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Museum im Check

SCHLESISCHES

MUSEUM,

KATOWICE


„Zukunft braucht Herkunft“


Der alte Förderturm als augenfälligster Bestandteil des Schlesischen Museums in Kattowitz | Foto: Helga Fitzner


Das Schlesische Museum (Muzeum Śląskie) wurde auf genau dem Zechengelände errichtet, an dem sich früher die Kohlengrube Kattowitz befand, die unweit des Bahnhofs und der Altstadt liegt. Die Idee zu einem schlesischen Museum gab es schon lange, die aber zu keiner dauerhaften Einrichtung führte. Aufgrund von ambitionierten Zielsetzungen sollte Anfang der 2000er Jahre auf dem Bergwerksgelände eine Kulturzone errichtet werden, die den Neubau einer Konzerthalle, eines Kongresszentrums und des Museums einschlossen. Das Grazer Architektenbüro Riegler Riewe gewann damals die Ausschreibung für das Museum, weil sie in ihren Plänen die alte Grube einbezogen. Ein Teil der Ausstellung befindet sich 14 Meter unter Tage, aber durch die gläserne Struktur des Gebäudes kann Tageslicht einfließen, was auch symbolisch ist für die beabsichtigte Transparenz der dargestellten Geschichte.

Bei der Planung und mittlerweile erfolgten Erbauung der Kulturzone wollte man sich der „schwarzen“ Vergangenheit stellen, die mit der Kohle und der Verschmutzung einherging. Sie sollte nicht einfach kaschiert werden, sondern Teil der Geschichte und des Selbstverständnisses der Region sein. Heute soll sich alles in Richtung „grün“ bewegen, und die Stadt und die Luft sind wesentlich sauberer als noch vor 10 Jahren. Der alte Förderturm [s. Foto o. re.] wurde restauriert und bewusst als Teil der Silhouette der Stadt erhalten, und er dient als Aussichtsplattform, die bequem mit einem Aufzug zu erreichen ist. Die Eröffnung des Hauptgebäudes wurde 2015 gefeiert.

Die Bodenschätze in Oberschlesien haben schon sehr früh Begehrlichkeiten geweckt, und da das heutige Katowice im Zentrum dieser Metropolregion liegt, hat es eine entsprechende Entwicklung durchgemacht. Zu einem gewaltigen Umbruch kam es, als Ende des 18. Jahrhunderts die erste Dampfmaschine eingeführt wurde und dort die industrielle Revolution auslöste. Das Dorf gewann zunehmend an Bedeutung, vor allem nach dem Bau einer Eisenbahnstrecke im Jahr 1846. Kattowitz wuchs rasant und erhielt 1865 die Stadtrechte. Mit dem Steinkohleabbau ging die Stahlindustrie einher, die Unmengen an Kohle benötigte und ebenfalls für große Umweltschäden verantwortlich war, namentlich für die Luftverschmutzung. Nach der Wende 1989 ging die Industrie immer weiter zurück, und 1996 wurde die Steinkohlengrube „Katowice“ geschlossen. Die Polen hatten die lang ersehnte Unabhängigkeit erreicht, aber ein sehr schweres Erbe anzutreten.



Panoramablick auf das schlesische Museum | Foto: Helga Fitzner


Der Pfad, dem die BesucherInnen in einem labyrinth-ähnlichen Gang folgen, ist von der Historie vorgegeben und veranschaulicht den Wandel der Zeiten und Menschen unterschiedlicher Herkunft, die meist als Arbeitskräfte gekommen waren. Es gab Handel, Handwerk und Landwirtschaft, aber die Bergbauindustrie stand im Mittelpunkt. Die Exponate dokumentieren die Frühzeit bis zur Wende 1989. Besonders authentisch ist der Eingangsbereich gestaltet, der einen symbolischen Bergwerksbesuch nachahmt. Der alte Mineneingang wurde nachgebaut, ein rotes Schild ist noch original erhalten, und zu Beginn läuft ein Film in Lebensgröße, bei dem Arbeiter ihre Karten abstempeln.



