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Feuilleton


London, vom 15. März bis 13. Juli 2008

China Design Now

Ausstellung im Victoria & Albert Museum, London


Ausstellungsplakat
Copyright John Ross


China erwacht nicht nur zunehmend zu einer riesigen Wirtschaftsmacht, sondern auch zu einer „Kreativ-Macht“ in allen Bereichen des Designs, seien es Grafiken, Mode oder Städtebau, um nur einige wenige zu nennen. Bekanntlich ist das Reich der Mitte unendlich groß und die in China ansässigen Völker stellen mit weit über einer Milliarde Menschen ein Fünftel der Weltbevölkerung dar: Entsprechend groß sind die Dimensionen und Auswirkungen der Impulse, die heute aus China kommen. Die Ausstellung „China Design Now“ vermittelt einen faszinierenden Eindruck vom kreativen Potential der chinesischen Künstler. Die wollen sich von dem Begriff „Made in China“ lösen, der ein Synonym für China als Billiglohnland und Plagiatkunst ist und sich ihren Platz in der globalen Kunstszene und auf dem globalen Kunstmarkt erobern. Wie weit sie auf diesem Weg schon fortgeschritten sind, dokumentiert diese Ausstellung. Die Begriffe „Designed in China“ oder sogar „Innovated in China“ werden künftig wohl ins Glossar der Kunstszene aufgenommen werden.

Zhang Hongxing und Lauren Parker haben als Kuratoren die Ausstellung vier Jahre lang vorbereitet. In dieser Zeit dürften sie mehrfach von aktuellen Entwicklungen in China eingeholt worden sein. Die Vorbereitungen auf die Olympischen Sommerspiele 2008 haben einen unvorstellbaren Bauboom ausgelöst. Die Projekte nehmen allmählich Gestalt an. China will sich der Weltöffentlichkeit von seiner besten Seite zeigen. Die Menschenrechtslage und derzeitigen Militäreinsätze in Tibet stehen dem allerdings entgegen. Ein Grund mehr, sich mit einem Land zu beschäftigen, dessen wirtschaftlicher und kultureller Einfluss auf das bisherige globale Wirtschafts- und Kulturgefüge rasant zunimmt. Und diese Entwicklung steht erst am Anfang.


Shanghai Dream City


In drei Räumen werden die Besucher nicht nur auf eine geografische Reise mitgenommen, sondern auch auf eine kleine Reise durch die Zeit. Dort sind über 200 Werke von 100 verschiedenen Künstlern installiert. Ausgefeilte Lichtinstallationen erschaffen „elektrische Landschaften mit Neonlicht“, so Lauren Parker. „Der erste Raum zeigt die Abendstimmung in Shenzhen, der zweite das glitzernde Shanghai bei Nacht, und zum Schluss sehen wir die Hauptstadt Beijing bei Tagesanbruch“. Bis fast an die Decke reichende Turmstrukturen symbolisieren dabei die Vertikalität der Großstädte. Wie in den Hochhausschluchten der Metropolen weltweit wirkt der Mensch klein und als Teil eines größeren Gesamtgefüges.

Als 1949 die kommunistische Volksrepublik China unter Mao Tse-Tung gegründet wurde, begannen tiefgreifende Veränderungen im Leben der Menschen. Die Jahrtausende alte Feudalgesellschaft sollte abgeschafft und modernisiert werden. Im Zuge der Landreform wurde Privatbesitz enteignet und eine Wirtschaftsreform nach dem Vorbild der Sowjetunion durchgeführt, maßgeblich nach dem Fünf-Jahres-Plan. Der Staat bestimmte den Aufenthaltsort der Menschen, was verhinderte, dass die Landbevölkerung in die Städte abwanderte. Höhepunkt dieser Umwandlung war ab 1966 die sogenannte Kulturrevolution. Die war de facto die staatliche Abschaffung der traditionellen chinesischen Kultur und die Zerschlagung der künstlerischen und intellektuellen Elite. Die „Kulturrevolution“ endete 1976 mit dem Tod Maos. An der Armut und Verelendung der Bevölkerung hat sich in seiner Zeit nichts geändert. Als 1977 Deng Xiaoping an die Macht kam, fing er mit vorsichtigen, kontrollierten Reformen an. Die Öffnung Chinas nahm ihren Anfang.

