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Feuilleton


“Kumbh Mela – Short Cut to Nirvana”

(USA, 2004)
Dokumentation über ein großes Hindu-Fest in Indien
Regie: Nick Day, Maurizio Benazzo

Starttermin: 27.04.2006 in Programmkinos

Interview mit Nick Day

Dieser Film hat das Leben der beiden Filmemacher Nick Day und Maurizio Benazzo verändert. Nachdem sie gehört hatten, dass in Kürze das größte Fest der Menschheitsgeschichte, ein rituelles Treffen von mehreren Millionen Hindus begänne, buchten sie spontan Flugtickets nach Indien, kauften eine neue Kamera und noch ein paar Mikrophone dazu und flogen los. Fünf Millionen Menschen wurden zu diesem Kumbh Mela im Jahre 2001 erwartet, aber im Laufe der zwei Monate wurden es insgesamt rund 70 Millionen. 25 Millionen davon nahmen an dem rituellen Bad im heiligen Fluss Ganges teil. Das sind unvorstellbare Zahlen. Auch für Nick Day, der uns zu einem ausführlichen Interview zur Verfügung stand.


Maurizio Benazzo (l) und Nick Day (re), in der Mitte Swami Krishnanand


Nick Day hat im Bereich des Nachrichtenjournalismus gearbeitet, und so informativ wollte er auch beim Kumbh Mela vorgehen. „Aber das erste, was Menschen passiert, die mit einem vorgefertigten Plan nach Indien kommen, ist, dass der Plan zum Witz wird“, amüsiert sich Nick Day noch heute. „Indien lacht da nur über dich. Es gibt dort ein Sprichwort: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen. Und so ist es irgendwie auch, denn Indien hat einen viel besseren Plan für dich. Du musst nur bereit sein, dich darauf einzulassen.“

Ein wenig Sachlichkeit hat er zur Einführung in das Thema dann doch verwandt: „Wir wollten den Zuschauern etwas zeigen, dass sie höchstwahrscheinlich noch nie in ihrem Leben gesehen haben, deshalb beginnen und beenden wir den Film mit einer Satellitenaufnahme, die langsam auf das Terrain des Kumbh Mela zufährt. So ein bisschen, wie die Sicht, die Gott auf uns haben mag. Wir wollen das Publikum auf eine Reise mitnehmen, ihnen zeigen, was sie vielleicht hätten erleben können, wenn sie selbst dahin gefahren wären. Was hätten sie selbst vorgefunden? Welche Erfahrungen hätten sie gemacht?“



Pontoon Brücke


Der Ursprung des Festes ist ein Streit zwischen Devas (Engeln) und Asuras (Dämonen). Sie sammelten einst in einem Topf, dem Kumbh, wundersamen Honig, der ewiges Leben verheißt. Dann kam es zum Streit und die Devas flohen mit dem Topf in den Himmel. Viermal schwappte während der Flucht der Topf über und ein paar Tropfen des Honigs wurden auf der Erde vergossen. An diesen vier Stellen in Indien wird mit einem großen Fest, einem Mela, der Überlieferung gedacht.
Im Film gibt es mehrere Interviewpartner, die das Drehteam bei ihren Eindrücken vom Kumbh Mela begleitet. Da ist Dyan Summers, eine Amerikanerin, die als Krankenschwester arbeitet und sich für Esoterik interessiert. Jasper Johal ist ein Inder, der im Westen lebt und zum Kumbh Mela nach Indien zurückgekehrt ist. Und da ist Swami Krishnanand, ein immer fröhlicher Hindu-Mönch, der sozusagen die Reiseleitung übernimmt. Wir lernen einen Fakir kennen, der temperamentvoll seine spirituellen Weisheiten vermittelt, eine japanische Frau, die sich acht Tage lang in ein Erdloch einschließen lässt und viele andere für westliche Menschen seltsam anmutende Gestalten. Der Film beobachtet auch Polizisten bei der Arbeit. Angesichts der Menschenmassen sind sie nicht zimperlich, sie lenken Menschen mit einem Zuckerrohrstock in die richtige Richtung. „Diese Rauheit ist normal in Indien“, erklärt Day. „Aber in all den Wochen habe ich kein einziges Mal Ärger, Gewalt oder schlechte Stimmung erlebt. Die Menschen waren alle sehr fröhlich und gutmütig.“ Der Film ist auch offen für kritische Töne. So hält die junge Sila 80 Prozent der Gurus, Babas, Yogis und anderen „Heiligen“ für Scharlatane. (Was für eine Aufgabe in dem Gewimmel die 20 Prozent Richtigen herauszufinden.)


