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Noch bis zum 5. Februar 2012, Deichtorhallen Hamburg (Halle für aktuelle Kunst)

WUNDER

Eine inspirierende Hamburger Ausstellung widmet sich einem schwer fassbaren Phänomen von verschieden Seiten


Hamburger Wunder-Plakat - Foto (C) Deichtorhallen


Wunder über Wunder

Was haben ein Reliquienaltar mit zwei Reliquienbündeln von Trierern Märtyrern und mit den Weiheurkunden des Kölner Weihbischofs und Generalvikars von 1682, die mit Heiligen-Motiven versehenen Miniaturbildchen zum Schlucken von 1820, ein Nagelfetisch aus dem Kongo, die verbogene Stahlspitze der von den Nationalsozialisten an der Mecklenburgischen Küste getesteten Rakete V2 und ein Fläschchen voll vermeintlichem Teleplasma, das durch das Medium Oskar Schlag bei einer spiritistischen Sitzung am 10. Februar 1931 in Zürich stattfand, gemeinsam? Sie alle sind von Menschen als Wunder bezeichnet worden – als wundersame Erscheinungen, medizinische und religiöse Wundermittel, Wunderwaffen und Wunder der Technik. Außerdem gehören sie zu den über zweihundert verschiedenen Exponaten einer außergewöhnlich anregenden Sonderausstellung in den Hamburger Deichtorhallen, die sich ihrem Titelbegriff Wunder nicht nur aus religiöser, sondern auch aus naturwissenschaftlich-technischer, kulturhistorischer und – es handelt sich schließlich um eine Kunsthalle – vor allem künstlerischer Perspektive annähert. Im Ergebnis hat sich der Mut der Kuratoren ausgezahlt, die offenbarende, verblüffende, aber auch ambivalente, manchmal täuschende und daher selbst für Theologen bisweilen unbequeme Dimension des Wunders breit aufzufächern.

Als im eigentlichen, theologischen Sinne gültige Wunder-Dokumente können nur wenige Stücke der Hamburger Ausstellung gelten; darunter die von 1813-19 stammenden Leinentücher mit Abdrücken der rätselhaften Wunden an Kopf und Brustbein der seinerzeit seliggesprochenen Dülmener Mystikerin Anna Katharina Emmericks. So weit wie Kurator Daniel Tyradellis das Phänomen Wunder gefasst hat, nämlich als „Öffnung in der Welt – etwas, was das realistisch Erwartbare übersteigt, aus der bekannten, rationalen Ordnung der Dinge fällt und ein Mehr an Möglichkeiten verspricht“, so konsequent heterogen sind die Exponate und Präsentationsformen der interdisziplinären und multimedial konzipierten Ausstellung: Mittelalterliche Darstellungen von heiligen Personen, Orten oder Ereignissen – z.B. das 1650 in Caravaggios Werkstatt entstandene Gemälde Der ungläubige Thomas mit der Darstellung der Verwunderung einiger Zeugen angesichts Christi Auferstehung – finden sich Wand an Wand mit moderner Fotokunst wie z.B. Motiven aus der Serie Evidence, in der die US-Amerikaner Larry Sultan und Mike Mandel anhand surreal anmutender Situationen den per se behaupteten Wahrheitsgehalt fotografischer Abbildungen in Frage stellen.



Neben kultischen Stäben arachischer Kulturen zeigt die Hamburger Ausstellung auch mittelalterliche Zepter von Universitäten, religiöse Insignien, Dirigentenstöcker Daniel Baremboims und andere Zauberstäbe - Foto (C) Max-Peter Heyne

Welche Bezüge zum Wunder-Begriff Kunstwerke wie Kris Martins F.Y.F.F.S.H., der einen abgestürzten (oder aufstrebenden?) Fesselballon zeigt, haben, muss der Besucher assoziativ entschlüsseln - Foto (C) Max-Peter Heyne


Wertfrei, bewusst unsystematisch und daher rivalisierend werden Kunstwerke und Objekte wie ein heilmagnetisches Benediktuskreuz, Seligsprechungsakten, ein mittelalterlicher Prachtkoran, Apokalypse-Flugblätter aus dem 16. Jahrhundert, ein aktuelles Perpetuum Mobile, innovative ‚Wunderstoffe‘ wie Hartgummi, Wunderpillen, Goethes Zauberkasten, eine Laterna Magica, historische Guckkästen mit den sieben Weltwundern, eine Skulptur des Hl. Nikolaus aus dem 16. Jahrhundert, frühmittelalterliche Münzen, eine begehbare ‚Wunderkugel‘ und die 2010 in einer Nebelkammer des Hamburger DESY-Forschungszentrum abgelichtete Strahlung subatomarer Teilchen präsentiert, sodass der Besucher aufgerufen ist, das räumliche Gegenüber und Miteinander von Mystischem und Banalem, Heiligem und Profanem, abstrakter Kunst und massenmedialem Kitsch selbst sinnfällig zu ordnen und eigene Bedeutungshierarchien zu entwickeln.

