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Rezension


Filmstart: 28. Juni 2012

„Simon“ (Schweden, Dänemark, Norwegen Deutschland)

Nach dem Bestseller von Marianne Fredriksson / Regie: Lisa Ohlin


Simon (Jonatan S. Wächter) ist ein verträumtes Kind. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe der schwedischen Stadt Göteborg. Am liebsten sitzt er in seinem Baumhaus, liest und geht seinen Fantasien nach. Wie viele Heranwachsende hat er das Gefühl, nicht in seine Familie oder überhaupt in diese Welt zu gehören. Seine Eltern sind liebevolle, einfache und bodenständige Menschen. Während seine Mutter Karin Larsson (Helen Sjöholm) Simons Wunsch versteht, auf eine weiterführende Schule zu gehen, ist sein Vater Erik (Stefan Gödicke) dagegen. Erik ist Handwerker und würde seinem feingeistigen Sohn viel lieber das Schreinerhandwerk oder das Boxen beibringen. Er verlangt ein sehr hartes Opfer von Simon: Wenn er ihm erlaubt, auf die weiterführende Schule zu gehen, muss Simon sein Baumhaus aufgeben. Für den Kleinen bricht eine Welt zusammen, aber es wird sich schon sehr bald eine neue, realere Welt für ihn auftun.




Verträumt und verunsichert: Simon (Jonatan S. Wächter) - Foto © FFV/SKF/Roeder



Schon an seinem ersten Schultag gibt es Ärger. Er verteidigt einen Jungen, der von den Mitschülern schikaniert wird, weil er Jude ist. Simon ist so behütet aufgewachsen, dass er von Antisemitismus noch nichts gehört hat. Er bekommt nur am Rande mit, dass in Europa der Zweite Weltkrieg herrscht, zu dem Schweden sich neutral verhält. Der kleine Isak Lentov (Karl Martin Eriksson) und Simon werden innige Freunde. Simon ist fasziniert von der wohlhabenden, kulturdurchdrungenen Welt der Lentovs. Isaks Vater Ruben Lentov (Jan Josef Liefers) ist Bibliothekar und Musikliebhaber. Allerdings versteht Simon kaum, was mit Isaks Mutter Olga (Lena Nyhlén) los ist. Die jüdische Familie ist aus Deutschland geflohen und hat in Schweden eine Zuflucht gefunden, und Olga wird von Angstzuständen verfolgt. Ansonsten entwickelt sich der Kontakt gut. Ruben Lentov nimmt Simon eines Tages zu einem klassischen Konzert mit. Das bringt tief in Simons Innern etwas zum Schwingen, was zu seiner Identität gehört. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis ihm eine bislang vorenthaltene Wahrheit enthüllt wird.



Simon (Jonatan S. Wächter) fühlt sich wohl bei Isak (Karl Martin Erikson) - Foto © FFV/SKF/Roeder



Der heranwachsende Isak dagegen wird zunehmend depressiver. Er weigert sich auch, weiterhin in die Schule zu gehen. Ihm ist da in Deutschland etwas zugestoßen, was mit SS-Männern zu tun hatte. Isak fühlt sich von seinem Vater nicht verstanden, weil ihm das Schöngeistige abgeht. Er ist immer häufiger bei Simon und seinen Eltern zu Besuch. Da er dort aber immer nur antriebslos herumsitzt, schnappt sich Simons Vater den Burschen und drängt ihn, ihm in der Schreinerei zu helfen. Und siehe da: Isak hat genau das handwerkliche Talent, das Erik bei seinem Sohn so vermisst. Da Simon nun wiederum der Sohn ist, den Ruben Lentov sich wünscht, dreht sich das Identitätskarussell.



Die beiden Familien feiern am Meer - Foto © FFV/SKF/Roeder



Eines Tages erreicht der Holocaust dann doch die schwedische Abgeschiedenheit. Isaks Cousine Iza (Katharina Schüttler) hat das Konzentrationslager überlebt und ist zu ihrem Onkel Ruben Lentov gekommen. Der jugendliche Simon (Bill Skarsgård) fühlt sich von der ausgemergelten und komplizierten Frau angezogen. Doch auch in einer kurzen Beziehung zu ihr, findet er keine Antworten, wer er eigentlich ist. Seinen Eltern entfremdet er sich immer mehr, bis er eines Tages erfährt... Simon findet letztlich heraus, dass der Kern seines Wesens in der Musik liegt. Von da an kann er sein Leben in die Hand nehmen.

Auch wenn der Film den Holocaust nur am Rande streift, ist die Bedrohung des Judentums allgegenwärtig. Für Ruben Lentov sind Bildung und Kultur die Pfeiler seiner Identität und seiner Überlebensfähigkeit, die er auch in Schweden aufrecht erhalten kann, nachdem er Deutschland rechtzeitig verlassen hat. Sein Sohn Isak kann damit nichts anfangen. Vielleicht weil er durch die Ereignisse in Deutschland zu sehr traumatisiert ist, oder weil er schlichtweg mit einem handwerklichen Talent gesegnet ist. Simon resoniert da schon eher mit Ruben Lentov.

Simon ist ein Generationendrama und eine Geschichte über das Erwachsenwerden und die Identitätssuche. Das zeitliche Kolorit des Zweiten Weltkriegs gibt dem Stoff eine zusätzliche Brisant. Jeder hat sich mit den Licht- und Schattenseiten seines Umfelds, seiner Zeit und seiner selbst auseinander zu setzen. Regisseurin Lisa Ohlin hat den Roman von Marianne Fredriksson in eindrücklichen Bildern und Farben einfühlsam inszeniert. Neben hervorragenden Jungschauspielern besticht vor allem Jan Josef Liefers als deutscher Jude, der auch in der Diaspora und unter bedrohlichen Umständen versucht, seine Menschenwürde aufrecht zu erhalten.


Helga Fitzner - 29. Juni 2012
ID 6062

Weitere Infos siehe auch: http://www.farbfilm-verleih.de/filme/simon.html


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