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Rezension


Filmstart: 30. Mai 2013

Playoff (D / F / IL 2011)

Regie: Eran Riklis



Zeit des Schweigens – Zeit des Enthüllens

Playoff wurde von einer wahren Begebenheit Ende der 1970er Jahre inspiriert. Ralph Klein, ein erfolgreicher Basketballcoach aus Israel, kam nach Frankfurt am Main, um die marode deutsche Nationalmannschaft auf Vordermann zu bringen. Der Presserummel war gewaltig, denn Klein war ein Überlebender des Holocausts. Seine Entscheidung stieß in Israel seinerzeit auf völliges Unverständnis, und in Deutschland schossen sich die Medien auf seine Vergangenheit ein, obwohl für ihn aktuelle, berufliche Erwägungen im Vordergrund standen.

Diese Geschichte griff Regisseur Eran Riklis auf, der auch Co-Autor des Drehbuchs ist. Der Basketballtrainer Max Stoller (Danny Houston) glaubt, die Vergangenheit einfach abstreifen und als Coach in seiner einstigen deutschen Heimatstadt arbeiten zu können. Doch auffällig ist schon, dass er seine einstige Muttersprache (die „Tätersprache“) nicht spricht und sich grundsätzlich auf englisch verständigt. Die Basketballmannschaft ist anfangs skeptisch, und durch Kapitän Thomas (Max Riemelt) kommt es schon bald zur Revolte.



Auf Spurensuche: Max Stoller (Danny Houston) im Wohnhaus seiner Kindheit - Foto © Wild Bunch Germany GmbH



Max sondert sich immer mehr ab und wandert durch die Straßen seiner Kindheit. In der Wohnung seiner Familie lebt jetzt die Türkin Deniz (Amira Casar) mit ihrer heranwachsenden Tochter Sema (Selen Savas). Max darf sich die Wohnung ansehen, und es entsteht eine Freundschaft zwischen den Dreien. Deniz ist nach Deutschland gekommen, um ihren Mann zu suchen, der sich nach seinem Umzug nach Deutschland nicht wieder gemeldet hat. Bisher war ihre Suche allerdings erfolglos. Die pubertierende Sema leidet darunter und gibt sich die Schuld am Verschwinden des Vaters. Dadurch bricht in Max eine alte Traumatisierung auf. Auch er gibt sich die Schuld am Verschwinden des Vaters, der von der Gestapo verhaftet und später ermordet wurde.




Haben ein Vaterthema: Sema (Selen Savas) und Max (Danny Houston) - Foto © Wild Bunch Germany GmbH



Max setzt das in Aktivität um und versucht, Deniz' Mann zu finden. Er macht eine Anschrift ausfindig und fährt mit Deniz hin, um zu schauen, ob es sich bei der ermittelten Person um ihren Mann handelt... Deniz erfährt die Wahrheit, verschweigt sie aber ihrer Tochter, weil die Wahrheit schlimmer wäre als deren diffuse und unbegründeten Schuldgefühle. In einem Gespräch zwischen Deniz und Max wird klar, dass das für die Jugendliche Sema augenblicklich das Beste ist.

Für Max selbst ist aber nun die Zeit angebrochen, sich der Vergangenheit zu stellen. Er hat als Kind in der Konditorei nebenan Torte gestohlen und meint, dass sein Vater sich für ihn geschämt hat. Der Vater wurde in eben jener Konditorei verhaftet, und Max hat immer geglaubt, dass er dort war, um die gestohlene Torte zu bezahlen. Max hat ihn danach nie wieder gesehen. Die „Schuld“ am Tode des Vaters trug Max ein Leben lang mit sich herum, und er hat festgestellt, dass jemand anderes, wie Sema, das für ihn nicht stellvertretend lösen kann. Aber es gibt eine Zeitzeugin (Irm Hermann), die die wahren Geschehnisse kennt. Es ist Bertha, die Tochter des Konditors, die heute noch dort arbeitet und Max aus der Kindheit kennt. Max erfährt die Wahrheit und dass sie ihm vorenthalten wurde, um ihn zu schützen. An der Verhaftung des Vaters trug er nie Schuld.





Durch Wohnung und Schicksal miteinander verbunden: Deniz (Amira Casar) und Max (Danny Houston) - Foto © Wild Bunch Germany GmbH



Eran Riklis erläutert die Geschichte: „Max muss eine lange Reise unternehmen, wenn er sich mit seiner Vergangenheit, seiner Familie und sich selbst aussöhnen will. Er hat vor nichts Angst außer vor sich selbst. Es ist natürlich immer leichter, sich hinter seiner Karriere zu verstecken, als sich der Wahrheit zu stellen und die Konsequenzen zu akzeptieren... Im Wesentlichen erzählt der Film von zwei Fremden, die eine spirituelle und physische Distanz zu ihrem Heimatland haben. Sie lassen etwas zurück und wissen nicht, was sie in Deutschland vorfinden werden, aber sie beide möchten ihrer Suche einen Sinn geben. Daher müssen sie ihre Vergangenheit begraben oder wieder aufleben lassen, um die Gegenwart und die Zukunft zu verändern.“

Im Film gibt es ein Happyend. Nachdem Max die Geschehnisse seiner Kindheit aufgearbeitet hat, nähern sich Mannschaft und Coach wieder an und es kommt zu ersten sportlichen Erfolgen.

*

Eran Riklis (1954 in Jerusalem geboren) ist in erster Linie durch seine israelisch-palästinensischen Filme Die syrische Braut (2004) und Lemon Tree (2008) bekannt geworden. 2010 folgte Die Reise des Personalmanagers, die nach Osteuropa führte, und nun Playoff mit Spurensuche in Deutschland. Der differenzierte Umgang mit den Themen Verschweigen und Enthüllen macht Playoff für unsere Reihe „Europäisches Judentum im Film“ interessant. Während die 68er Generation für ein völliges Offenlegen eintrat, gehen wir heute vorsichtiger mit solchen Themen um. Auch wenn Max sein familiäres Trauma lösen konnte, besteht immer noch eine kollektive Traumatisierung von Opfern und Tätern.

Ralph Klein, der den Film inspiriert hat, verstarb 2008 als ein für sein Lebenswerk geehrter Sportler in Israel. Er hat damals einen wichtigen Beitrag zur Aussöhnung von Deutschen und Juden geleistet.


Helga Fitzner - 25. Mai 2013
ID 6784

Weitere Infos siehe auch:


Post an Helga Fitzner



 

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