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Rezension


Reihe: Zeitgenössische Filme aus China

Visions of China

Chinesisches Filmfestival vom 9. bis 15 September 2010 im Kölner Filmhaus


Filmposter zu RED RIVER - http://www.koelner-filmhaus.de

A) Besprechung der Gewinnerfilme

Ein Quereinsteiger gewinnt den von „choices“ gestifteten Publikumspreis bei Visions of China. Der Kunstmaler Sun Xian (30) überrascht mit seinem Debütfilm „My Garden of Eden“ mit einzigartigen Naturaufnahmen. Die Dokumentation schafft es, das Leben eines eher „gewöhnlichen“ Vogels, das einer Möwe, auf spektakuläre Weise aufzunehmen und zu inszenieren. Die kleine Insel Hailu, die anderthalb Kilometer von der chinesischen Küste entfernt liegt, ist der Nistplatz einer Möwenkolonie, wo das Filmteam sieben Jahre lang gedreht hat. Zwei weitere Jahre dauerte der Schnitt. Das Ergebnis ist erstaunlich, ein abendfüllender Film über ein „hässliches Entlein“ von Jungmöwe.

Die Naturaufnahmen sind in eine Geschichte verpackt, in der die Möwen vermenschlicht werden. Hungerszeiten, Unfälle und andere Katastrophen lassen ein kleines Möwenmädchen die Kunst des Überlebens lernen. Es gibt ein Happy-End. Nach vielen Prüfungen und Schicksalsschlägen lernt die kleine Möwe fliegen; eine Parabel auf das aufstrebende China?

Claus Josten, Filmemacher und Jurymitglied, ist mit der Publikumswahl zufrieden. Die Zuschauer haben einen künstlerisch hochwertigen Film gewählt, der vor allem durch die Kameraführung besteche. Er sei ein ausgesprochener Kamerafilm. Josten stimmt zu, dass eine Naturdokumentation nicht unbedingt repräsentativ für das chinesische Kunstkino ist: „Aber es sagt etwas über uns aus“, meint er. „Angesichts der Zerstörung der Umwelt ist es doch bezeichnend, dass ein solcher Film vom Publikum zum Gewinner gewählt wird.“ „My Garden of Eden“ hatte während Visions of China seine Europapremiere, bei der Regisseur Sun Xian auch anwesend war.


MY GARDEN OF EDEN - http://www.koelner-filmhaus.de


Die Fachjury, bestehend aus dem Kameramann Volker Noack, dem Regisseur Richard Huber und dem Filmemacher Claus Josten, wählte den Film „Red River“ des Regisseurs Zhang Jiarui zum Gewinner des Festivals. Die junge Vietnamesin Tao (Jingchu Zhang) hat als Kind mit ansehen müssen, wie ihr Vater von einer Landmine zerfetzt wurde und erlitt ein schweres Trauma. Sie lebt nun bei ihrer Schwester in Südchina, wo sie in deren Massagesalon Hilfsarbeiten erledigt. Sie ist durch das Trauma geistig behindert, hat sich aber eine liebenswürdige kindliche Natur bewahrt. Eines Tages findet ein vietnamesischer Gangsterboss an ihr Gefallen. Da Tao keine Aufenthaltsgenehmigung für China hat, flieht sie bei einer Polizeirazzia, bevor Sha Ba sie mitnehmen kann. Sie kommt bei einem Straßenhändler, Xia (Nick Cheung) unter, der ihrem Vater ähnlich sieht. Der erkennt ihr Gesangstalent und die beiden verdienen gutes Geld mit Karaoke. Allmählich entwickeln sie Gefühle füreinander. Derweil wird Tao von dem Gangsterboss Sha Ba (Danny Lee) gesucht. Als der sie entführt und auf den Straßenhändler Xia schießt, tötet Tao den Gangsterboss. Xia nimmt die Schuld auf sich und geht ins Gefängnis. Erst später erfährt er von Taos Schwester, dass der Gangsterboss kinderlos war und Tao adoptieren wollte.

