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Feuilleton


4. Juni bis 27. November 2011

54. BIENNALE VENEDIG



Eine Reise um die Welt in 8 Stunden? Die Biennale von Venedig macht’s möglich! (Öffnungszeiten: 10.00 – 18.00) 89 Nationen, 83 Künstler! Die 54. Ausgabe bietet – zwischen Neu- und Wiedereinsteiger - noch mehr Nationen, noch mehr Künstler, noch mehr Schauplätze.

Und diese Reise um die Welt soll auch noch erleuchtend sein: ILLUMINATIONS. Ein Wortspiel das neben der Idee von Beleuchtung auch das Konzept von Nation ans Licht bringt. Und erleuchten uns nun denn die Nationen in ihren nationalen Pavillons? Manche schon. Manche haben sich eng an die Vorgabe der diesjährigen Kuratorin, Bice Curiger, gehalten.

Geschichtliche Aufklärung und Aufarbeitung, die vom 19. Jahrhundert (Lateinamerika mit Simon Bolivar) über das 20. Jahrhundert (Serbien mit einem geschichtlichen Sammelsurium, das vom Hakenkreuz bis Hammer und Sichel reicht – eine Art Wunderkammer der Aberrationen) bis ins 21. Jahrhundert, bis hin zu aktuellen Ereignissen reicht. Haiti, das zum ersten Mal an der Biennale von Venedig teilnimmt und den Schock der Erdbebenkatastrophe zu überwinden versucht. Und Ägypten: eine beeindruckende Installation, wo auf fünf großformatigen Videoschirmen zeitgleich Stationen im Leben des Performancekünstlers Ahmed Basiony gezeigt werden. Eines seiner Videoprojekte aus dem Jahr 2010 und andererseits Aufnahmen von den Unruhen in Kairo und auf dem Tahrir Platz, die Basiony filmisch dokumentierte, bis er am 28. Jänner 2011 den Tod fand.

Sarkastisch aufklärend der Pavillon der Vereinigten Staaten. Mit einem zum Laufband umfunktionierten Panzer denunzieren Allora & Calzadilla sportliche Kriegskultur, mit ihrem Orgel-Geldautomat präsentieren sie den „sound of international commerce“. Nationale Identität, Demokratie, Freiheit werden unter die Lupe genommen.

Aufklärerisch der deutsche Pavillon - zurecht mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet. Enfant terrible Christoph Schlingensief erspart mit seiner unkonventionellen Trash-Aufarbeitung deutscher Geschichte dem Publikum nichts. Des Psychopathen Hitlers letzte Sunde im Führerbunker. Deutsche Wiedervereinigung als Horrorfilm… Neben der Projektion seiner Filme, neben der Präsentation des Projekts für ein Operndorf in Burkina Faso, thematisiert „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, Bühneninstallation seines Fluxus-Oratoriums, die schonungslose psychologische Auseinandersetzung mit sich selbst, mit Gott, mit Krankheit. Mit dem Tod, der ihn im August 2010 ereilte.

Weniger persönlich erhellend, aber mehr existentiell ausgerichtet zeigt sich Frankreich mit Christian Boltanski. Chance: das Rad des Schicksals, das Spiel des Zufalls. Polnische Baby-Förderbänder und tote Schweizer im Spielautomat. Boltanski - wie immer - genial-einfach oder einfach genial.

Apokalyptisch gibt sich Argentinien: „The last days of Humanity“. Kolossale, unstabile Tongebilde aus Zukunft und Vergangenheit türmen sich über dem Beobachter. Bedrohlich. Es wäre enttäuschend, würde denn die ökologische Komponente fehlen. Und welcher Aspekt liegt in Venedig denn näher als Wasser. Irak, Türkei, Griechenland und der gelungene israelische Pavillon beleuchten verschiedene Aspekte dieses Leben spendenden Elements.

Wasser auch im Padiglione Venezia. Fabrizio Plessi bändigt in seinen dunklen Stahlschiffen die Kraft der Weltmeere. „Mariverticali“, eine Videoinstallation, eine archetypische Meditation.

Und der Zentralpavillon? Tintoretto aus dem 16. Jahrhundert, Meister des Lichts, stellt alle in seinen Schatten. Befremdend, doch dominierend, in Mitten zeitgenössischer Kunst.

Aus Höflichkeit sei auch das Gastgeberland erwähnt. Im italienischen Pavillon herrscht buntes Jahrmarktstreiben – unvermeidbar wenn mehr als 200 Amateurkuratoren (vom beauftragten Kurator Vittorio Sgarbi ernannte Intellektuelle, die nicht im Kunstsektor tätig sind) ihren Künstler vorschlagen. Je nach Geschmack zwischen nichts sagend, populär-vulgär, interessant und kitschig. Am Puls der italienischen Kunstszene?

