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Feuilleton


U10 - von hier aus ins imaginäre und wieder zurück,
Teil 8

Im Interview
EVI KRUCKENHAUSER


STEREO SEHEN

Das Kunstprojekt 'U10 - von hier aus ins imaginäre und wieder zurück' thematisiert die einst
geplante und nie gebaute U-Bahn-Linie U10. Ihr Filmexperiment bezieht sich auf die U2. Warum?


Mein Projekt bezieht sich weniger auf die U10 als auf den zweiten Teil des Themas: von hier aus ins imaginäre und wieder zurück. Die U2 habe ich gewählt, weil ihr Verlauf mich fasziniert und sie die Linie ist, mit der sich mein Projekt am besten realisieren ließe.

U2 fasziniert mich, weil sie die Spree unterquert und ihr kurvenreicher Streckenverlauf die Möglichkeit erheblich einschränkt, sich vorzustellen, wo man sich während der Fahrt gerade befindet, nämlich orientierungslos im Untergrund. Denn, logisch wäre ein Verlauf unterhalb der Leipziger Straße über Mohrenstraße, Stadtmitte und Hausvogteiplatz. So fährt sie aber nicht.

Um die Jahrhundertwende gehörten die Straßenbahn und die U-Bahn verschiedenen Gesellschaften an. Die Straßenbahn wollte natürlich nicht, dass ein Teil ihrer Strecke durch die U-Bahn abgedeckt würde, so entschied man sich für diesen eigentümlichen Streckenverlauf. Sein unterirdischer Kurvenreichtum macht orientierungslos, die ideale Voraussetzung für meine Videoinstallation.



Evi Kruckenhauser, Foto: Arnd Moritz

Sie wählten die Strecke zwischen den Stationen Mendelssohn-Bartholdy-Park und Alexanderplatz aus. Was hat diese Teilstrecke, was andere nicht haben?

Bis Mendelssohn-Bartholdy-Park fährt die U2 oberirdisch und von da ab fährt sie unterirdisch bis zum Senefelder Platz. Von da ab verläuft ihre Strecke wieder oberirdisch. Die Station Senefelder Platz war lange gesperrt, so dass sich aus organisatorischen Gründen anbot, für das Projekt das Streckenteilstück bis zum Alexanderplatz auszuwählen.


Ihr Projekt fand auf dem U-Bhf Gleisdreieck seine Eröffnung. Warum hier?

Gleisdreieck, ja, das ist, es mag sich komisch anhören, für mich ein unbesetzter Ort. Hier ist nichts. Hier findet nichts statt. Außer, man steigt von einer U-Bahn um in die andere. Ein reiner U-Bahn-Raum, was macht man hier außer umsteigen? Ein unbesetzter Raum also, der sich gut eignet, in die Thematik meines Projektes einzuführen.

Unterirdisch fährt die Bahn in die Station ein, oberirdisch fährt sie auf das Scandic-Hotel zu und man sieht, wie die Bahn in das Gebäude hineinfährt.
Man versteht sofort, worum es grundsätzlich geht.

Beim Mendelssohn-Bartholdy-Park hat man dieses einleitende Moment nicht. Wir hätten auch den Alexanderplatz wählen können, das wollten auch viele, aber wir haben uns dann für Gleisdreieck entschieden, eben weil Gleisdreieck als reiner U-Bahn-Raum unbesetzt ist.


Wie lange haben Ihre Recherchen und die Dreharbeiten insgesamt gedauert?

Beginn der Dreharbeiten war im April 2010. Sie dauerten insgesamt ein halbes Jahr. Aufwendig war die Organsiation der Technik: Wie werden die Monitore in den U-Bahn-Zug eingebaut? Die BVG hat sehr hohe Sichherheitsstandards. Die Decke kam nicht in Frage, deshalb musste ein seitlicher Einbau gewählt werden. Wie und wo war die Verkabelung zu verlegen? Ich konnte Sukandar Kartadinata für die Realisierung der Sensorsteuerung gewinnen, was ein großer Zugewinn war. Insgesamt habe ich circa 1 Jahr, mal mehr, mal weniger intensiv, für STEREO SEHEN benötigt.


Sie haben den unterirdischen Verlauf der U2 oberirdisch mit der Kamera exakt nachvollzogen. Hindernisse, egal ob Baustellen oder Gebäude, haben Sie mit der Kamera streckenverlaufsgetreu durchfahren. Wie haben Sie es geschafft, für den lückenlosen oberirdischen Streckenverlauf die Genehmigungen zu erhalten?

Beim ersten Mal habe ich noch eine Hausverwaltung angeschrieben und konnte mich dann mit 50 Eigentümern auseinandersetzen. Das war ein Riesending. Dann kam irgendwann das O.K. Danach war mir klar: das mache ich so nicht wieder. In allen folgenden Fällen bin ich mit der Kameraausrüstung direkt zu den Mietern, den Haustechnikern und den jeweiligen Baustellenleitern gegangen. Das lief dann reibungslos und ich konnte sofort filmen.


Ihr Videoprojekt lief genau einen Tag. Es hat die Fahrgäste fasziniert. Denken Sie an ein weiteres, ähnliches Projekt?

Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Gerade habe ich die Arbeit an kurzen Videosequenzen über STEREO SEHEN für das Berliner Fenster des Fahrgastfernsehens abgeschlossen. Jetzt werde ich entspannt das Projekt in der Schublade ruhen lassen. Ich möchte reflektieren, was es mit mir macht. Und irgendwann komme ich darauf zurück.


