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Liebe ohne Glauben - eine Lübecker Ausstellung und Publikation widmet sich der ambivalenten Haltung Thomas Manns zu Richard Wagner


Abb. re. - Buchcover Liebe ohne Glauben: Thomas Mann und Richard Wagner. Buddenbrookhaus-Katalog / ISBN: 978-3-8353-0965-4


„5 Uhr Prinzregenten-Theater: Parsifal, mit Bertram und Glöckner, centrale Plätze. Sehr starker Eindruck: Rührung, Bewunderung und das gewohnte interessierte Mißtrauen. Nie war ein Kunstwerk so sehr naives Künstlerwerk, Produkt aus sakralem Willen, schlimmer Wollust und sicherstem Können, das als Weisheit wirkt. Die Krankheitssphäre: ‚Rettungslos zu Hause‘ fühlte ich mich darin, sagte ich zu Bertram. Worauf wir beide wie aus einem Munde: ‚Es ist eben der Zauberberg‘.“ - Dieser Münchener Eintrag in den Tagebüchern Thomas Manns (1875-1955) vom 19.9.1919 charakterisiert aufs Trefflichste den ungewöhnlich intensiven und ambivalenten Einfluss von Wagners Leben und Werk auf den hanseatischen Schriftsteller, die diesen zeitlebens umgetrieben hat und derzeit eine Sonderausstellung im Lübecker „Buddenbrookhaus“ gewidmet ist.

Der Titel Liebe ohne Glauben entstammt einer sehr frühen Beschreibung Thomas Manns über seine Einstellung gegenüber Wagner (1813-1883): „Meine Liebe zu ihm war eine Liebe ohne den Glauben – denn stets schien es mir pedantisch, nicht lieben zu können, ohne zu glauben. Es war ein Verhältnis – skeptisch, pessimistisch, hellseherisch, fast gehässig, dabei durchaus leidenschaftlich und von unbeschreiblichem Lebensreiz.“

Diese 1911 formulierte Passage in Auseinandersetzung mit Wagner hätte Mann so ähnlich indes auch in späteren Lebensjahren schreiben können, da er 1949 bekannte, seine „Redeweise über Wagner“ nichts mit „Chronologie und Entwicklung“ zu tun habe: „Es ist und bleibt ambivalent, und ich kann heute so über ihn schreiben und morgen so“ – wenngleich eine Akzentverschiebung vom „lobpreisend-gehobenste“ hin ins „kritisch-skeptische“ nicht zu übersehen ist.

Die Lübecker Ausstellung versucht, dieser Ambivalenz-Konstante durch eine halbwegs offene Anordnung der Exponate gerecht zu werden, die gleichwohl chronologisch in fünf Lebensstationen aufgeteilt sind. Unter anderem wird dokumentiert, wie Thomas Manns Nietzsche-Rezeption den Blick auf Wagner entscheidend (vor-)prägte und wie er dem Wagner-Kult in München und dem subjektiv gefärbten Wagnerismus im Hause seiner Schwiegereltern Pringsheim begegnete. Erstmals sind Originalexponate aus dem Richard-Wagner-Museum / Haus Wahnfried an einem anderen Ort als Bayreuth zu sehen, darunter Original-Partituren, Gemälde, Kostüme der Parsifal-Inszenierung, die Thomas Mann 1909 in Bayreuth besucht hat, sowie diverses Bildmaterial und Briefe Wagners, aber auch handschriftliche Notizen zu Wagner-Opern von Friedrich Nietzsche und Thomas Mann.

Deutlich wird, „dass Thomas Mann seiner Wagner-Passion eine erstaunliche literarische Produktivität abgewinnen konnte“, sagen die Kuratoren Holger Pils und Christina Ulrich, die „Mann als Wagner-Interpret ernst nehmen“, aber auch „kritisch hinterfragen“ wollen. Denn das musikalische Werk des Komponisten war für den Musikenthusiasten Mann ein Leben lang Quelle der Verheißung, Stimulans und Inspiration, seit er als Gymnasiast beim Besuch einer Aufführung der Oper Lohengrin 1893 im Lübecker Stadttheater „Stunden voll von Schauern und Wonnen“ verbracht hatte. Die mythisch-zeitlosen Leitthemen der Wagneropern boten dem zwischen deutscher Romantik und europäischer Moderne hin- und hergerissenen Autoren künstlerische Orientierung.

