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Filmbesprechung


MANDERLAY

Lars von Triers zweiter Schlag nach DOGVILLE (2004) jetzt im Kino


"Man schrieb das Jahr 1933, und Grace und ihr Vater hatten gerade DOGVILLE verlassen ("Wenn es eine Stadt gibt, ohne die die Welt besser dran wäre, dann ist es diese") und befanden sich auf dem Heimweg nach Denver (...) im Staate Alabama hält ihre Autokolonne zufällig vor einem großen Eisentor, das mit einer dicken Kette und einem Schloss gesichert ist. Neben dem Tor erhebt sich eine tote Eiche über einem mächtigen Felsen, in dessen Granit der Name MANDERLAY in wuchtigen Lettern geschlagen wurde..."
(Stimme des Erzählers, Manderlay)


Wohin Grace sich nach DOGVILLE begab...

Nach DOGVILLE, in dem die Geschichte der flüchtigen Grace (Nicole Kidman) erzählt wird, die, um sich in einem Dorf geheim aufhalten zu dürfen, Grausames von dessen Bewohnern erdulden muss, bis ihr Vater sie holt und ihr die Macht gibt zu entscheiden, was mit ihren Peinigern geschehen soll, hat Lars von Trier nun den 2. Teil seiner AMERIKA-Trilogie vollendet: MANDERLAY.

Die Geschichte der naiven, wenn auch willensstarken und idealistischen Grace (diesmal gespielt von Bryce Dallas Howard) wird in diesem Film weitererzählt. Es erscheint im Hinblick auf ihre Erlebnisse in Dogville logisch, dass die Protagonistin sich verändert haben muss - die Neubesetzung der Grace wirkt daher schlüssig und irritiert vor diesem Hintergrund nicht. Diesmal führt die Geschichte sie auf die "Manderlay"-Plantage, wo 70 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei immer noch Menschen leben, die nach der Rassentrennung - schwarze Sklaven, weiße Herren - leben. Sie trifft auf eine Welt, in der Menschen in psychologische Kategorien eingeteilt sind ("clowny nigger", "proud nigger", "pleasant nigger",...), die ihren Charakter bestimmen und die Behandlung durch ihre weiße Herren festlegen. Grace ist entsetzt und bleibt mit der Absicht auf der Plantage, deren Bewohner auf den Weg in eine bessere Zukunft zu begleiten.

Wer den ersten Teil gesehen hat, hat sich eventuell bereits an das ungewöhnliche Set gewöhnt, mit dem Lars von Trier hier erneut arbeitet: Eine große Bühne mit weiß bemaltem Boden und wenigen Kulissen und Requisiten, die Örtlichkeiten in schwarzer Schrift gekennzeichnet.


Setansicht: Grace´s Vater und ein Teil seiner Gefolgsleute verlassen Manderlay, Grace bleibt, um zu helfen


"Die Sklaverei ist tief in der Psyche und Kultur der Amerikaner verwurzelt"

Manderlay zeigt dem Zuschauer eine weitaus spezifischere Situation, als der 1. Teil der Trilogie dies tat. Konnte man dort noch behaupten, dass es sich bei Dogville um ein beliebiges Dorf, das genauso gut in Europa liegen könnte, handelt, steht diesmal fest, dass die Handlung nicht nur in den USA spielt, sondern auch einem nicht unwesentlichen Teil der amerikanischen Geschichte gewidmet ist: Der Abschaffung der Sklaverei, deren Auswüchse und Folgen. Wie verstörend Lars von Triers Zugang auf ein solches Thema insbesondere auf ein amerikanisches Publikum wirken könnte, war schon während der Entstehung des Filmes ein Thema. Isaach de Bankolé, afrikanischer Abstammung mit Wohnsitz in den USA, fühlte sich "geehrt als auch gepeinigt" als er erfuhr, dass er die Rolle des "stolzen" und sich auflehnenden Sklaven Timothy spielen sollte. Danny Glover, der im Film den "treuen Haussklaven" Wilhelm spielt, lehnte seine Rolle vorerst sogar ab: "Ich bin nicht darauf angesprungen", meint er, die Figuren seien "zu stereotyp dargestellt", die Reaktion des Publikums darauf nicht absehbar und daher problematisch: "Das Thema der Sklaverei ist tief in der Psyche und Kultur der Amerikaner verwurzelt, und ganz besonders bei denjenigen, die zu den Opfern dieses Systems gehören". Beide, Glover und de Bankolé, zeigten sich anfangs auch skeptisch, dass ein Weißer, noch dazu ein Europäer sich der Thematik widmete - ein Film über die Sklaverei aus "weißer Perspektive?". Die Arbeit mit von Trier hat die beiden in Folge aber überzeugt, wie sie meinen.


