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Feuilleton


Noch bis zum 26. Mai 2013 - Berliner Akademie der Künste, Hanseatenweg

KULTUR.STADT

Studenten der Berliner Filmhochschule ergänzen eine Berliner Ausstellung zu moderner Kulturarchitektur



Schade, dass Beton nicht spricht

Mysteriöse Dinge geschehen, wenn es Nacht wird in der zentralen Bibliothek der Humboldt-Universität im neuen Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin-Mitte: Die zurückgelassenen Gedanken der Studenten wabern und zischen dann wie aufgeregte Hausgeister durch die Flure und Säle, die sie mit mehr Geräuschkulisse erfüllen als am Tage. Diese Imagination des Regisseurs Günther Franke ist optisch fantasievoll gefilmt und bricht die eintönige Symmetrie des innen wie außen streng symmetrisch konzipierten Gebäudes auf. Grimm ist einer von fünfzehn durchweg sehenswerten Kurzfilmen, die Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) für die aktuelle Sonderausstellung KULTUR.STADT in der Akademie der Künste im Westteil Berlins beisteuern durften.

Die von Matthias Sauerbruch und Wilfried Wang kuratierte Schau bietet Originalmodelle zumeist von Solitären zeitgenössischer Kulturarchitektur, vor allem Museen und Bibliotheken, deren Planungs- und Baustufen Besucher auch an Tablet-Computern detailliert nachlesen kann (gegen Personalausweis).

KULTUR.STADT will einerseits zeigen, wie Kunst und Kultur eine Stadt und deren Architektur prägen, und wie umgekehrt spektakuläre Architekturprojekte die soziale, kulturelle und architektonische Struktur einer Stadt positiv prägen und beleben – oder eben nicht. Die umstrittene Hamburger Elbphilharmonie droht eines von zahlreichen internationalen Beispielen zu werden, bei denen eine übertrieben extravagante Planung eher die Wünsche einer Wirtschafts- und Politikelite erfüllt als die der Anwohner.



Kunsthaus Graz, 2003; Schloßbergblick / View from the Schloßberg Architekten/Architects: Peter Cook and Colin Fournier; Foto/Photo: Universalmuseum Joanneum / Christian Plach



DFFB-Direktor Jan Schütte kann mit den für extrem wenig Geld in aller Welt produzierten Beiträgen seiner Schützlinge sehr zufrieden sein: Die projizierten Clips bieten eine gelungene, kontrastreiche Ergänzung zur ausgestellten Architektur und der dahinter stehenden Stadtplanung, die von den Filmemachern meist kritisch kommentiert oder hinterfragt wird. So halten sich die Regisseurinnen Christin Freitag und Hanna Mayser bei Inner-City Arts gar nicht damit auf, das unzugänglich wirkende Haus für moderne Kunst in Los Angeles detailliert zu zeigen. Stattdessen widmen sie ihren Kurzfilm den Bettlern, die in der heruntergekommenen Gegend rings um den abweisenden Bau ihre Pappunterkünfte errichten.

Auch in den Filmen über die monströsen Bibliotheken im kolobianischen Medellín (Parque Biblioteca España; Dos gorras y una casa von Youdid Kahveci) und Seattle (Public Library von Cyril Schäublin)stehen nicht die bedrohlich aus ihrer Umgebung herausragenden Gebäude, sondern ihre Nutzer im Mittelpunkt, die hier aus ganz anderen Gründen verweilen als um Bücher auszuleihen: Indem beide Bauten Anlaufpunkte für einige der verarmten Bewohner der Städte sind, erfüllen sie immerhin neben ihrer ursprünglichen Bestimmung noch eine weiterreichende, integrierende Funktion. Die Vermutung, bei dem riesigen, amöbenhaft sich in die Altstadt von Graz ergießenden Kunsthaus handelt es sich um ein falsch geparktes Raumschiff, nimmt Regisseurin Fiene Scharp ganz wörtlich: In The Astronaut’s Ark tastet sich ein schwer atmender Astronaut durch den Bau wie Darth Vader durch den Todesstern.




Seattle Central Library, 2004; Architekten/Architects: OMA / LMN (Office for Metropolitan Architecture in joint venture with LMN) - Foto/Photo: Philippe Ruault



Im surrealistischen Film After Hours von Steffen Köhn erobert sich die Fauna, darunter Rehe und Pferde, das zum riesigen Club umgestaltete, ehemalige Heizkraftwerk Berghain im Prenzlauer Berg zurück, wenn die Nachtschwärmer endlich den Heimweg gefunden haben. Stilistisch besonders gelungen ist der Film über die zum Industriedenkmal umgewandelte Zeche Zollverein in Essen (Modern Times, ebenfalls von Cyril Schäublin). Wo einst das industrielle Herz der Nation schlug, wandern nun chinesische Reisegruppen durch die unwirklich leeren Fabrikhallen umher. In China würden die Relikte industrieller Geschichte noch nicht so gewürdigt, sagt einer der Besucher. Dazu ist das Land wohl auch noch zu sehr beschäftigt, die Fehler der kapitalistisch-industriellen Blütephase inklusive architektonischer Städteverschandelung nachzuholen, wie der Film Guangzhou von Simona Feldman zeigt.



After hours; Regie/Director: Steffen Köhn; Gebäude/Building: Berghain © Phillip Kaminiak



Anders als bei vergleichbaren Fällen ist in der Zusammenstellung kein einziger belangloser oder gar misslungener Film zu sehen, weswegen man als Ausstellungsbesucher rund 80 Minuten für die Betrachtung des gesamten Filmprogramms einplanen sollte.


Max-Peter Heyne - 11. April 2013
ID 6680
Die Ausstellung begleiten ein Katalog, Sonderveranstaltungen und ein Spezialblog (s. URL)

Weitere Infos siehe auch: http://www.adk.de/de/projekte/2013/kulturstadt/blog.htm


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