Der erste Raum - Shenzhen - Frontier City

Im Jahr 1979 ernannte Deng Xioaping Shenzhen zur ersten Sonderwirtschaftszone, in der andere Wirtschaftsstrukturen als die kommunistische ausprobiert werden konnten. Der Titel „Frontier City“ bezieht sich auf die damalige „Grenze“, die unmittelbare Nachbarschaft zu Hongkong. Zum anderen steht das Wort „Frontier“ figurativ für „neue Ziele“. Ab 1992 setzte in der ganzen Republik eine marktorientiertere Wirtschaftspolitik ein. Von einem Ort mit rund 20.000 Einwohnern entwickelte sich Shenzhen in diesen Jahren zu einer 12- Millionen-Metropole und wurde zum Zentrum des grafischen Designs. Unter Mao hatte es nicht einmal ein chinesisches Wort für „Designer“ gegeben. Die Hersteller der staatlich gelenkten Propaganda-Kunst wurden schlicht „Kunstarbeiter“ genannt. Da China aber in der Ära nach Mao seine Güter auf dem Weltmarkt umsetzen wollte, mussten ansprechende Verpackungen und Produktwerbung kreiert werden. Dafür wurde zunehmend auch die Kunstfotografie in Anspruch genommen. Bis Mitte der 90-Jahre war Shenzhen führend. Heute hat sich die Propaganda auf die elektronischen Medien verlagert.


Plakat zur ersten Grafikausstellung in China 1992 von Chen Shaohua


Die Ausstellung beginnt, als Shenzhen sich noch auf dem Höhepunkt befand. 1992 wurde dort die erste bedeutende Design-Ausstellung eröffnet. Diese ging sogar mit einem Wettbewerb einher. Das Plakat zur Ausstellung von Chen Shaohua zeigt sehr augenscheinlich den Status quo der Kunst seinerzeit und gilt bedingt heute noch. Ein schwarzes, uniformes Hosenbein und ein buntes, gestyltes Bein umschlingen einander.

In Shenzhen siedelten sich besonders viele junge Künstler an. Die durften sich über Trends in Hongkong, anderen asiatischen Ländern und selbst in westlichen Ländern informieren. Sie haben die aber nicht kopiert, sondern diese Anregungen zu eigenständigen Designs verarbeitet. So gibt es Verwebungen der westlichen Typografie mit den Piktogrammen der chinesischen Schriftzeichen. Auch Einflüsse der traditionellen Kunst der Kalligrafie sind erkennbar.

Das Durchschnittsalter in Shenzhen beträgt 27 Jahre. Deshalb spiegeln die Werke der Design-Pioniere meist die urbane Jugendkultur wider. Da diese sich nicht nur auf Grafik beschränkt, drückt sich die Jugendkultur auch in Form von Mode, Musik, bildender Kunst und der Nutzung des Internets aus. Der Internetzugang ist durch die „Chinesische Firewall“ allerdings staatlich eingeschränkt.


Der zweite Raum – Shanghai - Dream City

Im zweiten Raum finden wir das „nächtliche“ Shanghai im Glanz der Neonlichter. Tatsächlich ist der Raum bis auf das künstliche Licht dunkel gehalten. Das kommt den Monitorinstallationen entgegen. In Shanghai wurde 1913 der erste chinesische Spielfilm „Das schwierige Paar“ gedreht. Seitdem ist Shanghai die Filmmetropole Chinas. Auf einem der Monitore kann man den Film „In the Mood For Love“ des Kultregisseurs Wong Kar-Wai aus dem Jahr 2000 sehen, (sei neuester Film „Blueberry Nights“ läuft zur Zeit in den Kinos). „In the Mood For Love“ spielt im damals noch zu Großbritannien gehörenden Hongkong der 60-er Jahre. Die Kostüme in dem Film lösten in China einen Modeboom aus. Die Hauptdarstellerin Maggie Cheung ist nicht nur eine bekannte Schauspielerin, sie ist auch eine Mode-Ikone und arbeitet als Model.