Die besondere Verführungskraft und Wirkung von Wagners Werk voll „zweideutigem Zauber“ auf sein eigenes nannte Thomas Mann „ungeheuer“: Ohne das „Erlebnis der Kunst Richard Wagners“, eines „der großartig fragwürdigsten, vieldeutigen und faszinierendsten Phänomene der schöpferischen Welt“, deren Wirkungsmächtigkeit er nachstrebte, konnte sich Mann sein „geringes Vollbringen“ nicht denken. In zahlreichen Romanen nimmt Mann direkten Bezug auf seine Rezeption von Wagner-Opern, darunter in Felix Krull, Tristan und Wälsungenblut, die Joseph-Tetralogie, Der Zauberberg oder Tod in Venedig. „Wagner wird niemals aufhören, mich zu interessieren, und jede Berührung mit seinem Werk läßt mich die Welt-Unwiderstehlichkeit dieser mächtigen und klugen Kunst verstehen“, hatte Thomas Mann schon früh vermutet – und sollte recht damit behalten.

So sehr Thomas Mann an Wagners Verarbeitung urdeutscher Themen den modernen, „überdeutschen“, kosmopolitischen Ansatz schätzte, so sehr lehnte er die Prosaschriften und die hegemoniale Kunsttheorie Wagners – das Streben nach dem „Gesamtkunstwerk“ – als „hinfällig, lächerlich, kompromittierend“ ab. Wagners kulturgeschichtliche Bedeutung analysierte Thomas Mann in mehreren Artikeln und Essays wie im Versuch über das Theater (1907) oder den und Größe Richard Wagners (1933), dessen hellsichtige Analyse der Stärken, aber auch Schwächen des Lebenswerks Wagners scharfe Proteste von Münchener Musik-Honoratioren nach sich zog. Der Protest der Richard-Wagner-Stadt München im März 1933 besiegelte letztlich Manns Schicksal als politisch Verfemter in Nazideutschland und späterer Exilant: Kurz nach der Machtübernehme durch die Nationalsozialisten galt Wagner als sakrosankt, sodass die SS einen Grund mehr darin sah, den missliebigen Schriftsteller auf die Schwarze Liste von missliebigen Persönlichkeiten zu setzen.

Dabei war Thomas Mann durch die Vermählung mit Katja Pringsheim mit eingeschworenen Wagnerianern sogar verschwägert, was in München u.a. zu der Bekanntschaft mit dem Wagner-Enkel Franz W. Beidler (1901-1981) führte, der Mann in seiner Ablehnung des staatstragenden Wagnerkults bestärkte. Dessen Tochter, also Wagner-Urenkelin Dagny Beidler steuerte für die Ausstellung wertvolle Schriftdokumente aus ihrem Privatbesitz bei. Pikant: Die satirische Abrechnung mit der verkürzt-verzerrten Wagner-Rezeption im Erfolgsroman Der Untertan seines Bruders Heinrich Mann, in welcher der Anti-Held Diederich Heßling – ausgerechnet – bei einer Lohengrin-Aufführung in nationalistische Wallung gerät („Schilde und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner und die deutsche Eiche!“), verletzte den Bruder und lebenslangen Lohengrin-Fan tief. Angesichts von derart „liderlichem politischen Geschwätz“ notierte Thomas Mann 1920 „Haßempfinden“, was die Abneigung zwischen den Brüdern vertiefte, die ein langes Zerwürfnis nach sich zog.