Avadhoot Baba


Der Höhepunkt ist das rituelle Bad in der Mündung des Flusses Ganges. „Das ist das gewaltigste Bild, das ich in Erinnerung behalten habe“, so Day. „ Ich stehe im Fluss am großen Badetag. Da sind Massen von Menschen, die im Wasser planschen und einen unwahrscheinlich glückseligen Moment in ihrem Leben erleben. Diese Freude kommt ganz tief von innen heraus. Und es waren viele Millionen von Menschen, die gleichzeitig eine derartige Erfahrung machten. Die Erinnerung an diesen großen Moment und diese Energie um mich herum, macht mir heute noch Gänsehaut.“


Badende


Einer der überraschendsten Begegnungen war die mit dem Dalai Lama. „Er wurde im Rahmen einer fortschreitenden Versöhnungskampagne zwischen Hinduismus und tibetischem Buddhismus eingeladen“ erklärt Day. „Es hat in der Vergangenheit gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Religionen gegeben. Sein Anliegen war auch hier die von Toleranz, Akzeptanz, Harmonie und Frieden. Und das ist auch die dem Kumbh Mela zu Grunde liegende Botschaft.“


Dalai Lama


Nick Day und sein Kollege Maurizio Benazzo sind inzwischen aus dem Nachrichtengeschäft ausgestiegen: „Die Fernseharbeit war gut, wir wurden bezahlt und haben es auch genossen. Aber seitdem wir aus Indien zurückgekommen sind, machen wir alles aus dem Herzen heraus. Tief in uns hat sich etwas verändert, und das hat sich auch auf unser tägliches Leben ausgewirkt. Sogar wenn ich morgens aufwache, ist etwas anders als vorher, - weil ich meiner Glückseligkeit folge.“

Im Anschluss hat Nick Day noch von den Grundsätzen und Inhalten des Hinduismus erzählt und von ihrem Unterschied zu den monotheistischen Religionen.

Interview mit Nick Day

Kultura extra:
Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen Spiritualität und Religion?

Nick Day:
Mir scheint, je religiöser ein Mensch ist, desto weniger spirituell ist er. Für mich geht es bei der Religion um Politik, Organisation, Struktur, Hierarchie, Grundbesitz, Macht und Einfluss einer Gruppe. Bei der Spiritualität geht es um den individuellen Weg jedes einzelnen Menschen. Wenn man nun versucht, alle Menschen dazu zu bringen, dem selben Pfad zu folgen, kann das in die Sackgasse führen. Ich bin da sehr unabhängig. Ich brauche keinen Priester, will keinen Boss und keine Hierarchie. Auf dem spirituellen Weg folgt man gelegentlich einem Lehrer, aber der sollte keinesfalls zum Guru erhoben werden.

Kultura extra:
Das klingt ziemlich extrem.

Nick Day:
Der spirituelle Weg ist ein radikaler Weg, denn du brauchst keine Autorität, nichts und niemanden, der dir erklärt, was du zu tun und zu lassen hast. Aber es gibt wohl etwas in der menschlichen Natur, das sich nach Struktur sehnt, nach jemandem, zu dem man aufblicken kann. Ein echter Guru wird dich darauf hinweisen, dass du dein eigener Guru bist. Der spirituelle Lehrer Krishnamurti war so eine Art Anti-Guru. Er hat gesagt, verlasst eure Gurus. Alles, was ihr braucht, tragt ihr bereits in euch. Ihr braucht nur in diese Wahrheit zu erwachen. Krishnamurti lehnt die psychologische Abhängigkeit von einem Lehrer ab.

Kultura extra:
Diese psychologische Abhängigkeit ist aber das, wovon die Religionen profitieren, insbesondere das Christentum, der Judaismus und der Islam.

Nick Day:
Ja, wir haben ein großes Talent, die Menschheit in Gruppen einzuteilen. Das ist eines der Probleme mit den monotheistischen Religionen. Entweder du bist Christ oder keiner, entweder bist du Jude oder keiner, Moslem oder nicht. All das erschafft aber nur Trennung. Beim Hinduismus ist das anders, und das rechne ich ihm hoch an. Denn er glaubt nicht an diese Dualität. Für ihn ist alles falsch und für ihn ist alles Gott, gleichzeitig. Der Hindu kennt keinen exklusiven Gott, der nur für eine kleine Gruppe von Menschen zuständig ist. Für den Hindu ist Gott absolut alles. Gott ist jedes Stück und jedes Atom im Universum in sich vereint. Und wir selbst sind genauso Gott wie alles andere um uns herum. Das ist doch eine sehr kraftvolle Idee, denn das bedeutet, dass du in allem und jedem um dich herum Gott begegnest und gleichzeitig selbst Gott bist. Das drückt sich schon in der gängigen Grußformel „Namaste“ aus. Übersetzt heißt es: Das Göttliche in mir ehrt das Göttliche in dir. Wenn wir das weiterdenken und wir jeden Einzelnen in seiner Göttlichkeit wahrnehmen, wie kann ich dann Dörfer zerbomben? Wie kann ich gegen Menschen Gewalt ausüben, wenn ich weiß, dass ich damit Gott Gewalt antue? Wir im Westen fangen auch langsam an, ein wenig von dieser Sichtweise zu übernehmen. Wir werden uns der gegenseitigen Abhängigkeiten immer bewusster.