Das Urteil der Jury lautet:„Der Film überzeugt durch die Kraft seiner einfachen, effektiven, ausgewogenen Bildgestaltung. Dem Filmemacher gelingt eine überraschende Nähe zu den Menschen an Hand seiner sehr gut gewählten Darsteller und der genauen, detailreichen Bilder, die von einer großen Kenntnis des Lebensraums und des dort lebenden Menschen ausgehen. Die tragische Geschichte des Films bleibt immer dicht und baut sich überzeugend auf, hält den Zuschauer ohne Unterlass gefangen und birgt so manches überraschende Detail. Der Film hebt sich durch seine konsequent von der ersten bis zur 99. Minute erreichte Qualität von den anderen Filmen ab.“

Nicht nur die Handlung, die Landschaften und Akteure sind hervorragend, die Kameraführung, Bildkomposition und Ausleuchtung sind ein Fest für die Augen. „Red River“ (China 2008) ist der verdiente Gewinner in einem Festival durchgehend hochkarätiger Wettbewerbsbeiträge.

Besondere Erwähnungen erhielten die Dokufiktion „Sechenhangru“ über eine Nachfahrin des Dschingis Khan und das Drama „80 Fo, Heaven Eternal, Earth Everlasting“.





BEYOND THE SACRED LAND - http://www.koelner-filmhaus.de


B) Zusammenfassende Besprechung


Insgesamt war Visions of China eine beeindruckende „Reise“ durch das Kinoland China, beginnend mit „My Aunt’s Sea“ (Regie: Xiao Feng, 2010), der das karge Leben im ländlichen China beschreibt. Die Hauptdarstellerin ist Opfer häuslicher Gewalt und wurde von ihrem Onkel taub geschlagen. Wie sie mit ihrer Behinderung lebt und ihren Weg zu einem selbstbestimmten Leben findet, erzählt der Film in ruhigen, realitätsnahen Bildern.

Eine ebenfalls karge Landschaft, die aber episch bebildert wird, zeigt der Film „Beyond the Sacred Land“ (2010) von Mai Lisi. Hier werden die Trachten und Riten des Volkes der inneren Mongolei gezeigt. 1958 erfahren die Bewohner einen Umbruch, als das chinesische Militär dort in einer Geheimaktion eine Raketenbasis baut, die ein wichtiger Meilenstein zu Chinas Aufstieg zur Weltmacht wird. Das mongolische Volk wird als spirituell und friedfertig dargestellt und nimmt das Opfer der Umsiedelung in noch kargeres Land auf sich.
Auch in dem Heimatdrama „My Beautiful Homeland“ (2005) von Gao Feng hat die Moderne Einfluss auf die alte Kultur. Der junge Kasache Amantay ist gespalten. Da ist die muslimische Tradition, die üppige Schönheit des Landes und der starke Einfluss seines Vaters, die ihn dort halten. Auf der anderen Seite liebäugelt er mit dem Stadtleben und interessiert sich für Autos, die es in seiner Gegend kaum gibt. Amantay verlässt seine Familie. Zur Beerdigung des Vaters kehrt er zum Schluss aufs Land zurück. Der Konflikt wird nicht gelöst. Amantay wird in die Stadt zurückkehren, sein Herz wird er aber in der Heimat zurückbehalten.

Der Film „The Knot“ des Regisseurs Yin Li beginnt im Jahr 1940 auf der Insel Taiwan während der Kriegszeit. Ein junger Medizinstudent verliebt sich in eine Kunststudentin. Die beiden versprechen, aufeinander zu warten, als der junge Mann zum Lazaretteinsatz aufs Festland eingezogen wird. Nach dem Krieg wird Taiwan von China abgetrennt und es gibt 40 Jahre lang keinen Kontakt zwischen der Insel und dem Festland. Die Liebenden können nach dem Krieg nicht mehr zueinander finden. Der Film schildert eine Odyssee durch die Geschichte Chinas und viele Landschaften und Städte. Regisseur Yin Li war bei dem Festival anwesend und verglich die Abtrennung Taiwans mit der Teilung Deutschlands.



