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Dokumentarfilm


Filmstart: 30. Mai 2013

Haus Tugendhat (D 2013)

Buch, Schnitt und Regie: Dieter Reifarth




Haus Tugendhat ist ein ungewöhnlicher Film, auf den man sich anfangs erst ein wenig einlassen muss, genau wie auf die seinerzeit bahnbrechende Architektur seines Erbauers, Ludwig Mies van der Rohe, der das Bauwerk zwischen 1929 und 1930 für das Ehepaar Grete & Fritz Tugendhat errichtete. Die vielschichtige Dokumentation berührt Themen wie Architekturgeschichte, Zeitgeschichte sowie die persönlichen Schicksale der Familie Tugendhat, für die das Haus maßangefertigt wurde.

Die Geschichte des Hauses im tschechischen Brno (Brünn in Mähren) stellt sich als untrennbar verbunden mit der jüdischen Familie Tugendhat dar, obwohl diese 1938 nach der Annektierung durch die Nationalsozialisten das Land verließ und das Haus nie wieder in Besitz nehmen konnte. Trotzdem setzten sie sich jahrzehntelang für dessen Erhalt und Restaurierung ein. 2001 wurde es als Denkmal moderner Architektur in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen, erst 2012 konnte das dann endlich restaurierte Gebäude als Museum eröffnet werden.

Der Anspruch des Architekten und seiner Auftraggeber war ein sozialutopischer. Fritz Tugendhat war ein wohlhabender Tuchfabrikant, weltoffen und großbürgerlich und finanziell in der Lage, nach seinen Vorstellungen bauen zu lassen, Ideen, die mit Mies van der Rohes Ansprüchen an Architektur übereinstimmten. Grete Tugendhats Erinnerungen dazu: „Mies van der Rohe sagte, daß man ein Haus nie von der Fassade aus, sondern von Innen heraus bauen müsse, daß Fenster nicht mehr Löcher in der Wand sein sollten, sondern zwischen Boden und Decke ausgespannte Fläche.“ Das Haus wird von Eisenstützen getragen, was damals für ein Privathaus ein absolutes Novum war. Ebenfalls innovativ war der zentrale Wohnbereich, von dem die Tochter Daniela Hammer-Tugendhat erzählt: „Er war als fließender Raum konzipiert, den man sich erst durch eigene Bewegungen ganz erschließen konnte... Meine Mutter erzählte mir, wie grundlegend dieses Raum- und Lebensgefühl war: Abgrenzung, Für-Sich-Sein, aber immer in dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen.“





Ernst Tugendhat ist in dem Haus aufgewachsen - Foto © strandfilm Pandora Film



Im Film kommt der erstgeborene Sohn der Tugendhats zu Wort, heute einer der führenden sprachanalytischen Philosophen und Ethiker in Deutschland. Ernst Tugendhat wurde 1930 in Brünn geboren, seine „Entstehungszeit“ ist also identisch mit der des Hauses. Er ist der einzige, der noch aktive Erinnerungen hat und rund sieben Jahre lang in dem Haus aufgewachsen ist. Sein technisch interessierter Vater hat in dieser Zeit die Familie gern gefilmt. So entstand Filmmaterial, dass die Dokumentation sehr bereichert und zeigt, dass trotz des hehren Anspruchs an die Architektur ein „normales“ Familienleben möglich war. Gegenpol bilden die professionellen Architekturaufnahmen des Fotografen Rudolf de Sandalo aus der Entstehungszeit, die van der Rohes Intentionen und die Ästhetik des Neuen Bauens gekonnt ins Bild setzen. Ernst Tugenhat ist jetzt über 80 Jahre alt, geistig fit und mit Charme und Mutterwitz ausgestattet. Er hat die 70 Jahre währende Geschichte der Verwendung und des Erhalts des Hauses mit Gelassenheit überstanden.




Die Schwestern Daniela Hammer-Tugendhat und Ruth Guggenheim-Tugendhat sind im Exil geboren - Foto © strandfilm Pandora Film



Anders seine jüngeren Schwestern Ruth Guggenheim-Tugendhat und Daniela Hammer-Tugendhat, die beide im Exil in Caracas, Venezuela geboren wurden. Sie zogen mit ihren Eltern in der Kindheit in die Ostschweiz um, wo sie sich aber nicht heimisch fühlten. Obwohl sie nie dort gelebt hatten, haben sie Haus Tugendhat als Vermächtnis gesehen. 1969 reisten die Töchter mit ihrer Mutter Grete nach Brno, wo diese auf tschechisch einen Vortrag hielt und dort Informationen weitergab, die nur sie noch kannte. Daniela Hammer-Tugendhat erinnert sich: „Ich habe sie sehr bewundert, mit welcher Haltung sie dorthin gefahren ist. Ohne jede Bitterkeit. Daß das Haus vergesellschaftet worden ist, damit hatte sie eigentlich kein Problem. Sie hätte wirklich alles gemacht, um dazu beizutragen, daß das Haus restauriert und öffentlich zugänglich gemacht wird.“


Haus Tugendhat als Museum - Foto © strandfilm Pandora Film, David Židlický


Haus Tugendhat hatte wechselnde Besitzer und Organisationen, die es beherbergte. Vernachlässigung und fehlerhafte Instandsetzung gefährdeten seinen Bestand. Die Restaurierung durch den Konservator Ivo Hammer war sachgerecht und feinfühlig, verschlang aber Unsummen. Genehmigungsverfahren und die Beschaffung der finanziellen Mittel von rund 8 Millionen Euro führten zu langen Verzögerungen. Um so erfreulicher ist die Eröffnung als Museum. Dieses kann nur mittels Kartenreservierung besucht werden, die so begehrt sind, dass man sie ein paar Wochen vorher buchen muss.

70 Jahre hat es gedauert, bis der Bestand des Hauses endgültig gesichert war, in dem die Familie Tugendhat selbst nur knapp acht Jahre lebte. Zur Eröffnung des Hauses als Museum am 29. Februar 2012 hielt Daniela Hammer-Tugendhat eine Rede: „Mein Vater glaubte, dass sich die Schönheit und Klarheit dieser Architektur auf das Ethos der Menschen auswirken müssten, die in diesem Haus lebten, auf die Kinder, die darin aufwachsen. Dieser Glaube an die Wirkung von Kunst und Architektur hat eine erstaunliche Bestätigung gefunden.“

Die Familie Tugendhat verlor durch den Naziterror einige Verwandte, die die Gefahr nicht rechtzeitig erkannten. Sie hatte den Verlust der Heimat und den Verlust des Hauses zu beklagen, das ein Ausdruck ihres Lebensgefühls und inneren Haltung war. Die Jahre im Exil waren nicht leicht, aber Grete und Fritz Tugendhat hatten auch dort immer ein offenes Haus und offenes Ohr für Menschen in Not. Sie haben die Schrecken des Holocausts nicht mit Bitterkeit, sondern mit Konstruktivität beantwortet und der Menschheit ein Weltkulturerbe erhalten. Wie die innere Befindlichkeit der Nachgeborenen ist, bleibt weitgehend offen, sie haben aber im Sinne des Vermächtnisses ihrer Eltern gehandelt und etwas gerettet, das denen einmal ein Stück Heimat war, und sich selbst damit eine Art Wurzeln zurückerobert.


Helga Fitzner - 1. Juni 2013
ID 6796

Weitere Infos siehe auch: http://tugendhat.pandorafilm.de/


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