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Interview


Filmstart: 30. Mai 2013

Die Lebenden (Österreich 2012)

Drehbuch und Regie: Barbara Albert




Sita (Anna Fischer) studiert Germanistik, jobbt fürs Fernsehen und liebt es, mit ihrer Vespa durch Berlin zu düsen. Sie genießt das Nachtleben und lernt dabei den israelischen Fotokünstler Jocquin (Itay Tiran) kennen, mit dem sie eine Nacht verbringt und mit dem sie in Kontakt bleiben will. Doch zunächst fährt Sita zum 95ten Geburtstag ihres Großvaters Gerhard Weiss (Hanns Schuschnig) nach Wien, wo sie eine schöne Zeit verbringt.





Mögen sich sehr: Großvater Gerhard (Hanns Schuschnig) und Sita (Anna Fischer) - Foto © Real Fiction Filmverleih



Durch einen Zufall macht Sita eine Entdeckung, die ihr Leben verändert: Sie stößt im Kleiderschrank ihres Großvaters auf eine SS-Uniform. Gerhard Weiss ist in der Zwischenzeit schwer erkrankt und musste ins Krankenhaus. Sitas Vater Lenzi (August Zirner) blockt die drängenden Fragen seiner Tochter ab, denn er ist nicht in der Lage, sich der Vergangenheit seines Vaters zu stellen.




Lenzi Weiss (August Zirner) wehrt die Fragen seiner Tochter (Anna Fischer) ab - Foto © Real Fiction Filmverleih



Sitas eigenständige Nachforschungen führen sie nach Warschau und schließlich nach Auschwitz, denn sie hat erfahren, dass ihr Vater in Auschwitz geboren wurde und dass ihr Großvater dort KZ-Aufseher war. Der Großvater stirbt, bevor seine Enkelin ihn zu ihren Rechercheergebnissen befragen kann. Sita lernt, mit diesem Wissen umzugehen. Sie erforscht die Herkunft ihres Großvaters, dessen Familie zu den Siebenbürger Sachsen gehörten, Deutschen, die in Rumänien lebten.


* * *


Barbara Albert wurde 1970 in Wien geboren und studierte Regie und Drehbuchschreiben an der Wiener Filmakademie. 1999 war sie Mitbegründerin der Produktionsfirma coop99, die auch Die Lebenden ko-produzierte. Am 24. Mai 2013 stand sie KULTURA-EXTRA im Filmforum NRW in Köln zu dem nachfolgenden Interview zur Verfügung...





Sie lassen sich am Anfang relativ viel Zeit, bis Sita die Vergangenheit der Familie entdeckt.

Barbara Albert:
Ja, ein Film muss sich auch herantasten dürfen. Ich wollte keinen schnellen Einstieg und den Film auf die Beziehung zwischen Großvater und Enkelin reduzieren.


Es ging ihnen also darum, die Kerngeschichte in einen Gesamtzusammenhang einzubetten.

B. A.:
Ich schildere anfangs Sitas unbewusstes Dahinleben. Die Figur der Sita ist ein bisschen schwammig und nicht greifbar. Ich wollte die Politisierung einer jungen Frau beschreiben.


Von der ersten Idee bis zum realisierten Film sind zehn Jahre vergangen. War die Entdeckung, dass Ihr eigener Großvater KZ-Aufseher in Auschwitz war, der Auslöser für Ihr Drehbuch?

B. A.:
Nein, ich mache öfter Filme zum Thema Schuld und Verantwortung und bin in dieser Zeit über die Geschichte meines Großvaters gestolpert.


Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

B. A. :
Mein Vater wollte anfangs nicht, dass ich die Geschichte meines Großvaters thematisiere. Jetzt schätzt er es sehr, dass ich ich diesen Film gemacht habe. Für einige Familienmitglieder war das sehr wichtig. Wir sind uns alle dadurch auch näher gekommen.


Im Film kommt ein Onkel vor, wunderbar gespielt von Winfried Glatzeder, der schon viele Jahre vor Sita Nachforschungen betrieben und darüber ein Buch geschrieben hat. Auch für den gibt es ein reales Vorbild.

B. A.:
Ja. Der Schriftsteller Dieter Schlesak [Capesius – der Auschwitzapotheker 2006] ist mein Großonkel, und bei ihm konnte ich viel Material einsehen, darunter Interviews mit Auschwitz-Überlebenden und Tätern.