Der "treue Haussklave" Wilhelm (Danny Glover)


Der dänische Regisseur bietet in seinem neuesten Werk wiederum keine Lösungen, mit denen der Zuschauer befriedigt nach Hause gehen kann, es gibt keine Eindeutigkeit in einem Film von Triers, der Mehrdeutigkeit selbst als "Schutz" empfindet. Auch HeldInnen gibt es keine, die Protagonistin selbst ist dazu nicht in der Lage. Von Trier: "Grace sollte natürlich eine sein, aber sie verdirbt alles um sich herum durch ihre Dummheit und ihre zu idealistische Einstellung. Was ihr fehlt, ist politischer Pragmatismus: sie ist halt zu dumm und zu idealistisch. Und viel zu emotional. So sollte man in der Politik nicht sein, weil man so nichts erreicht." Die Möglichkeit, den Film in direktem Bezug zu gegenwärtigen politischen Entwicklungen zu setzen, lehnt er jedoch nicht ab. Genauer gesagt kann man Grace durchaus als allegorische Figur sehen, die wie George W. Bush´s Regierung im Irak versucht, den Menschen auf Manderlay demokratische Grundwerte aufzuerlegen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Der Glaube daran, dass die eigenen Absichte gut sind, mag da sein, die Zeit hierfür jedoch nicht reif und die Gesellschaft, um die es geht, selbst nicht in der Lage, das zu schnell gelernte adäquat umzusetzen.

Hauptdarstellerin Bryce Dallas Howard erkennt neben dem Schmerzhaften des Themas auch das wichtige der Botschaft: "Manche Dinge müssen sich ändern, und ich glaube, dies ist der Weg dorthin. Keiner hört mehr auf Politiker, aber die Leute schauen sich Filme an. Ins Kino geht man nicht mit der selben Abwehrhaltung, die man den Reden der Politiker entgegenbringt. Filme sind ein Medium, in dem man noch bestimmte Botschaften oder Ansichten vermitteln kann, und deswegen finde ich es wichtig, das auch zu tun."

Grace (Howard), gibt den PlantagenbewohnerInnen einführenden Unterricht in "Demokratie"

Die Lage auf der "Manderlay"-Plantage spitzt sich zu, als klar wird, dass die Bewohner nicht in dem Maße auf ihre neue Freiheit reagieren, wie es Grace eigentlich beabsichtigt hat. Als es bei einer demokratischen Abstimmung um Leben und Tod geht, nimmt der Film eine dramatische Wendung...

Man kann Manderlay nun vorwerfen, der Plot sei im 2. Teil zu "rund", das bühnenartige Set bereits aus Dogville bekannt und deswegen nicht mehr innovativ genug, die Thematik zu spezifisch, die Details zu ausgefeilt - das Ganze überhaupt zu kommerziell und eines Lars von Triers nicht würdig: Fakt ist jedoch, hier wird erzählt, ohne Ausflüchte. Die Sprache folgt keiner political correctness. Und Lars von Trier schlägt - diesmal wahrscheinlich spürbar für viele - wieder einmal richtig hart zu.

Dogville wird am 7. November auf arte gezeigt (s. u.), der 3. Teil - Washington - ist in Planung. Manderlay ist jedoch großteils in sich geschlossen und kann daher auch als Einzelwerk rezipiert werden.


Friederike Schwabel - red. / 3. November 2005
ID 2101
MANDERLAY
(Amerika, Land of Opportunities - "Manderlay") DK, 2005, 139 Minuten, 35mm

Ein Film von Lars von Trier

Mit Bryce Dallas Howard, Isaach De Bankolé, Danny Glover, Willem Dafoe, Lauren Bacall u.a.

Im Verleih von Legend Filmverleih GmbH (Vertrieb durch Neue Visionen Filmverleih GmbH) Neue Visionen Filmverleih GmbH)

Kinostart ist am 10. November 2005

Fernsehtipp: Dogville (DK, 2003), 7. November, 20.40, arte

Weitere Infos siehe auch: http://manderlaythefilm.com






 

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