Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM

Birkenau und Rosenfeld (F/D/PL 2002)



Die alte Dame zwängt sich durch einen verschlossenen Nebeneingang und schleicht sich heimlich in das Gelände ein, obwohl sie problemlos den Haupteingang benützen könnte. Sie heißt Myriam Rosenfeld (Anouk Aimée) und will die traumatischen Bilder ihrer Jugendzeit irgendwie verarbeiten. Ein junger Fotograf namens Oskar hat dagegen die Absicht, das „Unsichtbare zu zeigen“. Beide stapfen durch die hohen Wiesen des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und sind auf Spurensuche. Die Jüdin Myriam war als junges Mädchen in Birkenau eingesperrt und will die Schreckensbilder am liebsten vergessen, der Deutsche Oskar (August Diehl) dagegen will genau diese Bilder finden. Es ist ein ungleiches Paar, das dort am historischen Ort zusammentrifft, und doch sind sie zwei Seiten derselben Medaille: Myriam, die Überlebende der Massenvernichtung und Oskar, der erst vor Kurzem erfahren hat, dass sein Großvater zu den Schergen dieses Völkermords gehört hat. Beide müssen sich auf ihre Art dem Unfassbaren, dem Unvorstellbaren stellen.



In Auschwitz-Birkenau sind nur noch wenige Baracken vorhanden, den Rest des Geländes hat sich die Natur zurückgeholt. Nicht einmal die Zeitzeugin Myriam ist frei von Irrtümern. Ihre Erinnerungen sind gnädiger, als die Umstände, die dort geherrscht haben. Ihre Psyche hatte viele Jahrzehnte lang einen Nebel über diese Zeit verhängt, und doch haben ihre Erlebnisse in Birkenau jeden einzelnen Tag ihres Lebens überschattet und geprägt. Sie findet ihre alte Baracke wieder und weiß noch genau, wo jede einzelne der Frauen ihren Schlafplatz hatte, auch wo ihr eigener war. Doch äußerlich erinnert nur wenig an das Grauen von damals. Sie klettert einen Wachturm herauf und schreit laut: „Ich lebe noch!“, doch ihre Stimme verhallt. Als sie mit dem Deutschen Oskar durch die Wiesen stapft, bückt sie sich und wühlt in der Erde. Sie hält ihre Hand hoch und zeigt Oskar: „Das ist Asche.“ Irgendwo auf dem Grundstück muss auch die Asche ihres Vaters sein. Erinnerungen kommen zurück. Ihr Vater war in Frankreich gefasst worden. Sie war damals stolz, ihm in die Deportation zu folgen. Selbst als sie merkte, was da mit ihr geschah, wusste sie doch eins: Sie hat nie wieder im Leben eine solche Liebe erfahren, wie sie zu dieser Zeit zwischen Vater und Tochter bestand.


Anouk Aimée und August Diehl

Sie versucht auch, die Stellen zu finden, wo sie als 15jährige beim Ausheben von Gräben beteiligt war. Ihr ganzes Leben lang hat ihre Erinnerung sie diesbezüglich getrogen. Erst das Telefonat mit einer weiteren Überlebenden aus ihrer Baracke rückt das Bild zurecht. Die Gräben, die Myriam als Jugendliche ausheben musste, waren keineswegs harmlos. Als die Öfen nicht mehr ausreichten, wurden darin Leichen verbrannt.


Die Regisseurin

Marceline Loridans-Ivens wird 1928 geboren und lebt mit ihrer Familie in Frankreich. 1944 wird sie zusammen mit ihrem Vater nach Birkenau deportiert. Der Vater wird ermordet, Marceline kehrt im Juli 1945 nach Frankreich zurück. Sie heiratet den Dokumentarfilmer Joris Ivens und arbeitet rund 40 Jahre lang im Filmgeschäft. „Birkenau und Rosenfeld“ ist die erste eigenständige Regiearbeit der heute 75jährigen, in der sie ihr eigenes Schicksal beschreibt.

