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Feuilleton


13. Januar bis 21. Februar 2010
Im Grand Palais, Paris

Monumenta 2010
Christian Boltanski
„Personnes“



Im Herzen von Paris steht das Grand Palais, ein beeindruckendes und typisches Bauwerk aus der Belle Époque, das 1900 im Zuge der damaligen Weltausstellung gebaut wurde. Seit vier Jahren beherbergt es die Monumenta, bei der sich ein bedeutender Gegenwartskünstler der Herausforderung stellt, auf dem über 13.000 m² langen Hauptschiff des Gebäudes eine Ausstellung auszurichten. 2007 und 2008 haben das Anselm Kiefer und Richard Serra erfolgreich geschafft, in diesem Jahr hat sich Christian Boltanski ans Werk gemacht. Boltanski ist der Sohn eines Ukrainers und einer Korsin. Er wurde 1944 geboren, als sich sein jüdischer Vater im von den deutschen Nationalsozialisten besetzten Paris verstecken musste. Boltanskis Arbeiten gelten als stark von der Shoa geprägt. Sie kreisen um Themen, wie Tod, Vergangenheit und Verschwinden.


Boltanskis Installation zur Monumenta 2010


Gleich hinter dem Eingang stößt man auf eine Wand aus rechteckigen, verrosteten Blechbehältern, die eine Nummerierung aufweisen, bei der aber kein System zu erkennen ist. Um den Ausstellungssaal zu betreten, muss man sich entscheiden, ob man die Halle von rechts oder von links betritt. Die Ausstellung besteht aus mit rostigen Pfählen abgesteckten, symmetrischen Feldern, die mit gebrauchten Kleidungsstücken ausgelegt sind. Des weiteren gibt es einen großen Kran mit der Eisenkralle, der aus einem Berg mit Kleidung willkürlich Kleidung greift, sie hochhebt und wieder fallen lässt. Die Ausstellungsbesucher befinden sich mitten in dieser Installation, können sich nicht von ihr distanzieren. Die Heizungen sind bewusst ausgeschaltet, die Dachkonstruktion aus Glas und Stahl lässt in den Wintermonaten keine nennenswerte Erwärmung zu. Hinzu kommen die Geräusche aus 200 Lautsprechern. Es sind aufgezeichnete Herzschläge, die gleichzeitig abgespielt eine unangenehme Geräuschkulisse liefern. Die Neonlampen, die über jedem Feld hängen, verleihen der Szenerie zusätzliche Kälte.


Boltanskis Arm Gottes


Die Installation heißt „Personnes“, ein Wortspiel mit dem Plural von „Person“ und dem französischen Wort für Niemand. Zwischen diesen beiden Polen von Sein und Verschwunden-Sein spielt die Ausstellung. „Eine Fotografie von jemandem, alte Kleidung, ein toter Körper, und nun, die Herzschläge, sind alles das selbe,“ meint Boltanski in einem Interview für Artpress. „Es sind Objekte, die für ein abwesendes Subjekt stehen. In der Kleidung mag noch der Geruch, die Spur einer Person hängen, aber nicht die Person selbst... Es geht mir nicht darum, die Präsenz zu zeigen, sondern die Abwesenheit. Mein ganzes Leben lang habe ich immer Beweismaterial angehäuft, um Dinge vor ihrem Verschwinden zu bewahren, und am Ende habe ich dadurch ihr Verschwinden und die Vision dieses Verlustes erhöht.“ Mit den unwirtlichen Rahmenbedingungen, wie Lärm und Kälte, gelingt Boltanski eine dramatische und sehr physische Form des Kunsterlebens. Wenn man bedenkt, dass die rund 200.000 Kleidungsstücke einmal von Menschen getragen wurden, bringt das diese Personen wieder in die Erinnerung zurück. Schemenhaft, anonym. Boltanski will eine emotionale Reaktion auf seine Kunst. Wenn er das erreicht, ist er zufrieden. Er will keinen distanzierten Besucher, der sich unbeteiligt vor ein Exponat stellt und lehnt die Idee ab, dass Kunst isoliert vom Rest der Welt stattfindet. Für ihn ist es nicht die Aufgabe des Besuchers, das Werk zu „erkennen“, das Werk hat sich jedem zu erkennen zu geben, der es anschaut. Boltanski will keine abgehobenen und käuflichen Meisterwerke schaffen. Die Ausstellung wird nach ihrem Ende abgebaut und die Kleidung und Pfähle werden recycelt.
Der Besucher steht nun mitten in dieser riesigen abweisenden Halle und ist gezwungen, sich mit dem, was das mit ihm macht, auseinander zu setzen. Betrachter mit etwas Geschichtsbewusstsein mögen am versperrten Eingang die Selektionsrampen der Konzentrationslager erkennen. Die symmetrischen Felder entsprechen den Baracken der Häftlinge, der riesige Kran mit der Kralle jener Gerätschaft, das in den KZs zur Beseitigung der Leichenberge eingesetzt wurde. „Arm Gottes“ nennt ihn Boltanski. Für ihn zeigt er die Willkürlichkeit des Sterbens oder Überlebens, die für ihn zufällig ist, so zufällig, wie die Ameise, die unbemerkt zertreten wird oder auch nicht. Auf die Idee dazu brachten ihn aber die Glaskästen mit Spielzeug in Shoppingcentern, die man sich mit einem Kran fischen kann.