THE KNOT - http://www.koelner-filmhaus.de


In mehreren Filmen werden auch Kindheitstraumata gezeigt. In „Dabing’s Shakespeare“, z. B., kommt eine junge Lehrerin aus der Stadt aufs Land, um dort Dorfschulkinder zu unterrichten. Sie ist völlig überrascht von der Klasse. Die Kinder haben zwar nicht die Schuldisziplin, die die Lehrerin aus ihrer eigenen Erfahrung kennt, sind aber sehr wissensdurstig und begabt. Sie sind eine Zeit lang von einem Amerikaner unterrichtet worden, der aufgrund eines Unfalls einige Monate in dem Dorf verbringen musste. Der hat den Kindern auf unorthodoxe Weise Englisch beigebracht, ohne Drill und übermäßige Disziplin. Der kleine Dabing kann sogar ein Sonett von Shakespeare auf Englisch zitieren.

Da die Lehrerin als Kind unter der Strenge des Vaters und des Bildungssystems sehr gelitten hat, übernimmt sie den liberalen Unterrichtsstil des Amerikaners. Die Kinder behalten ihre guten Leistungen bei, ohne ihr Kindsein und ihre Spontaneität zu verlieren. Ein paar Kinder machen der Lehrerin aber Sorgen. Sie leben bei ihren Großeltern, weil die Eltern in der Stadt Geld verdienen müssen. Die traumatisierte Lehrerin erkennt, dass die Eltern ihre Kinder nicht aus Gleichgültigkeit verlassen, sondern aus Liebe. Sie versteht zum Schluss, dass auch ihr eigener Vater aus Zuneigung gehandelt hat, als er ihr eine gute Schulbildung ermöglichte, die aber eine schmerzliche Trennung zur Bedingung hatte. Zum Schluss spielt die Lehrerin befreit auf dem Hof der Dorfschule.

In dem Film „Cell Phone“ (2004) von Feng Xiaogang sind die Protagonisten vollständig in der Moderne angekommen. Ihr Leben ist vielschichtig, hektisch und wird vom mobilen Telefon bestimmt. Die Hauptrollen in der Komödie spielen die beiden Stars You Ge und Fan Bingbing Fan.

Das chinesische Filmfestival Visions of China war insgesamt eine intensive und bereichernde Erfahrung. Wie in anderen Ländern auch gibt es in China eine (mehr oder weniger) unabhängige Kunstkinoszene, die die eigene Kultur oft stärker zum Ausdruck bringt, als das globalisierte Massenkino. „Leider hat das chinesische Kunstkino in China zur Zeit gar keinen Markt“, erklärte Xiao Feng, der Regisseur des Eröffnungsfilms „My Aunt’s Sea“. „Wir machen aber trotzdem weiter, denn langfristig halten wir es für wichtig, dass China neben den Massenproduktionen, seine eigene Kultur filmisch zum Ausdruck bringt.“

Die Filme verzaubern durch ihre künstlerische Ausdruckskraft und den fernöstlichen Touch. Man kann hier noch viel Pathos und Poesie finden. Daher ist es dankenswert, dass das Kölner Filmhaus diesen Filmen ein Forum bietet.

[Es werden noch ein Essay über die chinesische Filmindustrie und ein paar Einzelbesprechungen folgen, darunter die Filme mit besonderer Erwähnung „Sechenhangru“ und „80 Fo, Heaven Eternal, Earth Everlasting“.]


Helga Fitzner - red. / 17. August 2010
ID 00000004832

Weitere Infos siehe auch: http://www.visionsofchina.de


Post an die Autorin: fitzner@kultura-extra.de



 

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