezug auf die Ethik, und politisch nicht mehr effektiv ist für unsere Vorstellungen und unsere politische Praxis….
In diesem Sinne: ein „Squat“ (besetztes Haus) neigt dazu eine männliche und singuläre Welt darzustellen, sie ist für uns ausdruckslos…
Für Sexyshock ist es nicht der materielle Raum, der das Projekt enthält, sondern es ist das Projekt, das dem Raum eine Form gibt“

(Good Bye Lenin, www.ecn.org/sexyshock).

“The squat’s experience as we have known it is a particular one in which individuals and groups are localized and kept together in a unique political line and practice. This seems to be a model that is not sustainable any more in terms of ethics and politically not efficient for our way of imagining and practising politics. What we are talking about is an exhaustion of this kind of model, because it represents a very identitarian way of conceiving and experiencing politics. It’s characterized by very exclusionary and untalkative practices, unable to inter/act within itself and with the world outside. Above all it seems to us that for these reasons it is absolutely unable to catch the continuous social trasformations and contaminations and to ingenerate tools of participation and interchange”
(www.ecn.org/sexyshock).

Nun suchen die Frauen nach neuen Räumen im Zentrum Bolognas. Sie wollen mit ihrem Projekt unter Leute, Ziel ist Auseinandersetzung und Kommunikation. „Wir machen keine Kunst, wir kommunizieren“, sagte eine Aktivistin vom Kollektiv, das sich Betty nennt.

Blick in das Innere von „Sexyshock“*


Warum Betty:
„Betty hat viele und keine Identitäten und deswegen kann sie nicht repräsentiert werden, sie hat kein Geschlecht, weil sie alle liebt.
Betty hat keine Farbe, weil sie die Mischung liebt (obwohl sie einen besonderen Hang zu rosa hat),
Betty ist mehrsprachig,
Betty ist ein Nomade,
Betty braucht keine Papiere, weil sie das Glück hatte die Angehörige eines Staates zu sein (bis jetzt).“

Bettys politische Aktivitäten, Protest in Pink:
Neben dem Sexshop arbeitet Betty in einem Netzwerk und ist an vielen politischen Aktionen beteiligt. Gerade unter der Regierung Berlusconi sind viele, der schon erkämpften Rechte, wieder beschnitten worden.
Zum Beispiel das Recht auf Prostitution:
Das Gesetz zur Prostitution besteht seit 1958 und besagt, dass Prostitution kein Verbrechen ist. Zuhälterei ist hingegen strafbar.
Seitdem hat Prostitution in Italien, vor allem in den 90er Jahren durch Migration, stark zugenommen, auch die Prostitution Transsexueller.
Die Regierung Berlusconi arbeitet nun darauf hin Prostitution in Rotlichtviertel und Bordelle abzudrängen. Sexarbeiterinnen außerhalb dieser Bereiche werden kriminalisiert. Das bedeutet das Aus für alle Migrantinnen, die als Prostituierte arbeiten, und damit für die meisten Sexarbeiterinnen. Denn die veränderte Situation erfordert finanzielle Mittel zum Beispiel zur Anmietung einer Wohnung in jenem Viertel und damit auch eine gültige Aufenthaltserlaubnis. Beides steht vielen Migrantinnen nicht zur Verfügung.
Zuhältern dagegen schon. Und das ist die lebensnotwendige Konsequenz: Arbeit unter der Kontrolle eines Zuhälters in ständiger Angst vor Kriminalisierung.
Zudem wird Prostitution an den Rand gedrängt und in die Illegalität, weit weg von den Augen der sauberen Gesellschaft.
Mit zahlreichen Protesten und vielfältigen Formen der Aktion wird in Italien dagegen protestiert.
Ein weiterer, aktueller, für das Frauenkollektiv Betty unbestritten wichtiger Punkt, ist das von der italienischen Regierung letzten Februar verabschiedete Gesetz Nummer 40. Es beschneidet die Selbstbestimmung der Frau und die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung. Es erkennt den Status des Embryos als „human“ an und attackiert dadurch das Gesetz zur Legalität von Abtreibungen.
Dazu organisierte unter anderem Betty die „Pink Week“ mit dem Kommentar:
„Zu kämpfen bedeutet nicht immer hart eingreifen. Es kann auch Spaß machen, wenn du mit Pink zusammenprallst. Während dieser Woche lasst uns Pink an den Nägeln, Haaren, Lippen, Kleidern und Tüchern tragen… Für eine rosige Zukunft“
(Pink week, www.ecn.org/sexyshock).