Das Thema der Massenvernichtung der Juden während der Nazizeit ist naturgemäß ein sehr schwieriges.

B. A.:
Ja, es fehlen die Worte. Das sehe ich auch bei den Premieren. Danach kommen Leute zu mir, die irgendwie dankbar sind, dass ich durch den Film etwas ausdrücke, was unaussprechlich ist. Dabei ist das so wichtig. Auch die Täter müssen sprechen.


Im Film stößt Sita auf ein altes Video mit dem Großvater, in dem er über seine Vergangenheit spricht. Er schildert das so, als ob das eine andere Person getan hätte. Verantwortung übernimmt er keine, aber Sita macht das zum Teil stellvertretend für ihn und womöglich stellvertretend für den Zuschauer.

B. A.:
Ja, sie ist eine Getriebene, die langsam lernt, Stellung zu beziehen. Aber mir ist auch ihr Konflikt mit dem Vater wichtig, der nicht darüber sprechen kann. Was ist ihre Rolle heute? Wie kann sie das in heutige Zeit tragen? Was kann sie daraus machen? Für Sita ist es wichtig zu akzeptieren, dass sie aus einer Täterfamilie stammt. Danach kann sie zu Neuem aufbrechen, aber sie muss es im Bewusstsein behalten. Indem sie sich dem stellt, kann sie einen Schritt weitergehen, anders als ihr Vater, der das verdrängt.


Es gibt im Film gegen Ende eine beeindruckende Szene, die der Grund ist, warum Die Lebenden in unserer Reihe „Europäisches Judentum im Film“ erscheint. Sita steht in Auschwitz vor einem Wachturm. Es kommt eine junge Jüdin vorbei, die sie während ihrer Recherche in Warschau kennen gelernt hat. Die beiden Nachgeborenen tauschen ihre Rechercheergebnisse aus. Die Jüdin erzählt von ihren Vorfahren, und Sita zeigt auf den Wachturm und sagt, dass dort ihr Großvater gestanden hat. Es geht schon unter die Haut, dass Kinder der Opfer UND Täter einen sehr schweren Gang haben, wenn sie nach Auschwitz gehen. Unsere Reihe ist mittlerweile sehr lang geworden, aber irgendwie sind wir dem Thema noch nicht durch.

B. A.:
Das ist kein Thema, das sich abnutzt. Wir müssen es immer wieder ansprechen, solange wir damit noch nicht durch sind.


2008 starb der bekannte deutschnationale Österreicher Jörg Haider, der führendes Mitglied der FPÖ war. Wie sieht es in Österreich nach seinem Tod mit dem Rechtspopulismus aus?

B. A.:
Da hat sich nichts geändert. Schon zu seinen Lebzeiten war er politisch nicht mehr die einzige tragende Figur. Schon da gab es Leute, die sein Erbe übernommen hatten.


Hier in Deutschland sind wir auf dem rechten Auge sehr blind gewesen, wie derzeit der Prozess gegen die NSU bestätigt. Aber man muss da dran bleiben.

B. A.:
Für Menschen ist es wichtig zu wissen, wo sie herkommen, auch mit den schwarzen und den braunen Flecken in einer Familie.


Die Geschichte geht nach der beschriebenen Szene in Auschwitz weiter. Sitas Familie stammt aus Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Sita fährt dort hin und findet noch die Gräber ihrer Vorfahren. Sie legt deren Fotos auf die Gräber.

B. A.:
Ja, sie bringt die Toten zu den Toten zurück.


Dadurch erschließt sich auch der Titel des Films.

B. A.:
Ja, die Lebenden zu den Lebenden.


Diese Szenen sind grandios. Auf der einen Seite grenzt Sita sich von den Taten ihrer Vorfahren ab, auf der anderen Seite ist da auch eine sehr große Vergebungsleistung. Befreiend ist eine solche Aufarbeitung für Täter und für Opfer, denn um vielleicht doch noch irgendwann einmal einen Schlussstrich ziehen zu können, bedarf es beider Seiten.




Couragierte Filmemacherin: Barbara Albert - Foto © Real Fiction Filmverleih


Text und Interview: Helga Fitzner - 28. Mai 2013
ID 6790
Weitere Infos siehe auch: http://www.dielebenden.at/


Post an Helga Fitzner



 

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