Der Eingangsbereich wirkt fast lebensecht | Foto: Helga Fitzner


Direkt anschließend folgt der Raum, in dem die Kumpels ihre Arbeitskleidung an Ketten unterhalb der Decke aufhängten. Das Areal ist in 19 Teilbereiche gegliedert, danach geht es chronologisch weiter: Da sind die Adeligen, die mit den Minen mächtig viel Geld verdienten, Dokumente der Lebensumstände der Menschen, der Erste Weltkrieg, die Schlesischen Aufstände in den 1920er Jahren, der Zweite Weltkrieg unter deutscher Besatzung, die Nachkriegszeit unter sowjetischer Okkupation. Das Erwachen des polnischen Nationalbewusstseins war nicht zu unterbinden und zeigt sich u.a. an den Aktivitäten der Arbeiterbewegung Solidarność und dem Ende der Sowjetherrschaft. Damit endet der unterirdische Teil der Hauptausstellung, aber es gibt noch eine Schreinerwerkstatt, Schmiede, ein Badehaus und weitere Sehenswürdigkeiten teilweise in Nebengebäuden. Die Dampfmaschine und das entsprechende Gebäude befinden sich noch in der Restauration und werden geschätzt im Jahr 2021 präsentiert werden können.



Der Förderturm mit der Aussichtsplattform ist fertig, doch einige Nebengebäude sowie die Dampfmaschine befinden sich noch in der Restauration | Foto: Helga Fitzner


Das Museum will ein Spiegel der drei traditionellen Grundwerte sein, die für die Schlesier von Bedeutung waren: Arbeit, Familie und Gott. Die Arbeit ist untertage, das Familienleben spielt sich auf der Erde ab, und Gott steht für eine Vision vom Himmel. Eine Dauerausstellung mit Gemälden aus der Nachkriegszeit sowie temporäre Installationen ergänzen die Hauptausstellung. Mit diesem Gesamtkonzept will man der Komplexität des Themas Rechnung tragen. Die Geschichte soll so authentisch wie möglich gezeigt werden, denn es gibt/gab etliche Ideologien, Ethnien und religiöse Ansichten, die manchmal in Oberschlesien vereint waren, es manchmal aber auch zu einem Pulverfass machten. Davon soll wahrheitsgemäß berichtet worden sein, wobei der ein oder andere Kritiker allerdings Diskussionsbedarf sieht. Der Schwerpunkt liegt auf Wissensvermittlung, denn jeder hat seine eigene Sichtweise, die von seiner Vergangenheit und Herkunft geprägt ist. Hier ist ein Ort entstanden, an dem auch kontroverse Meinungen debattiert werden können.

Die nächste größere Installation ist bereits in Vorbereitung: Familien in Oberschlesien von Juni 2020 bis Januar 2021. Aus heutiger Sicht lassen Familien unterschiedlicher Herkunft einen Rückblick auf die Vergangenheit zu, die mit persönlichen Unterlagen und Erinnerungsstücken illustriert werden soll. Hier werden Polen, Juden, Deutsche, Mährer und Tschechen mit ihren Lebenskonzepten und Schicksalen dargestellt. Es soll ein erweiterter Blickwinkel entstehen, indem die Geschichte, auch die der anderen, greifbar gemacht wird, was ja auch für das Gesamtkonzept des Museums gelten soll. Denn Schlesien war eine Grenzregion, war z.B. mährisch, preußisch, polnisch, deutsch. Hier werden Vergangenheit und Gegenwart aufgearbeitet und miteinander verwoben, sodass Zukünftigkeit entstehen kann. Das ist eine schwere Aufgabe, weil hier viele Ansichten aufeinander prallen. Doch „Zukunft braucht Herkunft“ befand schon der aus Pommern stammende Philosoph Odo Marquard.

Helga Fitzner - 1. September 2018
ID 10880
Praktische Tipps:

Das Schlesische Museum ist barrierefrei, aber weil es sehr groß ist, wäre flaches Schuhwerk günstig. Insbesondere Ältere oder Behinderte sollen sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten, da die Hauptausstellung als Labyrinth angelegt ist. Behinderten- und Busparkparkplätze sind nahe am Museum gelegen. Auf Voranmeldung kann auch ein Gebärdendolmetscher gestellt werden. Ein Bistro sowie ein Restaurant laden zum Verweilen ein. Die gesamte Kulturzone ist ein großer und einladender Komplex.


Weitere Infos siehe auch: https://muzeumslaskie.pl/de/


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