*


Interview mit einer Aktivistin:

Kultura-extra: „SEXY SHOCK“ heißt euer Laden in dem besetzten Zentrum in Bologna.
Betty: Ja, es ist ein feministischer Sexshop, der einzige in Italien.
Was ist das Feministische an diesem Sexshop?
Das ist schwer zu erklären.
Wir haben einerseits Reibungspunkte mit der linken Bewegung, aber auch mit Teilen der feministischen Bewegung. Zum Beispiel nehmen wir den Separatismus. Wir wollen uns nicht von der gemischten Bewegung isolieren, Teile der feministischen Bewegung tun das.
Viele von uns kommen aus der linken Bewegung, auch Hausbesetzerbewegung. Aber die Linke ist nicht frei von Machismo.
Zum Beispiel ist es immer noch so, dass Frauen auf Versammlungen viel weniger reden, und wenn sie etwas sagen, werden sie nicht ernst genommen. Man hört ihnen nicht zu.


*


Ist das auch der Grund, warum ihr euch einen neuen Raum suchen wollt?

An dieser Debatte im besetzten Zentrum hängt sehr viel dran, viele verschiedene Faktoren, man kann es nicht in ein paar wenigen Sätzen erklären.
Der Machismo ist sicher ein Grund, ein anderer ist der, dass wir mit dem Laden ja Geld verdienen, nicht viel, aber wir verkaufen etwas.

Ihr seid ein kapitalistisch arbeitender Laden?
Nein, nicht kapitalistisch, wir sind nicht kommerziell. Aber es fließt zweifellos Geld über den Ladentisch. Das ist ein Problem im Zentrum.
Zum anderen wird unsere Arbeit von den Linken nicht ernst genommen. Sie machen unsere Arbeit lächerlich. Das ist keine Basis für eine gute Zusammenarbeit.

Gibt es theoretische Differenzen?
Wir von dem Kollektiv haben uns mit der Transgenderdebatte entwickelt.
Es gibt keine starren Kategorien, oder Rollenzuschreibungen. Man kann sich nicht selbst definieren.
Eigentlich geht es uns weniger darum uns von anderen abzugrenzen, als eben etwas eigenes zu machen, etwas anderes machen, etwas verbessern. Eine andere Art von politischer Aktion erfinden. Zum Beispiel unter die Leute gehen, mit Hilfe eines Ladens, nicht unter uns bleiben, wie die Linke das tut. Wir wollen uns öffnen, nach draußen gehen, letztendlich wollen wir die Realität zu den Ideen bringen.
Und Sexualität spielt da eine wichtige Rolle. Sexualität ist die „Nullgrad- connection“. Da ist nichts mehr gefiltert, dort spielen sich die Basics der Verbindung ab. Es ist der Ort, an dem alle Sinne zusammenkommen, Sprache, Körper, alles.
Ja, Sex ist, wenn man so will, eine Performance der Laute. Sie bringen die Stimme in ihrer ursprünglichen Sinnlichkeit hervor.
Nein, du reduzierst Sexualität auf den Orgasmus. Das ist eben falsch. Schon eine Berührung mit der Hand hat etwas mit Sexualität zu tun.
In Italien hat körperliche Nähe auch einen anderen Stellenwert.
Ja, wir sprechen auch mit unseren Körpern. In Deutschland ist das anders.

Ist der Verkauf von Sexspielzeug auch eine Provokation gegenüber der Linken Bewegung?