Kultura extra:
Diese gegenseitigen Abhängigkeiten werden uns vor allem durch Umweltfragen bewusst. Katastrophen machen nicht vor Landesgrenzen halt.

Nick Day:
Unser Planet kann alle Lebewesen erhalten, nur den Menschen nicht, wenn er aus dem Gleichgewicht gerät. Wir beuten den Planeten aus und wir missbrauchen ihn. Dafür werden wir eines Tages bestraft werden. Nicht notwendigerweise von einem rachsüchtigen alten Mann mit Bart, der oben im Himmel grollt, aber das Universum wird sich gegen uns wenden, weil wir nicht in Harmonie mit unserem Planeten leben. Das kann man getrost karmisch nennen. Jede Aktion hat eine Reaktion, jede Ursache hat eine Wirkung, die eine Konsequenz mit sich zieht. Wenn wir alle fossilen Energien des Planeten ausschöpfen, der Planet sich aufheizt und 100.000 von Spezies aussterben, braucht man weder ein Guru noch ein Wissenschaftler zu sein, um zu erkennen, dass wir keine gute Zukunft haben. Wenn es so weiter geht, wird der Planet nicht mehr in der Lage sein, die menschliche Spezies zu erhalten.

Kultura extra:
Im Film haben die Gurus das Thema deutlich angesprochen.

Nick Day:
Die Gurus waren sehr daran interessiert, mit uns zu sprechen. Sie machen sich große Sorgen um uns und den Rest der Welt. Sie sind besorgt wegen der Kriege und Auseinandersetzungen, denn sie fühlen so große Liebe in ihren Herzen. Als wir sie am Ende baten, das Filmprojekt zu segnen, taten sie nicht nur das. Sie segneten die Zuschauer, die diesen Film sehen würden, gleich mit.

Kultura extra:
Ihre Absicht ist schon, mit dem Film etwas zu bewirken?

Nick Day:
Ich hoffe das schon, im kleinen Rahmen. Wenn es nur etwas in der Einstellung von einigen Menschen auslöst, einfach offener für andere gedankliche und weltanschauliche Konzepte zu werden. Filmarbeit versucht, Ideen zu vermitteln. Das ist ein mögliches Kommunikationsmittel. Das kann man auch durch Schreiben, durch Kunst und durch Musik erreichen. Ich alleine kann mit dem Film nichts bewirken, aber das kollektive Bewusstsein der Menschheit ist durchaus dazu in der Lage. Übertrieben formuliert: Wir können die Welt verändern mit einem entsprechenden Massenbewusstsein. Ich kann es, du kannst. – Wir müssen es um unser selbst willen. Die Lehre der Ganzheitlichkeit, in der es keine Dualität gibt, kann dabei helfen. Sie fördert das Verständnis, dass wir von nichts und niemandem getrennt sind. Wir sind alle Teile eines überwältigend großen, mit einander verbundenem Ganzen, das wir Gott nennen. Wir können auch ein anderes Etikett draufkleben. In Indien ist Gott alles. Er manifestiert sich in verschiedenen Gottheiten wir Shiva, Vishnu, Krishna und viele andere. Doch eigentlich sind dies nur verschiedene Aspekte eines einzigen Ursprungs, von dem wir alle abstammen. Es ist nur unser Ego, das uns voneinander trennt, die Illusion, wir hätten ein individuelles Selbst. Ein erleuchtetes Selbst, so habe ich während des Kumbh Mela gelernt, vermeidet die Identifikation mit dem Ego und befindet sich in Liebe und Einheit mit allen und allem. Das ist die ultimative Befreiung. Das ist Nirvana.


Helga Fitzner - red / 18. Mai 2006
ID 00000002402
“Kumbh Mela – Short Cut to Nirvana”
(USA, 2004)
Dokumentation über ein großes Hindu-Fest in Indien
Regie: Nick Day, Maurizio Benazzo
Starttermin: 27.04.2006 in Programmkinos

Weitere Infos siehe auch: http://www.shortcut-to-nirvana.de






 

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