Trotz der inszenierten Trostlosigkeit geht es auch oder vielleicht vor allem um Erinnerung, um Bewahren, um Identität und Glauben. Möglicherweise ist es nicht Boltanskis Intention gewesen, aber er hat symbolisch den KZ-Häftlingen die Kleidung wiedergegeben. Kleidung, die sie als Individuen kennzeichnet, die ihnen mit dem Drillichzeug genommen wurde. So dröhnend die Herzschläge auch klingen mögen, auch sie bringen ein Stück Leben, ein Stück Identität zurück.

Im Gegensatz zur Kleidung werden die Herzschläge bewahrt. Boltanskis derzeitiges Projekt ist eine Datenbank von Herzschlägen, die auf der abgelegenen japanischen Insel Teshima archiviert werden. Im Lauf der Jahre und Jahrzehnte werden so Herzschläge bewahrt, wenn der betreffende Mensch längst gestorben ist. Boltanski ist es gelungen, den Schrecken der Vernichtung erfahrbar zu machen, in der zarten Hoffnung, vielleicht präventiv zu wirken.


Christian Boltanski vor dem Kleiderberg


Kurzporträt
Christian Boltanski, geb. am 06.09.1944 in Paris. In den 60-er Jahren bringt Boltanski sich selbst das Malen bei und schreibt ein Buch mit dem Titel: „Recherche und Präsentation von allem, was von meiner Kindheit noch geblieben ist“. Seine Kunst ist bewusst von der Shoa geprägt, was er in seinen Folgewerken weiter entwickelt. Er verwendet dabei oft Gegenstände bereits verstorbener Personen. 1972 stellt er bei der Documenta 5 in Kassel in der Abteilung „Individuelle Mythologien“ aus und ist auch 1977 und 1987 dort als Künstler vertreten. Seinem Thema bleibt er auch in den 90-er Jahren treu, als er im Neubau der Berliner Akademie der Künste eine ständige Rauminstallation entwirft. Bei der Ruhrtriennale 2005 leitet er zusammen mit Andrea Breth und Jean Kalman das Projekt „Nächte unter Tage“. 2006 erhält er den „Nobelpreis der Künste“, den Praemium Imperiale in der Sparte Skulptur. 2008 beginnt er das Projekt „Les archives du coeur“, für das er rund um den Globus Herzschläge aufzeichnet und archiviert. Sein Werk ist von der Endlichkeit des Seins und dem Einsatz gegen das Vergessen und Vergessen-Werden getragen.


Helga Fitzner red / 18. Januar 2010
ID 4529

Weitere Infos siehe auch: http://www.monumenta.com/2010/





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