Also dürfen die Gäste der Berliner U-Bahn hoffen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Sie führen zeitgleich zwei verschiedene Raumbereiche zusammen, die einzig im menschlichen Bewusstsein ihren Zusammenhang finden. So greifen Sie mit Ihrem Film symbolisch eine Menschheitsfrage auf: "Wo sind wir jetzt?" Ist dieser Gedanke schon zu weit weg oder wollten Sie mit Ihrer Gegenüberstellung von adäquater Möglichkeit und zugehöriger alltäglich erfahrbarer Realität den Betrachter mit einer naheliegenden, dennoch überraschenden Antwort konfrontieren?

Ja, wo sind wir jetzt? Na ja, Sie wissen doch gar nicht, ob das da oben, also meine Antwort, stimmt. Sie können es unten nachvollziehen, aber wissen Sie denn, ob das die Wohnung oder Baustelle da oben wirklich war? Man kann daran auch zweifeln. Ich lasse den Zweifel zu. Vom Zweifel lebt die Kunst. Er ist erlaubt. Und deshalb muss man nicht davon ausgehen, ob das der exakte Verlauf ist. Er ist es! Aber die Frage steht im Raum.



STEREO SEHEN, (c) Evi Kruckenhauser

Das Fundament Ihres Kunstwerkes ist die Exaktheit des fahrzeitsynchron abgebildeten überirdischen Streckenverlaufes. Sie sagen, der Zweifel sei erlaubt. Geht aber mit dem Zweifel an der Authentizität Ihrer Videoinstallation nicht die Aussage Ihres Kunstwerkes und damit das Kunstwerk selbst die Spree hinunter?

Natürlich ist es der maßgebliche Bestandteil des Kunstwerkes, dass der Fahrgast glaubt, dass es wahr ist. Das wird auch an keiner Stelle hinterfragt. Die Fiktion des Nichtrealen ist aber Bestandteil des Kunstwerkes. Ich möchte den Zweifel später schüren. Dann nämlich, wenn der Fahrgast aussteigt, über das Gesehene nachdenkt und sich Gedanken über den oberirdischen Verlauf macht.


Warum lief Ihre Installation nur an einem Tag?

Zum Kunstprojekt gehören die zeitliche Beschränktheit auf diesen Tag und das, was die Zusachauer in die Zeit danach, in ihren Alltag, mitnehmen. Der Film ist nicht nachprüfbar. Er wird, soweit es in meiner Hand liegt, nicht im Internet sein. Es kommt zwar vom 21.12.2010 bis 02.01.2011 eine Videosequenz ins Berliner Fenster, auch wird es eine kurze Dokumentation der Sonderzugfahrt auf Vimeo.com geben, aber beide sind nicht mit dem einen Tag der Videoinstallation zu vergleichen.


Ihre künstlerische Ambition offenbart sich multimedial. Man kann nicht sagen "das ist typisch Kruckenhauser". Gibt es einen Roten Faden oder ein zentrales Thema, die sich durch Ihre Arbeiten ziehen?

Der zentrale Punkt ist der urbane Alltag. Der Wunsch, Alltagsphänomene, denen man keine Beachtung schenkt, auf eine höhere Ebene zu stellen, aus dem Alltag herauszuholen, der zieht sich durch meine künstlerische Arbeit.

Mich interessiert die Wirkung der Großstadt auf ihre Bewohner. Wie wirkt die Umgebung auf den Menschen? Wie steuert der Mensch sein Blickverhalten? Wie verändert er sich durch Wahrnehmung? Und nicht zuletzt: wie verändert sich das Bild der Stadt durch meinen Blick, z.B. wenn ich mobil Musik höre.

Ja, mich interessieren soziologische Aspekte. Ich habe Design, Malerei, Grafik und Medienkunst studiert. Der Inhalt meiner Arbeit ist der urbane Alltag. Die Form, also das, was dabei herauskommt, kann eine Installation aber auch eine Animation, Illustration, ein partizipatives Projekt mit Jugendlichen oder ein Konzept sein.


Möchten Sie zum Schluss etwas sagen, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Mein Kunstprojekt war technisch komplex und es wäre nicht zustandegekommen, wenn ich nicht die massive Unterstützung der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) gehabt hätte. Deshalb geht mein Dank an die BVG und namentlich an Herrn Joachim Gorell und die gesamte Betriebswerkstatt, genauso an die AG U10: Sofia Bempeza, Ania Corcilius, Eva Hertzsch, Jacopo Gallico und Adam Page.


Frau Kruckenhauser, Kultura-Extra dankt Ihnen für dieses Interview.


Evi Kruckenhauser
www.evikruckenhauser.de
eMail: info(at)evis.org


AG U10 der NGBK
eMail: info@u10-berlin.de
phone: 0049 (0)173 2009608


U10 ist ein Gemeinschaftswerk der Kunstschaffenden mit Mitarbeitern der BVG und zahlreichen Agenten des Berliner Untergrunds. Initiiert wird U10 - von hier aus ins imaginäre und wieder zurück von Sofia Bempeza, Ania Corcilius, Jacopo Gallico, Eva Hertzsch und Adam Page.


U10 wird als Projekt der Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten, Kunst im Stadtraum und am Bau gefördert. Unterstützt wird U10 von der BVG, der WALL AG und dem Berliner Fenster.


Arnd Moritz, red, 22. Dezember 2010
ID 00000004991



Weitere Infos siehe auch:
www.U10-berlin.de
http://ngbk.de





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