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Noch bis zum 2. Februar 2014 - Stedelijk Museum Amsterdam

KASIMIR MALEWITSCH UND DIE RUSSISCHE AVANTGARDE



Foto (C) Stefan Bock

Kasimir in der Wanne, oder die Umkreisung eines heiligen Quadrats



Wen bereits die periodisch immer mal wieder zu besonderen Kunstanlässen auftretenden Schlangen an Berliner Museen abschrecken, der war noch nicht im Amsterdamer Museumsquartier. Was in Berlin die Museumsinsel mit ihren jährlich weit über zwei Millionen Besuchern ist, ist in Amsterdam der Museumplein. Ein weiter, grüner und leeren Platz, gesäumt von drei nicht ganz unbedeutenden Museen, die zahlreiche Kunstwerke vom Mittelalter, über Renaissance und das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande, bis in die Moderne beherbergen. Alles eine Nummer kleiner zwar als in Berlin, aber in der Länge der Warteschlangen und der Ausdauer der Besucher steht das bezaubernde Grachtenstädtchen an der holländischen Nordseeküste der Spreemetropole in nichts nach. Wer nach Amsterdam fährt, fährt also nicht ausschließlich der Tulpen oder der Coffeeshops wegen. Gefühlt mindestens jeder dritte Tourist reiht sich auch in die langen Schlangen vor dem Rijks- oder Van Gogh Museum ein.

Wem die Zeit oder die Lust zum Anstehen fehlt, hat zumindest noch eine weitere Chance. Am Städtischen Museum der Moderne, dem Stedelijk, sind die Schlangen um einiges kürzer, aber der Raum für Kunstentdeckungen um nichts geringer. Allerdings muss der Amsterdamer Museumsbesucher neben Zeit auch das nötige Kleingeld mitbringen. Eintrittspreise von 15 bis 20 Euro pro Person sind die Norm. Da lohnt sich für echte Kunstverrückte schon der Erwerb einer Jahreskarte für alle niederländischen Museen, die mit knapp 55 Euro (inkl. 4,95 Euro Gebühren) ins Kontor schlägt. Diese Karte verspricht ein Jahr lang freien Eintritt in fast alle niederländischen Museen. Nur Vorsicht, bei einigen größeren Museen, wie auch dem Stedelijk, werden zusätzlich 3 bis 5 Euro für Sonderausstellungen fällig. Aber ab mindestens drei Museumsbesuchen (Amsterdam hat da noch so einiges anderes als nur den Museumplein zu bieten) hat man die Investition schnell wieder drin.





Das Stedelijk in Amsterdam - Foto (C) Stefan Bock


Zurzeit kann man einen Gang ins Amsterdamer Stedelijk nicht nur wegen der kühler werdenden Außentemperaturen sogar wärmstens empfehlen. Im 2012 neu eröffneten Anbau aus Kunststoffharz, der sogenannten „Badewanne“, den die Benthem Crouwel Architekten neben das 1895 im Stil der Neo-Renaissance errichtete Hauptgebäude gestellt haben, wird mal wieder der Ikone der Russischen Avantgarde und dem Begründer des Suprematismus, Kasimir Malewitsch, gehuldigt. Hierzu muss man wissen, dass das Stedelijk Museum über eine der wohl umfangreichsten Sammlungen der Russischen Avantgarde in Europa verfügt, nämlich die des 1996 in den Niederlanden gestorbenen Russen Nikolai Chardschijew, Freund und Dokumentarist der Avantgardisten und Schreiber der ersten Malewitsch-Monografien. Ergänzt werden die Werke aus dem Stedelijk Museum durch Bilder der griechischen Sammlung George Costakis aus dem State Museum of Contemporary Art Thessaloniki. Insgesamt 500 Werke der Russischen Avantgarde - im Zentrum davon allein 300 von Kasimir Malewitsch - sind in dieser großen Schau, die in Zusammenarbeit mit der Ausstellungshalle Bonn und der Tate Modern in London entstanden ist, zu sehen.

Und so kreist dann auch diesmal das gesamte Schaffen des 1879 in Kiew geborenen Künstlers um das eine, wohl immer noch bekannteste Motiv in all seinen Abwandlungen, das schwarze Quadrat auf weißem Grund, die „Ikone der neuen Kunst", wie es Malewitsch selbst bezeichnete. Im ersten Raum der Ausstellung sind an den Mittelwänden einige seiner suprematistischen Bilder der letzten Futuristischen Ausstellung 0.10 vom Dezember 1915 in Petrograd (St. Petersburg) gehängt. Darum gruppieren sich Werke aus den symbolistisch, impressionistisch bis neo-primitivistisch und kubo-futuristisch beeinflussten Phasen des Malers. Dabei fällt neben ein, zwei pointilistischen Gemälden besonders die Nähe zu Cézanne, den farbenfrohen französischen Fauves und den dem Symbolismus nahe stehenden Nabis ins Auge. Warum ich das erwähne? In der Amsterdamer Hermitage ist zurzeit eine Ausstellung mit Werken der Nabis von Gauguin über Bonnard bis Denis zu sehen. Die ansehnliche Privatsammlung des Moskauer Textil-Fabrikanten Ivan Morozow (1871-1921) aus dem bekannten St. Petersburger Kunstmuseum an der Newa gastiert noch bis zum 28. Februar in der kleinen Dependance an der Amstel.




Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, installation view. Photo: Gert Jan van Rooij | http://www.stedelijk.nl



Unbestritten ist, Malewitsch, wie all die anderen russischen Avantgardisten, war von den französischen Malern beeindruckt und natürlich auch von ihrem Werk beeinflusst. Eine andere, viel näher liegende Quelle der Inspiration war aber die russische Ikonenmalerei und religiöse Volkskunst. Es ist z.B. belegt, dass Kandinsky auf Flohmärkten immer wieder nach sogenannten Bauernluboks, volkstümliche Darstellungen von Sagen, Heldenlegenden oder christlichen Motiven, wie dem des Jüngsten Gerichts, suchte und diese als Vorlage für seine Werke nutzte. So auch Malewitsch, der sich in seiner symbolistischen Phase verstärkt religiösen Themen widmete und später patriotische sowie satirische Bilderbögen mit kritischem Inhalt druckte. Sie sind in einem Raum der Ausstellung zu bewundern und vergleichsweise denen anderer russischer Künstler gegenübergestellt. Auch wenn die Bilderreihung der Ausstellung streng chronologisch ausgerichtet ist, hat Malewitsch auch immer wieder in den einzelnen Stilen gewechselt. Treu geblieben ist er dabei nur dem Inhalt seiner Kunst. „Die Welt als Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild.“ Es ist leider nicht explizit erwähnt, man muss da schon etwas genauer hinsehen, oder die entsprechende Literatur bemühen.

Nach seiner symbolistischen und impressionistischen Phase wandte sich Malewitsch zunehmend dem Malen mehrerer Bauernzyklen im Stile des Neo-Primitivismus und Kubo-Futurismus zu, deren Figuren er im Weiteren immer mehr reduzierte. Zu sehen sind z.B. seine eindrucksvoll kubistischen Holzfäller, oder der Schnitter. Daneben hängen Werke anderer russischer Avantgardisten, wie Michail Larionow, Natalija Gontscharowa, Ivan Klyun, El Lissizky und u.a.m. Selbst ein träumerischer Marc Chagall, mit dem Malewitsch im Clinch um die vorherrschende Lehrmeinung an der Kunstschule in Witebsk war, hat sich hierher verirrt. Natürlich dürfen die beiden Maler, mit denen Malewitsch sicher am meisten verband, nicht fehlen. Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky wurden in Europa bekannt, als sie 1911/12 in München die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ gründeten. Ausgehend von der russischen Ikonografie über die Bild-Komposition, Reduktion, Improvisation, Meditation, etc. fand jeder von ihnen seinen eigenen Weg in die Abstraktion. Und Malewitsch wird derjenige sein, der auch wieder aus ihr herausfindet.

Zunächst aber begann für Malewitsch 1913 mit der futuristischen Oper Sieg über die Sonne der Siegeszug des Suprematismus über „das Bollwerk des künstlerischen Elends“ in die vollständige Gegenstandslosigkeit. Von Malewitsch stammen Kostüme, Bühnenbild und die Lichtregie. Seine Entwürfe und eine filmische Rekonstruktion werden in einem Nebenraum gezeigt. Lang und breit beschäftigt sich die Ausstellung auch mit den Kunsttheorien des radikalen Lehrers Malewitsch und zeigt viele Papierarbeiten sowie Architekturstudien und Modelle, die auch seine Nähe zum Bauhaus belegen, wo der mittlerweile bei Stalin in Ungnade gefallene Avantgardist im Gegensatz zu Kandinsky aber keine Anstellung fand. Das Spätwerk Malewitschs wird dann zunehmend wieder gegenständlicher. Die Gesichter seiner farbigen, zunächst noch recht flächigen Bauernfiguren tragen fast ikonenhafte Züge. Am Ende ist Malewitsch wieder da angekommen, wo er einst um 1900 begonnen hatte. Stoisch und stolz, den Blick am Betrachter vorbei auf das vergangene Leben gerichtet, sieht sich der Maler in einem letzten spätimpressionistischen Selbstbildnis.




Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, installation view. Photo: Gert Jan van Rooij | http://www.stedelijk.nl



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Stefan Bock - 17. Januar 2014
ID 7520
KASIMIR MALEWITSCH UND DIE RUSSISCHE AVANTGARDE (Stedelijk Museum Amsterdam, noch bis zum 02.02.2014)
Mit Werken aus den Sammlungen Chardschijew und Costakis

Eine Kooperation zwischen dem Stedelijk Museum Amsterdam, der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und der Tate Modern, London

Vom 8. März bis 22. Juni 2014 in der Bundeskunsthalle Bonn


Weitere Infos siehe auch: http://www.stedelijk.nl


Post an Stefan Bock

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