Die ersten Modemagazine fanden reißenden Absatz. „Die Chinesen sind hungrig, mehr zu erfahren“, schreibt Lauren Parker. „Die erste Ausgabe von ‚Vogue China’ erschien im August 2005 in einer Auflage von 300.000 Exemplaren. Die waren innerhalb von fünf Tagen ausverkauft.“ Das war ein großer Erfolg für die Herausgeberin Angelica Cheung, die mit diesem Magazin ganz bewusst Träume schaffen will als Gegenstück zur Tristesse des Alltags. Andere Magazine wie die chinesischen Versionen von “Elle“, „Marie Claire“ und “Cosmopolitan“ erweitern ebenfalls die Bandbreite von Publikationen. Mit dem Cover „Preference“ für das Vision Magazine vom Februar 2004 hat Chen Man ein treffendes Bild für das China der Neuzeit geschaffen. Modern, technisch versiert und perfekt gestylt. Der Mensch dahinter aber erscheint mit zugeschnürtem Hals in eine Glaskugel gezwängt. Der stumme Schmerz, der in diesem Bild zum Ausdruck kommt, ist einer der Aspekte Chinas, die wir in den Nachrichten nicht zu sehen bekommen.


Cover Vision Magazine Februar 2004 von Chen Man


Der Raum mit dem Titel Dream City zeigt neben den cineastischen Träumen und der Mode auch Möbel- und technisches Design als Ausdruck des Traums von einer Konsumgesellschaft. In China hat sich seit den 80-er Jahren langsam eine Mittelschicht gebildet. Die beträgt heute zwar nur 15 %, aber angesichts der hohen Gesamtbevölkerung sind das immerhin fast zwei Millionen Menschen. Dazu kommt eine Oberschicht von 5 %. Die Mittelschicht hat wirtschaftliche Bedürfnisse, die sich von den Menschen in der westlichen Hemisphäre kaum unterscheiden. Wohnungen mit repräsentativer Einrichtung, Autos, Handys, Internet. Dies ist der Teil der Bevölkerung, der sich das zunehmend leisten kann. Im Gegensatz zur abendländischen Entwicklung ist diese Mittelschicht in einem starken Wachstum begriffen.

Shanghai schickt sich an, zu einem weiteren globalen Modezentrum zu werden, zusammen mit New York, London, Mailand, Paris und Tokio. Die Zukunft sieht recht rosig aus, denn 2010 wird in Shanghai die nächste Weltausstellung stattfinden.


Der dritte Raum – Beijing – Future City

Es war einmal – und in China ist das gar nicht so lange her – dass die Großfamilie ein hohes Ansehen genoss. Während der 1980-er Jahre war es durchaus noch üblich, dass drei Generationen unter einem Dach lebten. Das war im positiven Sinne kommunistisch, weil die vorhandenen Ressourcen mit der Familie geteilt wurden. Mit dem Tod Maos endete das. Die Menschen wurden nicht mehr gezwungen, in ihren Dörfern zu bleiben, und so wanderten sie in zunehmendem Maße in die Großstädte ab, sei es auf der Suche nach Arbeit, der Jagd nach Wohlstand oder auf Geheiß der Regierung. Seit den 1980-er Jahren migrieren jährlich zwischen 12 und 19 Millionen Menschen in die Städte. Das ist die größte und anhaltendste Migration, die je in Friedenszeiten stattgefunden hat und stattfindet. 530 Millionen Chinesen leben heute in Städten, rund 40 %.