Um aufzuzeigen, dass Wunder „aus nahezu jeder beliebigen Konstellation sich einstellen und Sinn entfalten können“ und sich ihr besonderer Wert vor allem daraus ergibt, „dass man es glaubt“, haben die Ausstellungsmacher um Daniel Tyradellis sich nicht auf die „legitimierenden und damit potentiell entmündigenden Evidenzen und Hierarchien monotheistischer Religionen, aber auch der Königswissenschaften“ beschränkt. Stattdessen betonen sie durch ihre Auswahl den je nach Betrachter-Standpunkt gültigen „utopischen Gehalt“ der Darstellungen oder der Objekte selbst, verwenden „das Magische als Ausgangs- und Fluchtpunkt“ der Ausstellung. Dass der Glaube an Wunder in unserer rationalisierten und säkularisierten Umwelt verpönt ist, aber im Glauben an wissenschaftliche und technische Leistungen oder überlieferte (Heilige Schriften, Reliquien) und neu kreierte Mythen (Comics, Hollywoodfilme) seine universelle Funktion unter Beweis stellt, illustrieren in der Ausstellung u. a. Wände mit mittelalterlichen Votivbildern, Spielkarten mit Superhelden aus dem Computergame Pokémon und Zuschriften von Zuschauern nach einem Auftritt des umstrittenen Fernsehmagiers Uri Geller. Da Kinder in ihrem Nachahmungsverhalten die „Vorherrschaft konventioneller Sinnzuschreibung“ ignorieren und für Wunder und Zauberei besonders empfänglich sind, wie Nicola Lepp in ihrem Katalog-Essay schreibt, ist ihnen in der Ausstellung ein eigener Parcour gewidmet, eine „Kinderspur“, die Objekte wie z.B. sämtliche Zauberstäbe aus den Harry-Potter-Filmen in einer angemessen kindlichen Perspektive präsentieren.

Die Gegenüberstellung des bereits erwähnten Reliquienaltars mit dem Pokal der Fußball-Weltmeisterschaft von 1954, bei der die deutsche Nationalmannschaft für das Wunder von Bern sorgte und siegte, ist nur einer von vielen provokativen Kontrasten in der offenen Ausstellungsarchitektur von Roger Bundschuh, die dem Betrachter auch im wörtlichen Sinn viel Freiraum für produktive Assoziation – zumal auf ausführliche Beschreibungen in der Schau generell verzichtet wird. Dafür dienen die vielen, oft abstrakten Kunstwerke quasi als Königsweg zur Komplementierung, aber auch Hinterfragung der mimetischen Darstellungsformen, „um mit dem, was sie zur Diskussion stellen, nicht im Keim zu ersticken“. Die bildende Kunst ist schließlich den Umgang mit schwer Darstellbarem gewohnt, verkörpert wie Wunder „eine bessere Welt, ein mehr an Möglichkeiten“ und reflektiert „mal in polemischer, mal in missionarischer Absicht den utopischen Kern von Wundern“, so der Kurator.

In einem Essay zum Ausstellungskatalog, der nicht nur die Ausstellungsobjekte abbildet, sondern die theologischen und kulturhistorischen Aspekte des Wunders in 14 Essays vertiefend analysiert, verweist Tyradellis auf das komplexe rhetorische und politische Verhältnis zwischen Christentum und Bild als Mittel der „Erzeugung und Perpetuierung des Glaubens“. In einem weiteren Aufsatz beschreibt Tyradellis die beiden Pole des gemeinschaftlich erlebten, abendländischen Wunders mit „Pfingsten und Babel“. Mira Frye beschreibt in ihrem Essay Das Wunder in der Katastrophe die Problematik der „deiktischen Evidenz“ von Apokalypsen-Darstellungen auf mittelalterlichen Flugblättern. Erhard Schüttpelz philosophiert spöttisch über die „Folklorisierung des Wunders“ im Verlauf der Kirchenspaltung und Vanessa Offen beschreibt kenntnisreich und für Laien einsichtig die Praxis gegenwärtiger katholischer Heilig- und Seligsprechungen in Der Beweis eines Wunders.


Max-Peter Heyne – 12. Januar 2012
ID 5630
Wunder noch bis 5. Februar 2012 in der Halle für Aktuelle Kunst, Deichtorhallen, Deichtorstr. 1-2, 20095 Hamburg (Nähe Hauptbahnhof), Tel. 040 32103-0, Dienstag bis Sonntag: 11 − 18 Uhr, jeden 1. Donnerstag im Monat 11−21 Uhr (außer an Feiertagen). Eintritt 9 €, ermäßigt 6 €, Kinder unter 18 Jahren frei. Gruppenrabatt mit Voranmeldung

Katalog Wunder, herausgegeben von Daniel Tyradellis, Beate Hentschel und Dirk Luckow. 300 Seiten mit ca. 260 Abbildungen. Snoeck Verlag, Köln. 24, 80 Euro


Weitere Infos siehe auch: http://www.deichtorhallen.de





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