Auf alle Fälle. Der langen Rede kurzer Sinn. Die Biennale ist sicherlich sehenswert. Irgendeine Erleuchtung ist für jeden dabei. Garantiert! Oder Geld zurück. Und wenn es schon keine metaphorische Erleuchtung ist, eine Beleuchtung im konkreten Sinne gibt es allemal.



James Turrell, Ganzeld APANI, 2011 / Courtesy Hàusler Contemporary Munich/Zurich - Foto (C) Francesco Galli / Courtesy: La Biennale di Venezia

La Biennale di Venezia - Urs Fischer, Ohne Titel, 2011 / Foto (C) Francesco Galli

Berengo Centre Ambients - Glasstress / Foto (C) Francesco Allegretto



Ein monumentales Werk im Arsenaletrakt zieht die Blicke sicherlich auf sich. Unzweifelhaft! Gianbolognas barocke Skulptur „Der Raub der Sabinerinnen“. Aber es fehlt ein Arm! Und überall Wachstropfen! Eine unglaublich perfekt marmorhafte Wachsimitation. Mit Dochten übersäht sodass wenn ein Kerzenlicht sein Wachs aufgebraucht hat, das nächste beginnt. Durch Feuer geläutert, der Vergänglichkeit preisgegeben. Wem Urs Fischers Kerzenlicht der schmelzenden Sabinerinnen zu schwach ist, der sei in James Turells Raum aus Licht willkommen. Ein Raum aus Licht, der irdische Konzepte von Räumlichkeit überwindet, der in die Unendlichkeit entweicht. Und weil die Überwindung jedoch nur im Geiste der Zuschauer stattfindet und nicht in der Realität, braucht es einen realen Wärter, der die Leute daran hindert, hinunterzufallen (schon passiert).

Acht Stunden um die ganze Welt zu begreifen ist sehr schwierig, besonders wenn man sich vor einzelnen Werken verliert und eklektische Vorlieben pflegt oder –ganz prosaisch – Warteschlangen ausgesetzt ist. Da nützt auch Christian Marclays „The Clock“ nichts. Bilder von Uhren zeigen dem Besucher, Minute für Minute, die aktuelle Zeit an. Aktuelle Zeit aus dem vorigen Jahrhundert: Filmausschnitte aus über hundert Jahren Filmgeschichte. Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen für den besten Künstler.

*


Acht Stunden sind wirklich zu wenig! Acht Tage wären ideal um Venedig zu durchstöbern um auch die 37 gleichzeitig laufenden und zur Biennale dazugehörigen Ausstellungen aufzustöbern. Einige der Nationen, die über keinen Pavillon in den „Giardini“ verfügen, sind in Stadtpalästen untergebracht. Und auch andere unabhängige Projekte, die sich als qualitätsmäßig angemessen ausweisen, laufen unter dem Logo der Biennale.

Eines dieser Events, ob der Venedighaftigkeit seines Konzepts und der Qualität seiner Werke, sei hier kurz erwähnt.

Venedig und Glas. In Murano wird dieses traditionsreiche Material immer noch in traditionellen Glasbläsereien verarbeitet und verkauft - von winzigen Glastierchen bis hin zu imposanten Glaslüstern alle Varianten des Kitsches auskostend. Dass dieses wunderbar plastisch vielfältige Material für Künstler eine Verlockung darstellen könnte, hat sich Adriano Berengo in den Kopf gesetzt und in die Wirklichkeit umgesetzt. Unterschiedlichste Repräsentanten der internationalen Kunstszene wie zum Beispiel Zaha Hadid, Tony Ousler, Kiki Smith, Tony Cragg, Marya Kazoun, Zhang Huan, Thomas Schütte… sind seiner Einladung gefolgt und haben sich der Herausforderung gestellt, ihre Eingebung in Glas umzusetzen. Glasstress zeigt all diese Vielfalt. Eine Glaswüste mit immer wieder verwehten Fußspuren, eine Performance, wo unheimliche Kreaturen zu Leben kriechen, Glaseier und Hühnerzucht,… - und immer wieder Spiegel: verblüffend, verzerrend, überraschend. Spiegel, die die Reflektion des eigenen Ichs in eine Traum- und Albtraumdimension entrücken.


Sylvia Schiechtl - red. 16. Juni 2011
ID 00000005246
Biennale Arte 2011
Bis zum 27. November
Venedig, giardini – Arsenale
Öffnungszeiten: 10.00 – 18.00
Montag geschlossen
http://www.labiennale.org

Berengo Centre for Contemporary Art and Glass
Campiello della Pescheria – Murano
Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti
Campo Santo Stefano 2847 – Venedig
Bis zum 27. November
Öffnungszeiten: 10.00 – 18.00
Montag geschlossen
http://www.glasstress.org
http://www.veniceprojects.com


Weitere Infos siehe auch: http://www.labiennale.org


http://www.glasstress.org



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