Das stellt die Metropolen vor vielfältige Herausforderungen, darunter Wohnungsbau, Verkehr, Versorgung, Logistik und Umweltbelastung. Die Baumaßnahmen dort haben gigantische Ausmaße angenommen. Im dritten Raum simuliert eine Wide-Screen-Animation einen Flug durch das künftige Beijing: Da ist das neue Flughafenterminal zu sehen, das im Februar 2008 schon eingeweiht wurde, und das Olympische Stadion „Vogelnest“, das die Schweizer Architekten Herzog und de Meuron in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Konzeptkünstler Ai Wei-Wei entwickelt haben. Das neue Technische Zentrum sieht aus wie ein gigantischer Computerchip und stammt aus dem Pekinger Studio Pei-Zhu. Das auffälligste Gebäude im neuen Beijing wird das Fernseh-Center CCTV. Das ist das neue Zuhause des Staatlichen Rundfunks und ganz klar als politisches Machtsymbol konzipiert. Es wurde vom OMA, dem Office of Metropolitan Architecture in Rotterdam entworfen. Im Ganzen zeigt die Animation eine beeindruckende Vision, die bis Sommer 2008 Realität werden soll.


Das Olympische Stadium Vogelnest im Rohbau


Als im Jahr 2002 der Aktionsplan für Beijing in Vorbereitung auf die Olympiade veröffentlich wurde, hieß es, dass man der Welt das neue Gesicht Chinas zeigen wolle, wie es nach der Öffnung und den durchgeführten Reformen aussähe. Man wollte nach den Prinzipien „Grün“ für Umwelt, „Wissenschaft und Technologie“ sowie „Humanismus“ bauen. Das Umweltbewusstsein äußert sich in groß angelegten Grüngürteln zwischen den Stadtregionen. Die neuesten Technologien äußern sich in Schwebebahnen und neuester Baukunst. Der Humanismus...?!? Interessanterweise sind auf der Wide-Screen-Animation keine Menschen zu sehen. In dem ansonsten umfangreichen und anspruchsvollen Katalog befinden sich auch keine Portraits der Künstler und Künstlerinnen...

Wenn die Olympischen Spiele stattfinden, werden sie von schätzungsweise 400 Millionen Menschen gesehen. Die Augen der Weltöffentlichkeit werden auf China ruhen. Die Ausstellung „China Design Now“ zeigt deutlich das kreative Potential des Landes und auch die Größenordnungen, mit denen wir hier jonglieren müssen, kulturell und politisch. Die Entwicklungen erscheinen wie durch eine riesige Lupe vergrößert, nur dass das in China die Originalgröße ist. Da sich, nicht zuletzt durch die Globalisierung, unsere Kunst meist in hybriden, also in Mischformen, ausdrückt, wird China entscheidende, vielleicht sogar neue Impulse setzen. Aus dem kulturellen Vakuum der „Kulturrevolution“ heraus scheint ein sehr großes Bedürfnis nach künstlerischem Ausdruck entstanden zu sein, das sich kaum mehr bremsen lassen wird. Die Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen und Künste ist in einigen der Artefakte bzw. Baupläne durchaus noch zu finden. Ovale Gebäude und geschwungene Straßen ermöglichen einen ungehinderten Chi-Fluss und könnten durchaus auf der Wissenschaft der chinesischen Geomantie, dem Feng Shui beruhen. Auch harmonisch in die Landschaft eingebettete Bauten zeugen von einer ganzheitlichen Weltsicht. Andere Bauten, wie das CCTV ragen eher willkürlich, reißerisch und durchaus imposant in die Höhe. Der Spagat zwischen Tradition und Moderne sowie Öffnung und Machtanspruch stellt die Volksrepublik vor eine Zerreißprobe, die auch Auswirkungen auf das globale Dorf hat.


Helga Fitzner, 24. März 2008
ID 00000003759
China Design Now
Herausgegeben von Zhang Hongxing und Lauren Parker
Victoria & Albert Museum
V & A Publishing, London 2008
ISBN 978 1851 7753 16

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