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Doppelkritik

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Zugegeben: Sunrise und California City behandeln zwei gänzlich verschiedene Themen in zwei sehr unterschiedlichen Regionen. Aber beide Filme setzen eher auf Atmosphäre, auf eine elliptische Erzählweise und auf Bilder als auf eine konventionelle, handlungsbasierte Dramaturgie. Das rechtfertigt, sie in einem Text zusammen zu rezensieren. Es sind zwei hochinteressante, hintergründige, allerdings auch sehr offen strukturierte und langsam vor sich hin plätschernde Filme, deren kontemplativer Rhythmus nur dann zu goutieren ist, wenn man in einem relaxten Modus ohne Eile oder Ehrgeiz vor sich hin döst und die ruhige Stimmung auf sich wirken lassen kann. Idealerweise sollte man sich beide Filme nach einer Massage- oder Yogastunde anschauen oder wenn man etwas bekifft oder angetrunken ist.

* * *

Das gilt insbesondere für California City, dessen experimenteller Charme daher rührt, dass Regisseur Bastian Günther halb Fiktionales und halb Dokumentarisches zusammenführt. In der kalifornischen Mojavewüste, rund zweieinhalb Stunden nordöstlich von Los Angeles liegt California City, die einst als Metropole geplant war, aber deren Besiedelung nie richtig in Schwung kam und seit rund 20 Jahren weitgehend ausgestorben ist.

Bastian Günther (Huston) teilt uns seine irritierende Faszination an dieser Ödnis durch die Erlebnisse eines Desinfektionsexperten mit, der im Auftrag einer ominösen Firma verlassene Grundstücke und verdreckte Swimmingpools mit chemischen Mitteln vor Moskitoplagen schützt. Nur hin und wieder trifft dieser Mann (Jay Lewis, der einzige professionelle Schauspieler) in dem bizarren Szenario auf andere Zurückgebliebene: seinen einzigen Kumpel, einen Ex-Makler, der jetzt die Geisterstadt inklusive seines eigenen, früheren Hauses verscherbelt, eine Fotografin und einen verarmten Einsiedler, der Altmetall sammelt – Beweise von geheimen militärischen Flugübungen, die in dem Nirgendwo regelmäßig abgehalten werden.

Doch mehr als die immer spärlicheren Mitteilungen seines Auftraggebers – die eines Tages schließlich ganz ausbleiben – plagen den professionell umher vagabundierenden Desinfektionsspezi die Erinnerungen an seine große Liebe Chelsea. Klar ist: Solange sie Jay beherrschen und in tiefe Melancholie versetzen, wird er nicht die Kraft finden, dem unheimlichen Ort den Rücken zu kehren.

Natürlich ist California City eine wahrgewordene Metapher für das Scheitern großspuriger, den geografischen Umständen trotzender Projekte, die von Menschenhand entworfen wurden. „Ich wollte einen Film darüber machen, wie wir uns in einem System verloren haben und wie wir mit den leeren Hüllen und Versprechen einer Idee zurückgelassen wurden“, so Günther, der für seine ernüchternde Bestandsaufnahme einer zerfallenden Welt kongeniale Bilder und Situationen gefunden hat.

Bewertung:    



California City | (C) Verleih Real Fiction


*

Auch Günthers indischer Kollege Partho Sen-Gupta zeigt in Sunrise eine in Apathie, Resignation und Delirium versinkende Welt, vermag aber seine atmosphärischen Bilder nicht ganz so deckungsgleich mit der äußeren Handlung in Einklang zu bringen. Sunrise erzählt von abscheulichen Verbrechen: der massenhaften Verschleppung und Versklavung indischer Kinder durch professionell organisierte Banden. Im Abspann des Films ist von jährlich 100.000 verschwundenen Kindern pro Jahr die Rede. Einige dieser Fälle muss in Sunrise der Leiter einer Polizeistation in einer indischen Großstadt bearbeiten, dessen Tochter ebenfalls vor Jahren entführt wurde und der dadurch, ebenso wie seine Frau, schwer traumatisiert ist. Der unaufgeklärte Fall hat dazu geführt, dass Joshi (Adil Hussain) in eine imaginäre Welt abgedriftet ist, in der er das Schicksal seiner Tochter aufklären und heldenhaft die Entführer zur Strecken bringen kann.

Die Fantasien Joshis gewinnen zunehmend surreale Rauschhaftigkeit, je mehr das reale Szenario Züge eines neuerlichen Alptraums annehmen: Obgleich die jüngsten Entführungsfälle wohl in unmittelbarer Nähe der Polizeiwache stattgefunden haben und die Polizisten die Vergnügungssalons und Bordelle der Gegend durchsuchen, werden die entführten jungen Mädchen nicht gefunden. Die Täter verfügen inzwischen über zu viel Routine im Verdecken und Einschüchtern ihrer Opfer, als das ihnen die Razzien etwas ausmachen. So steigert sich Joshi immer mehr in seine Fantasiewelt hinein, erkennt die Indizien in seinem Umfeld nicht und fällt damit als Ermittler weitgehend aus.

Schade ist, dass die surrealen Bildkompositionen zwar überzeugend das Trauma der Hauptfigur illustrieren, aber die gesellschaftliche Brisanz und physische wie psychische Dimension der hier angesprochenen Verbrechen dämpfen und vernebeln. Natürlich muss so etwas nicht durchgehend naturalistisch dargestellt werden, um Wirkung zu erzeugen. Aber starke emotionale Wucht entfalten vor allem jene Szenen, in denen die Angst und Verzweiflung der jungen weiblichen Opfer ohne ästhetische Schnörkel gezeigt werden.

Irritierend, um nicht zu sagen: fahrlässig, ist auch, dass eines der Hauptprobleme innerhalb des indischen Beamtenapparates und der Gesellschaft insgesamt so gar nicht thematisiert wird: die überbordende, zivilbürgerliche Entwicklungen hemmende Korruption. Der traumtänzerisch agierende Polizeiinspektor hat durchweg Kollegen um sich, die allenfalls etwas bequem und faul wirken, aber nicht Teil des Problems sind.

Bewertung:    



Sunrise | (C) Verleih Rapid Eye Movies

Max-Peter Heyne - 27. August 2015 (2)
ID 8832

Post an Max-Peter Heyne



 

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