Loridans-Ivens ist 46 Jahre nach Verlassen des Ortes, nach Birkenau zurückgekehrt und beschreibt ihre persönlichen Eindrücke dort: „Ich war erstaunt, dass ich von den Lokalitäten eine genaue Erinnerung an die Frauen-Lager A und B hatte. Aber ich hatte keine Gesamtvorstellung des Ortes und kannte das nur zwei Kilometer entfernte Auschwitz nicht. In Birkenau selbst konnte ich mich mit geschlossenen Augen bewegen. Es herrschte Stille, ein paar Vögel sangen, Füchse und Rehe waren in fast völliger Freiheit, Gras, das seit Jahren nicht mehr geschnitten wurde. Ein ruhiger und heiterer Ort, den man für einen verlassenen Garten und eine stillgelegte Fabrik hätte halten können. Ich dagegen hörte nur Schreie, das Aufschlagen der Stiefel, die unaufhörlichen Aufrufe vor den Blöcken, die Gerüche... Ich verließ diesen Ort mit einer mir vorher nicht vorstellbaren Kraft. Ich verstand, dass ich diesen Film machen würde! Nichts hätte mich daran hindern können. Wenn man mir die Drehgenehmigung nicht erteilt hätte, hätte ich mich an die Gitter mit der Aufschrift ‚Arbeit macht frei’ gekettet und wäre in Hungerstreik getreten...
Anouk Aimée, an die ich schon oft gedacht hatte, erschien mir wie eine Offenbarung. Ich war sehr glücklich, als sie die Rolle annahm. Sie spielt Myriam mit einem besonderen Talent und einer seltenen Sensibilität. Ihre Schamhaftigkeit, ihr beherrschtes Schweigen, die Zartheit ihres Spielens schaffen ein unbeschreibliches Gefühl.“


Loridans-Ivens ist ein intimer und trotz des traurigen Themas schöner Film gelungen. Sie verzichtet völlig auf Rückblenden oder Einblendungen von Dokumentaraufnahmen aus dieser Zeit. Der Schrecken und die Scham spielen sich fast ausschließlich im Gesicht der Hauptdarstellerin wider, die als alter ego der Regisseurin die Stätte des Grauens besucht. Wie in Supertex ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der eigenen Identität sehr individuell, hilft aber den Betroffenen aus einer gewissen Stagnation heraus. Der Druck, der auf ihnen lastete, scheint geringer zu sein.
Anouk Aimée

Anouk Aimée gehört zu den großen Damen des französischen Kinos. Sie wurde 1932 geboren und bekam mit 14 Jahren schon ihre erste Filmrolle. Obwohl sie hocherotisch und betörend war, hat sie sich in den jungen Jahren nie das Image einer Sexbombe aufdrücken lassen, auch wenn ihr das zweimal von Regisseur Federico Fellini abverlangt wurde, der sie in La Dolce Vita und Achteinhalb in ihrem Sexappeal erstrahlen ließ. Sonst ist Aimée immer die Rätselhafte, die Scheue und Unnahbare. Es ist dieses Geheimnisumwitterte, das sie so unvergleichlich darstellen kann und das sie für die Rolle der Myriam Rosenfeld prädestinierte. Sie ist nie vollständig zu entschlüsseln, da gibt es immer noch tiefere Schichten, in die keine Kamera vordringen kann, als wurde sie sagen: Meine Seele ist meine Privatsache.

August Diehl

Der deutsche Nachwuchsschauspieler August Diehl bewegt sich in Birkenau und Rosenfeld sicher auf internationalem Parkett und spielt in der Originalversion in französisch. In der Rolle des Fotografen, der mit Hilfe einer Überlebenden die Nazi-Vergangenheit seines Großvaters verarbeiten will, ist er zwischen Verzweiflung und Wissensdrang hin und her gerissen. Er versucht sich einer Schuld zu stellen, die er nicht persönlich auf sich geladen hat und die trotzdem für ihn real ist.

August Diehl spielte schon in Lichter und Was nützt die Liebe in Gedanken


Helga Fitzner - 5. April 2004
ID 943
Weitere Infos siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Birkenau_und_Rosenfeld



 

FILM Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

EUROPÄISCHES JUDENTUM IM FILM
Reihe von Helga Fitzner

FERNSEHFILME

FEUILLETON
Beiträge zu Film und Festivals

INTERVIEWS

NEUES DEUTSCHES KINO

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de