*


Zum Teil, indirekt.
Es ist ja nicht so, dass zum Beispiel unsere Sextoys provozieren, sie sind nur Spielzeug. Der Mensch bringt sie in diesen provokanten Zusammenhang, er provoziert letztendlich sich selbst.
Das ist auch so bei eurer Performance, die ihr uns auf Video gezeigt habt. Zunächst sieht man eine Frau, die mit einem durch die Nässe durchsichtigen Hemd bekleidet sich im aufblasbaren Pool räkelt, später sieht man auch männliche Zuschauer im Pool, ebenso fast nackt. Alle hatten Spaß, aber es war am Rande der Pornografie.
Wir wollen die Leute mit sich selbst konfrontieren. Was geht bei ihnen ab, wenn sie diese Frau im Pool sehen. Und dann werden sie selbst in die Szenerie involviert, beteiligt. So ändern sich dann auch die Verhältnisse der Macht.

Sind diese Arten des Ausdrucks für euch auch eine Sache, die alten überkommenen Formen linken Protestes zu erneuern, wie Demonstrationen, oder Besetzungen?
Nein, Demonstrationen und Besetzungen werden auch nach wie vor wichtig sein, aber wir haben eine andere Form des Ausdrucks gesucht. Wir experimentieren, wollen nach draußen gehen, die Leute mit einbeziehen. Das Problem ist ja nicht die Form, also zum Beispiel eine Besetzung, die Frage ist wie man das dann durchzieht, die Art und Weise.
Sexualität ist nur eine Sache, mit der ihr euch befasst. Welche anderen Punkte sind für euch wichtig?
Zum Beispiel gibt es jetzt in Italien ein Gesetzt, das letztendlich dem ungeborenen Embryo mehr Rechte einräumt als der Frau, die den Embryo in sich trägt. Frauenrechte werden aufs schärfste beschnitten. Wir haben die „Pink Week“ als Woche des Protestes dagegen organisiert.
Wir arbeiten zum Beispiel auch für die Rechte von Prostituierten.
Auch zu Frauen und Technologie.


*


Mit wem arbeitet ihr zusammen?
Wir arbeiten in einem Netzwerk, auch das ist, wie eigentlich alles was wir tun, ständig in Veränderung, in Bewegung.
Also wir machen heute mit der und der Gruppe etwas, morgen für ein anderes Projekt arbeiten wir wieder mit anderen Gruppen.
Wichtig ist, dass wir die Leute mit ihrer Energie nicht allein lassen. Wir geben Raum um die Energie zu nutzen.

Wie reagieren die Leute auf den Laden?
Sehr positiv, Schwule, Lesben, Heteros, die Leute sind sehr interessiert. Es kommen auch oft Frauen rein, die uns Fragen stellen in Bezug auf Sex und Sexualität.
Das ist schwierig, weil wir ja keine Psychologinnen sind. Aber es ist gut, es findet ein Austausch statt. Ich erzähle dann auch von meinen Problemen.
Dann kann es dazu kommen, dass sie sagt, ach, bei dir ist das auch so, und schon haben wir wieder ein Stück Schweigen gebrochen.
Der Laden ist so konstruiert, auch die Sextoys sind eher witzig, vor allem durch die Farben, wir haben viele knallbunte Sachen. Die Atmosphäre ist so, dass die Frauen anfangen zu reden. Eine begann sogar über Masturbation zu reden. Das ist eine wichtige Sache, dass die Frauen über ihre Sexualität reden, was sie eigentlich wollen. Gerade über das Thema weibliche Masturbation wird nur geschwiegen, als wäre es verboten.

Euer Laden wird bald an einem anderen Ort in Bologna sein. Was wird sich ändern?
Wir wollen eine Art Labor schaffen, in dem Leute von draußen selbst kreativ sein können.
Also ich komm dann da rein und bastele mir mein Dildo selbst zusammen?
Das ist die Idealvorstellung.
Da ist eben der Unterschied zwischen uns und der „reinen Kunst“.
Wir sind keine Künstlerinnen, ich arbeite im Radio-, die andere arbeitet als Graphikerin, wieder eine andere arbeitet mit Kindern, wir bezeichnen uns nicht als Künstlerinnen, aber wir wollen auf diese Art kommunizieren.

Was wird ein Dildo kosten?
Zwischen 3 und 7 Euro, maximal 40 Euro. Wir kaufen sie aus einem Laden in London, auch einem von Frauen betriebenen Sexshop.

silke parth - red / Februar 2005
*Alle Bilder sind der Internetseite von Sexyshock entnommen.
Dort stehen auch weitere Informationen zur Verfügung:
www.ecn.org/sexyshock




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