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Rezension


Filmstart: 26. August 2010

„Mary & Max oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet?“ (Australien 2009)

Knetanimationsfilm aus über 132.000 Einzelbildern

Buch, Regie und Design: Adam Elliot

© MFA + Filmdistribution

In einer Zeit, in der Actionfilme in 3D boomen, ist es möglicherweise gewagt, so etwas „altmodisches“ wie eine Animation aus Knetgummi auf den Markt zu bringen, obwohl die auf ihre Art auch sehr aufwändig ist. Wer nun mit der Erfahrung der „Wallace & Gromit“-Filme in „Mary & Max“ geht, dessen Erwartungen werden zu Beginn auch ein wenig erfüllt. Es geht ruhig und betulich zu und es handelt sich um skurrile, nicht ganz alltägliche Figuren und Begebenheiten, die witzig aufbereitet sind. Die Geschichte spielt sich aber letztendlich auf einer Ebene und in einer Tiefe ab, die es bislang als abendfüllende Knetanimation noch nicht gegeben haben dürfte. Vor allem der Balance-Akt zwischen Tragödie und Komödie, der schwarze Humor und der liebevoll, fast zärtliche Unterton sind beeindruckend.

Mary Daisy Dinkle ist ein achtjähriges Mädchen, das 1976 in einer Vorstadt in Australien lebt. Ihr Vater arbeitet sein Leben lang in einer Fabrik, in der seine einzige Aufgabe darin besteht, Schnüre an Teebeutel zu stanzen. Das Ausstopfen toter Vögel als Hobby ist ihm wichtiger als seine kleine Tochter. Marys Mutter zieht billigen Sherry ihrem Kind vor. Die Eltern hatten irgendwann wohl mal Träume, aber die sind im Alltagstrott untergegangen, der sich durch allgemeine Sprachlosigkeit auszeichnet.

Die heranwachsende Mary hat drängende Fragen, aber keinen Ansprechpartner. Im Postbüro schlägt sie daher willkürlich die Seite eines Telefonbuchs auf, tippt mit dem Finger auf einen Namen und beschließt, dieser Person zu schreiben. Sie findet Max Jerry Horowitz aus New York City in den USA. Was sie noch nicht weiß: Max ist ein älterer Herr, jüdischer Abstammung, aber Atheist, schwer übergewichtig, schokoladensüchtig und er leidet am Asperger-Syndrom. Die beiden haben aber auch Gemeinsamkeiten. Beide lieben Schokolade, sammeln Gummifiguren, haben keine Freunde, möchten aber einen haben. So entwickelt sich eine sehr intensive und langjährige Brieffreundschaft zwischen den beiden.


Mary schreibt an Max - Foto © MFA + Filmdistribution

Max ist anfänglich mit Marys direkten Fragen überfordert. Da er am Asperger-Syndrom leidet, hat er Schwierigkeiten im Sozialverhalten und sprachlichen Umgang mit anderen Menschen. So kann er die emotionale Befindlichkeit von Personen nicht erkennen und auch seine eigene nicht aussenden. Das erschwert den direkten Umgang mit Menschen, funktioniert aber weitestgehend im Schriftverkehr mit Mary.

Menschen mit dem Aspergersyndrom sind normal intelligent, manche sogar hochbegabt. Die meisten verfügen über ein überdurchschnittliches Gedächtnis. Wie Mary hat auch ihr Erschaffer, der Autor und Regisseur Adam Elliot, einen amerikanischen Brieffreund gehabt: „Wie Max leidet auch er an Asperger und ich habe das Syndrom gründlich recherchiert. Ich möchte dem Publikum nicht nur die Welt der Aspies, wie sie salopp genannt werden, vorstellen, sondern auch mit den vielen Missverständnissen aufräumen, die selbst unter sogenannten Experten herrschen“, erklärt Elliot. Für ihn ist der Film generell eine Hommage an den „Underdog“, an den Außenseiter, an jemanden, der nicht im Einklang mit der Welt steht.

Bei aller Problematik und manchmal Trostlosigkeit strotzt der Film vor Lebensbejahung. Er gewährt Einblick in die Welt zweier Ausgegrenzter, in ihre Höhen und Tiefen, ihre Erfolge und ihr Scheitern. Es dauert nicht lange und man vergisst, dass es Knetgummifiguren sind, findet Gemeinsamkeiten mit ihren Erfahrungen, denn manchmal sind nicht sie skurril, sondern ihre Umwelt. Als Max einmal an einer Bushaltestelle sitzt, fragt er sich, warum es überhaupt Fahrpläne gibt, wenn sie so und so nicht eingehalten werden. Was ist eigentlich „normal“? Die gleichgültige und konforme Vorstadt von Mary oder das hektische New York, in dem Max lebt?



Max im Aspies-T-Shirt - Foto © MFA + Filmdistribution


Max und Mary haben einander gern und lernen, sehr respektvoll miteinander umzugehen. Sie setzen sich mit den Eigenheiten und den Störungen des jeweils anderen auseinander und geben sich trotz der riesigen Distanz zwischen Australien und den USA gegenseitig ein Stück Heimat.

Neben Max und Mary lernen wir noch viele andere Personen und Persönlichkeiten kennen. Den schüchternen Damian, den Mary heiratet, Max’ Nachbarin Ivy, die glaubt, dass regelmäßige Darmspülungen verjüngend wirken und Max’ philosophischen Psychiater, der dem Übergewichtigen erklärt: „Man solle nichts essen, was größer ist, als der eigene Kopf und nie schwerer sein als sein Kühlschrank.“ Das muss Max erst einmal mit Hilfe von Schokolade verdauen.


Helga Fitzner - red. / 26. August 2010
ID 00000004780

Weitere Infos siehe auch: http://www.maryandmax.de


Post an die Autorin: fitzner@kultura-extra.de



 

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