Dabei war die Beschreibung des Bruders vom harschen Urteil nur einige Jahre früher erschienen als Thomas Manns eigene Verurteilung Wagners Ende der 1920er Jahre: „Wieviel Charakterlosigkeit, Perversität, Verrat liegt in der Popularitätssucht, dem Demagogismus, dem Volksschmeichlertum eines Künstlers“, begründet Mann seine Absatzbewegung von Wagner. Das Beispiel zeigt deutlich, dass sich in den Äußerungen über Wagner auch jeweils Manns eigene geistige Verfassung und Lebenssituation wiederspiegeln. Wie verheerend ordinär und aufdringlich der Wagner-Stil ausfallen kann, wenn er gezielt aufs volkstümliche Überwältigungstechnik verkürzt wird, musste Thomas Mann mit der politischen Ausbeutung Wagners durch Adolf Hitler und die Nazis erleben und sah damit seine Vorbehalte bestätigt: „Das Widerliche Wagners, aber freilich nur das, ist bei H. genau wiederzufinden“ und werde „schauerlich bloßgestellt“.

Zwar verteidigte Mann das Werk Wagners vor dem „Schmierenkomödiant“, der es missbrauchte, doch er stellte 1951 auch fest, dass „die süß-heldische Romantik“ Wagners zu viel „latentes und alsbald auch manifestes Nazitum“ in sich berge, „als daß rechtes Vertrauen, Verehrung mit gutem Gewissen, eine Liebe möglich erscheine, die sich ihrer nicht zu schämen braucht“. Es stecke „viel Hitler in Wagner“, lautete Manns zugespitzte Bilanz, die er mit einem trotzigen „Und doch!“ abschloss.

Der Leiter des Züricher Thomas-Mann-Archivs, Thomas Sprecher, kommt zu dem Schluss: „Es gibt keinen Künstler, der eine größere Wirkung auf Thomas Mann gehabt hätte als Richard Wagner, nicht einmal Goethe. Wagner war im Wortsinn eine Wucht, eine allergroßartigste Bedrohung – gegen die ein junger Künstler sich zur Wehr zu setzen hatte“, denn der junge Mann fühlte sich gegenüber Wagners Kompositionen „vollständig wehrlos“. Sprecher weiter: „Die Abwehr geschah mit Argumenten und in einer Sprache, die Mann selbst zu finden hatte. Dabei fasste er das Phänomen Wagner in Worte, die es bis heute zu erhellen helfen, die jedem Hörer einen Kommentar zur Hand geben, die ihn Werk und Person wenn nicht verstehen, so doch, in Zustimmung und Widerspruch, besser fassen lässt.“

Nachzulesen sind diese und andere Texte im umfangreichen Katalog zur Sonderausstellung des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums im Lübecker Buddenbrookhaus, der eigentlich eine – höchst aufschluss- und kenntnisreiche – Sammlung von kulturgeschichtlichen Essays und Texten ist, die in keinem Bücherschrank eines Thomas-Mann- oder Richard-Wagner-Liebhabers fehlen darf. Allein die zusammengetragenen Einträge aus Thomas Manns bislang veröffentlichten Tagebüchern zum Thema Wagner füllen im Ausstellungsbuch zwanzig dichtbedruckte DIN A4-Seiten.

Max-Peter Heyne - red. 19. Juli 2011
ID 00000005292
Buch zur Ausstellung: Liebe ohne Glauben - Thomas Mann und Richard Wagner; herausgegeben von Holger Pils und Christina Ulrich; Wallstein Verlag, Göttingen 2011; Preis: 24,90 €. ISBN: 978-3-8353-0965-4. Zu bestellen über shop@buddenbrookhaus.de (zzgl. Versandkosten)

Die Ausstellung selbst noch bis 25. September im Buddenbrookhaus, Mengstr. 4, Lübeck, Eintritt: 7, ermäßigt 5 €. Zum Begleitprogramm gehören zahlreiche Sonderveranstaltungen wie „Literatur im Gespräch“, thematische Führungen und pädagogische Workshops von und für Kinder und Jugendliche. Informationen: 0451/122 42 40 oder museen@luebeck.de



Siehe auch:
http://www.buddenbrookhaus.de/


Post an Max-Peter Heyne



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